Der 8. Kontinent

Der 8. Kontinent

Eine Filmkritik von Marie Anderson

All over the world

Da erhält eine energische junge Frau, die ihr Leben augenscheinlich bestens im Griff hat, unvermittelt die Nachricht vom Tode ihrer Mutter, mit der sie vor Jahren im Streit gebrochen hat. Für eine Aussprache, geschweige denn eine Versöhnung ist es nun zu spät, doch mit der Umsetzung eines Lebenstraums der Mutter kommt es dennoch zu einem würdigen Abschied. Mit dieser Geschichte nach seinem selbst verfassten Drehbuch im Gepäck hat sich der Karlsruher Regisseur Serdar Dogan (Kopfkino, 2011) mit seinem Team auf eine Weltreise begeben, um seinen zweiten Spielfilm Der 8. Kontinent an Originalschauplätzen zu inszenieren.
Gerade auf dem Sprung nach Rom, wo sie mit zwei Kommilitonen den Entwurf für einen Mensa-Neubau vorstellen will, bekommt die Architekturstudentin Lena (Maike Johanna Reuter) überraschenden Besuch von ihrem Vater Berthold (Thomas Scharff), nachdem sie im Alter von 16 Jahren im Zuge einer heftigen, zunächst nicht näher bezeichneten Auseinandersetzung ihr Elternhaus verließ. Verärgert über sein Erscheinen gewährt Lena ihrem sichtbar verunsicherten Vater fünf Minuten Redezeit, woraufhin Berthold ihr den Unfalltod der Mutter (Cosma Shiva Hagen) mitteilt und ihr einen der Briefe mitbringt, die diese Jahr für Jahr zum Geburtstag ihrer Tochter geschrieben hat. Schockiert wirft Lena ihren Vater hinaus und liest später widerstrebend die Zeilen ihrer Mutter an sie, der noch einige folgen werden, denn bevor sie nach Rom aufbricht, sucht sie noch einmal ihren Vater auf und nimmt die Briefe an sich, die sie im Verlauf des Films noch an den unterschiedlichsten Orten der Welt lesen wird.

Denn angekommen in Rom fasst Lena mit einem Mal den Entschluss, jetzt und sofort das in die Tat umzusetzen, was ihre Mutter sich immer für sie beide erträumt hatte: Eine Reise in alle fünf Kontinente. Die notwendigen Mittel dafür unterschlägt Lena kurzerhand aus dem Architektur-Projekt, das durch Crowdfunding finanziert wurde, und diese Wendung markiert eine der schelmischen, selbstreferentiellen Finten des Regisseurs, mit denen der Film durchwebt ist, der selbst mit Unterstützung dieser modernen Schwarm-Methode realisiert werden konnte. New York City ist die erste Station dieser heiteren bis melancholischen Reise, die einerseits von Lenas Gedanken und Erinnerungen an ihre Mutter geprägt ist und andererseits von ihren illustren Begegnungen unterwegs lebt, deren facettenreiche, sorgfältige Gestaltung diesem Roadmovie erfrischende, cross-kulturelle Qualitäten verleiht.

Die eloquente Französin Isabelle (Yeshe Pfeifer) in New York, die eine Karriere als Model anstrebt, die sanfte Lau Yeung (Kate Ng) in Hong Kong, in der Lena trotz oder wegen schier unüberbrückbarer Sprachbarrieren eine gute Zuhörerin findet und durch deren Vermittlung sie in so schmerzhaften wie lehrreichen Kontakt mit einem Kung Fu-Meister (Mak Che Kong) gerät, der nachdenkliche Taxifahrer Biko in Südafrika (Joseph Mitchell Sr.), mit dem sie die beseelte Probe eines Gospel Chors erlebt, und der Gitarrist am Strand von Australien, mit dem Lena ein Tütchen raucht und der verdächtig einem Karlsruher Regisseur gleicht: Die Charakterzeichnungen von Der 8. Kontinent, die eine warme, dichte Atmosphäre kostbarer Begegnungen kreieren, gelingen mit, trotz und jenseits von bekannten Typen-Mustern in außergewöhnlichem Maße, betont durch die stimmigen Songs des Soundtracks, der innerhalb der sorgfältig gestalteten Dramaturgie die Wohlfühl-Stimmungen potenziert, während die von Ben Hansen komponierte, feinsinnige Filmmusik markante Akzente setzt und spezifische Motive so ansprechend wie eingängig flankiert.

Die Bedeutung der Briefe von Lenas Mutter mit ihrer wachsenden Imaginationskraft, die ein 22-jähriges Leben skizzieren, wird durch die Visualisierung von handschriftlichen Textfragmenten unterstützt, die beizeiten über den Bildern schweben, begleitet von der Stimme Cosma Shiva Hagens als prominenter Gast eines ambitionierten Projekts, dessen kostengünstige Produktion sich erstaunlich wirksam gestaltet und das durch Effekte wie diesen auch auf formaler Ebene überzeugt. Die Geschichte der jungen Frau, die auszieht, um sich in der fernen Fremde gedanklich mit ihrer verstorbenen Mutter zu versöhnen und damit auch eine verdrängte Dimension der eigenen Existenz zurückerobert, erscheint über ihre angenehme Unterhaltsamkeit hinaus auch als stark emotional geprägtes, tröstliches Plädoyer für das Wagnis, sich in Zeiten der Trauer intensiv mit der eigenen Lebenskonfiguration auseinanderzusetzen. Es wäre nicht Serdar Dogan, wenn dieser Stoff am Ende nicht noch mit einer überraschenden Wendung aufwarten würde, die Der 8. Kontinent mit sanfter Ernsthaftigkeit ausklingen lässt.

Der 8. Kontinent

Da erhält eine energische junge Frau, die ihr Leben augenscheinlich bestens im Griff hat, unvermittelt die Nachricht vom Tode ihrer Mutter, mit der sie vor Jahren im Streit gebrochen hat. Für eine Aussprache, geschweige denn eine Versöhnung ist es nun zu spät, doch mit der Umsetzung eines Lebenstraums der Mutter kommt es dennoch zu einem würdigen Abschied.
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