Das krumme Haus (2018)

Mit Sicherheit verunsichernd

Eine Filmkritik von Lars Dolkemeyer

Die Erzählung ist so simpel wie brillant: Der alte, schwerreiche Patriarch Aristide Leonides stirbt und schnell ist klar, dass die Flüssigkeit in seinem Insulin-Fläschchen dafür verantwortlich war. Die Mitglieder seiner Familie, die im großen Anwesen gemeinsam unter einem Dach leben, sehen in seiner zweiten, deutlich jüngeren Ehefrau Brenda (Christina Hendricks) schnell die Täterin.

Doch was ist mit seinem Sohn Philip (Julian Sands), dessen Frau Magda (Gillian Anderson) für ihre scheiternde Karriere als Schauspielerin eine kleine Finanzspritze gebraucht hätte, die der Vater ihr verweigerte? Was ist mit der Schwester seiner ersten Frau, Edith de Haviland (Glenn Close), die den alten Mann nie leiden konnte? Profitiert nicht auch sein anderer Sohn (Christian McKay) davon, dass er die scheiternden Familiengeschäfte, mit deren Übernahme er seit Jahren überfordert ist, endlich abgeben kann? Leonides‘ Enkelin Sophia (Stefanie Martini) beauftragt ihren alten Bekannten, den Privatdetektiv Charles Hayward (Max Irons), im Haushalt auf Spurensuche zu gehen, damit das Verbrechen nicht an die große Glocke gerät – doch hätte nicht selbst sie ein Motiv gehabt?

Die verdichtete Whodunit-Erzählung in der Enge des verwinkelten, titelgebenden Familienanwesens, das überschaubare und zugleich faszinierende Figuren-Inventar und die intensive Spannung der verschiedenen Motive und innerfamiliären Spannungen, der Wendungen und offengelegten Geheimnisse, machen Christies Roman zu einem Meisterwerk. Mit der hervorragenden Besetzung, die Das krumme Haus versammelt, entwirft der Film auf dieser Grundlage eine nicht weniger packende Spirale der im Verlauf der Ermittlung sich offenbarenden Enthüllungen. Hinter jeder Tür warten unterdrückte Aversionen und alte Leidenschaften, im dichten Netz der von ihrem verstorbenen Über-Vater abhängigen Familie. 

Produktions-Designer Simon Bowles gelingt es, dafür faszinierende und wortwörtlich krumme Räume zu entwerfen. So dringen Lichtspiele von beinahe andersweltlicher Qualität immer mehr in das bedrohlich-dunkle, verwinkelt-unübersichtliche Anwesen ein. Doch das ist einer der wenigen ästhetischen Einfälle, den Das krumme Haus sich in einer Weise erlaubt, die von der ansonsten bei allem Bemühen recht konventionellen Inszenierung abweicht. Gleiches gilt für die Zeichnung der Figuren: Das Ensemble des Films ist viel zu gut, um die Dynamik der Familienmitglieder nicht mit Präzision, ihre unterdrückten Gefühle nicht mit zurückgenommener Energie hervorragend zu spielen – doch fehlt es oft an der Vielseitigkeit, an den Nuancen, die zu den derartig facettenreichen Charakteren darüber hinaus gehörten. 

Weder die dezente Abweichung von der bodenständigen Entwicklung einer Kriminalhandlung, die sich über die Rauminszenierung kurz anbahnt, sogleich jedoch in einem unpassend rasanten Finale einfangen wird; noch die ganze dunkle Tiefe der verkommenen, dekadenten Unternehmerfamilie, die von den allzu glatten darstellerischen Darbietungen übergangen wird, können etwas aus der literarischen Vorlage herausholen, das nicht in ihrer eigenen Qualität bereits begründet läge. Das macht Das krumme Haus noch lange nicht zu einer verfehlten Verfilmung – mehr als einen soliden und sicher ausgespielten Krimi kann der Film aber nicht bieten. Vor dem Hintergrund seiner Möglichkeiten ist das bedauerlich.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/das-krumme-haus-2018