Das krumme Haus (2018)

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Wenn Agatha Christie ihren 1949 erschienenen Roman "Das krumme Haus" selbst als eines ihrer besten Werke bezeichnet – kann eine hochkarätig besetzte Verfilmung des Stoffs dann überhaupt schiefgehen?

Das krumme Haus (2018)

Eine Filmkritik von Lars Dolkemeyer

Mit Sicherheit verunsichernd

Die Verfilmung einer Vorlage, die wie Agatha Christies Das krumme Haus zu den besten Werken der Autorin gehört, kann eigentlich gar nicht scheitern. Kommt dazu eine Besetzung, die mit Namen wie Glenn Close, Gillian Anderson, Christian McKay oder Christina Hendricks aufwarten kann, erscheint es sogar regelrecht unmöglich, daraus einen uninteressanten Film zu machen. Doch es ist vielleicht gerade diese Sicherheit, die Gilles Paquet-Brenners Das krumme Haus (Crooked House) im Wege steht.

Die Erzählung ist so simpel wie brillant: Der alte, schwerreiche Patriarch Aristide Leonides stirbt und schnell ist klar, dass die Flüssigkeit in seinem Insulin-Fläschchen dafür verantwortlich war. Die Mitglieder seiner Familie, die im großen Anwesen gemeinsam unter einem Dach leben, sehen in seiner zweiten, deutlich jüngeren Ehefrau Brenda (Christina Hendricks) schnell die Täterin.

Doch was ist mit seinem Sohn Philip (Julian Sands), dessen Frau Magda (Gillian Anderson) für ihre scheiternde Karriere als Schauspielerin eine kleine Finanzspritze gebraucht hätte, die der Vater ihr verweigerte? Was ist mit der Schwester seiner ersten Frau, Edith de Haviland (Glenn Close), die den alten Mann nie leiden konnte? Profitiert nicht auch sein anderer Sohn (Christian McKay) davon, dass er die scheiternden Familiengeschäfte, mit deren Übernahme er seit Jahren überfordert ist, endlich abgeben kann? Leonides‘ Enkelin Sophia (Stefanie Martini) beauftragt ihren alten Bekannten, den Privatdetektiv Charles Hayward (Max Irons), im Haushalt auf Spurensuche zu gehen, damit das Verbrechen nicht an die große Glocke gerät – doch hätte nicht selbst sie ein Motiv gehabt?

Die verdichtete Whodunit-Erzählung in der Enge des verwinkelten, titelgebenden Familienanwesens, das überschaubare und zugleich faszinierende Figuren-Inventar und die intensive Spannung der verschiedenen Motive und innerfamiliären Spannungen, der Wendungen und offengelegten Geheimnisse, machen Christies Roman zu einem Meisterwerk. Mit der hervorragenden Besetzung, die Das krumme Haus versammelt, entwirft der Film auf dieser Grundlage eine nicht weniger packende Spirale der im Verlauf der Ermittlung sich offenbarenden Enthüllungen. Hinter jeder Tür warten unterdrückte Aversionen und alte Leidenschaften, im dichten Netz der von ihrem verstorbenen Über-Vater abhängigen Familie. 

Produktions-Designer Simon Bowles gelingt es, dafür faszinierende und wortwörtlich krumme Räume zu entwerfen. So dringen Lichtspiele von beinahe andersweltlicher Qualität immer mehr in das bedrohlich-dunkle, verwinkelt-unübersichtliche Anwesen ein. Doch das ist einer der wenigen ästhetischen Einfälle, den Das krumme Haus sich in einer Weise erlaubt, die von der ansonsten bei allem Bemühen recht konventionellen Inszenierung abweicht. Gleiches gilt für die Zeichnung der Figuren: Das Ensemble des Films ist viel zu gut, um die Dynamik der Familienmitglieder nicht mit Präzision, ihre unterdrückten Gefühle nicht mit zurückgenommener Energie hervorragend zu spielen – doch fehlt es oft an der Vielseitigkeit, an den Nuancen, die zu den derartig facettenreichen Charakteren darüber hinaus gehörten. 

Weder die dezente Abweichung von der bodenständigen Entwicklung einer Kriminalhandlung, die sich über die Rauminszenierung kurz anbahnt, sogleich jedoch in einem unpassend rasanten Finale einfangen wird; noch die ganze dunkle Tiefe der verkommenen, dekadenten Unternehmerfamilie, die von den allzu glatten darstellerischen Darbietungen übergangen wird, können etwas aus der literarischen Vorlage herausholen, das nicht in ihrer eigenen Qualität bereits begründet läge. Das macht Das krumme Haus noch lange nicht zu einer verfehlten Verfilmung – mehr als einen soliden und sicher ausgespielten Krimi kann der Film aber nicht bieten. Vor dem Hintergrund seiner Möglichkeiten ist das bedauerlich.

Das krumme Haus (2018)

Eine Agatha-Christie-Verfilmung: Als Charles (Max Irons) nach Ende des Krieges endlich nach England zurückkehrt und offiziell um die Hand seiner Sophia (Stefanie Martini) anhalten will, kommt den beiden eine Familientragödie dazwischen: Sophias Großvater Aristide wurde vergiftet. Sophia, durch den Vorfall völlig verstört, möchte erst in die Ehe einwilligen, wenn der Mord aufgeklärt und der Täter gefunden ist.

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Meinungen
Martin Zopick · 06.12.2018

Das Schurkenschloss

Der Titel von Agatha Christies Roman ist im Deutschen etwas unglücklich übersetzt. Das Original stützt sich auf ein Kinderlied, in dem es heißt … ‘There was a crooked man and he bought a crooked cat, which caught a crooked mouse, and they all lived together in a little crooked house.’
Nur dass das schlossähnliche Gebäude der wohlhabenden Familie Leonides alles andere als ‘krumm‘ ist. Drum sollte hier wohl auch eher die Bedeutung ‘Schurke oder Gauner‘ zutreffen. Regisseur Paquet-Brenner ist die Dramaturgie etwas verrutscht. Er hat an ihrer Stelle die Symmetrie eingesetzt. Dreiviertel des Films belauern und beschimpfen sich die Angehörigen des Clans gegenseitig und jeder hätte sowohl ein Motiv als auch die Möglichkeit den Tycoon Aristides zu vergiften, indem er oder sie ihm seine Augentropfen in die Blutbahn gespritzt hat, anstatt dorthin zu träufeln, wo sie hingehören. Diese fast zehn Personen sorgen für Unübersichtlichkeit. Und es ist ein äußerst dialoglastiger Plot, bei dem den Zuschauer nur die bombastische Ausstattung des großen Hauses bei Laune hält. (Gucken und Staunen!). Am Ende kommen nur die jüngste, die kleine Josephine (Honor Kneafsey) und die älteste Bewohnerin, Lady Edith (Glen Close), des Anwesens als Täter in Betracht. Genaugenommen eigentlich nur eine der beiden Mädels.
Rein symmetrisch gesehen rahmen außerdem zwei Figuren die ganze Mörderbande ein: Sophia (Stefanie Martini), die ihren Ex-Lover Charles (Max Irons, hat es schwer sich gegen seinen übergroßen Vater Jeremy durchzusetzen) mit den Ermittlungen beauftragt. Beide sind wieder bei der finalen Explosion dabei. Die letzte Viertelstunde kann das bis dahin gesehene nicht aufwiegen. Zumal die Darsteller keineswegs grottenschlecht sind, nur zu selbstverliebt agieren. Da hätte die Regie mehr aus ihnen rauskitzeln müssen.

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