Café Ta'amon - King George Street, Jerusalem

Café Ta'amon - King George Street, Jerusalem

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Erinnerungen an eine Jerusalemer Institution

Es gibt Caféhäuser, die sind viel mehr als nur Orte, an denen man sich trifft, das eine oder andere Heiß- oder Kaltgetränk zu sich nimmt, Stunden um Stunden verbringt, Pläne schmiedet oder einfach nur schwadroniert. Das Café Ta’amon in der King-George-Street in Jerusalem ist einer dieser legendenumwobenen Orte, die Geschichte atmen und an denen Geschichte gemacht und viele Geschichte erlebt wurden. 1936, als der Staat Israel noch in weiter Ferne lag, wurde es von deutsch-jüdischen Emigranten gegründet und 1960 von dem heute 85 Jahre alten Mordechai Kopp erworben. Da das Ta’amon genau gegenüber der Knesset lag, entwickelte es sich unter Kopps Ägide zu einem beliebten Treffpunkt für Politiker unterschiedlichster Couleur, hier verkehrten Persönlichkeiten wie Golda Meir, Mosche Dayan, Itzhak Rabin und Menachem Begin, die die Politik Israels seit der Gründung des Staates wesentlich mitgeprägt hatten.
Vor allem verkehrten hier zwei politische Parteien, die extrem weit links angesiedelt waren, die Matzpen und die Black Panthers of Israel, die hier ihre Kämpfe mit dem verhassten Polit-Establishment austrugen. Und dennoch fand man hier, an den Tischen des Cafés, immer wieder zusammen. Hier verkehrten jüdische und arabische Intellektuelle, immer wieder kam es zu handfesten Prügeleien – vor allem in der Zeit des Sechs-Tage-Krieges, der die Stimmung im Land aufheizte und für eine Radikalisierung der extremen Rechten und Linken sorgte.

Ein geschichtsträchtiger Ort also, der 2013 für immer seine Türen schloss. Der Filmemacher Michael Teutsch war in den letzten Tagen der Jerusalemer Institution vor Ort und hat das sehr gemächliche Treiben in dem Café mit der Kamera eingefangen – so beginnt sein kleines filmisches Denkmal, das es dem Zuschauer wahrlich nicht leicht macht, den Zauber der ge- und erlebten Historie nachzuvollziehen. Das Problem: Das Ta’amon wirkt wie eine etwas heruntergekommene Imbissbude, die Menschen, die dort verkehren, sind mittlerweile in die Jahren gekommen, die Revolutionäre von einst sind müde und grau geworden, wenn sie in vielen verschiedenen Sprachen von damals erzählen, als das Café für sie so etwas wie der Nabel der Welt war.

Aus diesen manchmal recht beiläufig wirkenden Gesprächen, aus Archivaufnahmen, Interviewsequenzen (unter anderem mit Daniel Cohn-Bendit, der von einer viel diskutierten Rede erzählt, in der er 1970 für eine Zwei-Staaten Lösung eintrat) und Impressionen des gemächlichen Alltags in dem Café versucht der Film, den Zauber von einst wieder heraufzubeschwören, doch das gelingt leider nur teilweise. Allzu oft plätschert der Film vor sich hin, Höhepunkte oder dramaturgisch geschickt platzierte Widerhaken finden kaum je statt und am Anfang fühlt sich vor allem derjenige Zuschauer, nicht nicht mit der israelischen Innenpolitik der 1950er, 60er und 70er Jahre vertraut ist, seltsam verloren an diesem Ort, der wie ein ramponiertes Museum wirkt.

Was bei allem Verständnis für die politische Bedeutung des Ortes in dem Ortsporträt jedoch völlig fehlt, ist eine sinnliche Komponente, die die Stimmung von einst nicht nur intellektuell, sondern auch visuell erfahrbar macht. So ist Café Ta’amon vor allem eines: Ein sprödes Dokument des Erinnerns an einen Platz, an dem die Brüche und Kämpfe des jungen Staates Israel quasi exemplarisch sichtbar wurden. Schade nur, dass sich das allen Augenzeugenberichten zum Trotz so wenig vermittelt und dass sich der Film mit zunehmender Laufzeit allzu oft wiederholt, so dass mit der Zeit der Eindruck entsteht, dass das Material nicht die gesamte Laufzeit des Films trägt.

Café Ta'amon - King George Street, Jerusalem

Es gibt Caféhäuser, die sind viel mehr als nur Orte, an denen man sich trifft, das eine oder andere Heiß- oder Kaltgetränk zu sich nimmt, Stunden um Stunden verbringt, Pläne schmiedet oder einfach nur schwadroniert. Das Café Ta’amon in der King-George-Street in Jerusalem ist einer dieser legendenumwobenen Orte, die Geschichte atmen und an denen Geschichte gemacht und viele Geschichte erlebt wurden.
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