Den' Pobedy (2018)

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Das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park ist offiziell eine Gedenkstätte. Besonders am 9. Mai kommen jedes Jahr wieder tausende Menschen in Berlin zusammen, um an den Sieg der Roten Armee im „Großen Vaterländischen Krieg“ zu erinnern. Aber wem soll da heute überhaupt noch gedacht werden – und wie?

Den' Pobedy (2018)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Die Russen kommen

Sie kommen von überall her, jedes Jahr wieder und vor allem am 9. Mai besonders zahlreich: Hunderte Berliner, darunter natürlich viele deutschsprachige Russen, genauso wie tausende Russen aus allen Winkeln der Welt. Der international renommierte ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa (Austerlitz/Maidan/The Event) hat das seltsam anmutende Erinnerungsspektakel mit Tingeltangelcharakter einen Tag lang mit der Kamera begleitet.

Das Ergebnis heißt Victory Day (Den’ Pobedy) und wurde nun im Rahmen der Berlinale 2018 in der experimentellen Programmsektion Forum uraufgeführt. 

Dabei halten die einen bereits in einer der ersten Einstellungen stolz Russland-Fahnen in ihren Händen, andere Antifa-Plakate oder Bilder ehemaliger Kriegsveteranen. Manche von ihnen erscheinen mitsamt Kind und Kegel – und in ziemlich grotesker Weise – gleich in Ex-Sowjet-Uniformen an diesem unweigerlich militärisch aufgeladenen Stückchen Berlin. Wieder andere, zum Beispiel die furchteinflößenden Vertreter des Moskauer Motorradclub der „Nachtwölfe“, haben für diesen Anlass stolz ihre schwarze Rockerkluft angelegt, die bei manchen von ihnen selbst schon wieder wie eine phantasievolle SM-Uniform aus einer fernen Galaxis wirkt – und dem weitgehend heterogenen Treiben zusätzlich eine weitere merkwürdige Note verleiht. 

Das Gros dieser wirren, selten wirklich überschaubaren Menschenmenge, die sich relativ uneitel, manchmal sogar völlig unbeobachtet vor Sergei Loznitsas, Diego Garcias, Jesse Mazuchs Kamera wie in einem tempogedrosselten Tarkowski-Film dahinschlängelt, trägt jedoch Blumen und Gedenkschleifen in schwarz und orange mit sich: Oder gleich ganze Sträuße, um sie im Anschluss an einem der letzten noch freien Flecken innerhalb jener gigantomanischen Anlage niederzulegen, die Stalins Architekten und Bildhauer unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dort begonnen hatten. 

Im Jahr 1949 wurde das „Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park“, wie es inzwischen offiziell genannt wird, schließlich pompös eingeweiht. Auch die DDR-Führung ließ übrigens in den kommenden Jahrzehnten bis zu Mauerfall kein Jahr aus, um an dieser Stelle dem Ende des Zweiten Weltkriegs sowie im Speziellen den 7000 dort begrabenen Rotarmisten zu gedenken und diesen Ort zugleich ideologisch-propagandistisch für die eigenen SED-Zwecke wie die des großen Bruderstaates aus dem Osten zu nutzen. So lautete von Beginn an der außenpolitische Deal der den beiden Staaten während des gesamten Phase des Kalten Kriegs. 

Spätestens seit der Jahrtausendwende geht es hier allerdings – und besonders im Wechsel vom 8. zum 9. Mai – alles andere als staatstragend, ideologisch oder einfach nur kontemplativ-innehaltend zu, wovon Sergei Loznitsas sperriger Erinnerungsfilm im direct-cinema-Stil über weite Strecken zehrt. So exakt, präzise symmetrisch und achsengenau wie die reale Topografie jenes Ortes angelegt wurde, so hat auch Loznitsa seinen neuesten Film überaus streng komponiert und sich hierbei offensichtlich an jener Architekturform stark orientiert. 

Im Wechsel aus einer Reihe unkommentierter O-Töne („Hurra – Hurra –  Hurraaa!“) oder Satzfetzen („... ist der Xavier Naidoo ...“), vielen persönlichen, nicht automatisch stets kontextualisierten Momentaufnahmen und einigen besonders langen – mitunter quälend langen – Einstellungen, in denen bei bester Wodka-Laune ausufernd gesungen („Kosaken Kosaken reiten durch Berlin!“), freudig geschunkelt oder gleich zu Kalinka-Klängen wild losgetanzt wird, hat er seinen individuellen Blick als Filmemacher auf diesen merkwürdig fremdartigen Gedenkmarathon strukturiert. 

Zusammen mit harten Umschnitten auf einige der berühmten martialisch-monumentalen Reliefplatten, rhythmisch wiederkehrenden Liedausschnitten und manchen Teilnehmern, die man in diesem eigensinnigen filmischen Wimmelbild gelegentlich sekundenweise wiedererkennt, betont Loznitsa ein weiteres Mal – wie beispielsweise jüngst schon in Austerlitz – seinen großen Formwillen. Kein Wunder, dass dieser Mann mit dem Faible für Kybernetik und Künstliche Intelligenz einst nicht nur Regie, sondern später auch Ingenieurswissenschaften und Mathematik studiert hatte. 

So schafft er es filmisch dann auch gekonnt, dieses selten ruhigen Treiben mit Rummelatmospähre in elegante Tableaux vivants zu gießen. Das hat zwar insgesamt einen recht bescheidenen Unterhaltungswert – Humor, gar Satire sucht man in Victory Day bis auf eine kurze Szene mit zwei festlich geschmückten Foxterriern fast durchgängig mit der Lupe –, zeugt aber durch die meisterhafte Audio-Gestaltung, in der sich einzelne Wörter, markante Refrainzeilen oder kollektive Freudenschreie nicht selten zu einer faszinierenden Melange verbinden, von Loznitsas hohem ästhetischen Gespür: Hier wird das einst so stille Ehrenmal im Treptower Park eine geradezu einzige menschliche, obendrein höchst vitale Menschen-Skulptur – und zugleich ein Ort diffuser Erinnerungskultur – mitten in Berlin. 

Den' Pobedy (2018)

"Den' Pobedy" dokumentiert die Aufmärsche und Versammlungen am Sowjetdenkmal im Treptower Park am 9. Mai, dem Jahrestag des Sieges der UdSSR über Nazideutschland. Hier ereignen sich vom frühen Morgen bis tief in die Nacht denkwürdige Szenen, wenn etwas eine kleine Gruppe von Besuchern ein Porträt Stalins mit einem Handkarren herbeischafft. Man hört patriotische Lieder und der Wodka fließt reichlich ...

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