Breath Made Visible

Breath Made Visible

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Porträt einer radikalen Poetin des Tanzes

Dieser Tage, genauer am 13. Juli 2010, wird sie 90 Jahre alt und erscheint doch trotz der vielen Falten in ihrem Gesicht ungleich jünger. Vielleicht ist das einfach so, wenn man so von einer Sache besessen ist wie Anna Halprin, dass man mit ihrer Hilfe sogar den Krebs besiegen konnte. Der Schweizer Filmemacher Ruedi Gerber hat mit Breath Made Visible eine faszinierende Dokumentation über Anna Halprin, die durch das ungeheure Charisma der Tänzerin ebenso fasziniert wie durch seine beeindruckenden Bilder.
Anna Halprin wurde am 13. Juli 1920 als Tochter einer jüdischen Einwandererfamilie geboren und hieß eigentlich Hannah Dorothy Schumann. Schon im Alter von vier Jahren begann sie zu tanzen. Doch sie merkte schnell, dass das klassische Ballett nicht ihr Ding war und beschäftigte sich bereits im Alter von 15 Jahren mit den Techniken und Methodiken von Ruth St. Denis und Isadora Duncan. Später folgte ein Studium an der Universität Wisconsin bei Margaret H’Doubler, die ihr lebenslang als Vorbild und Mentorin diente. Nach einem Umweg über Cambridge, Massachusetts, wo sie Design studierte und Künstlern wie Walter Gropius oder Wassily Kandinsky begegnete, zog es sie nach dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit ihrem Mann, dem renommierten Landschaftsarchitekten Lawrence Halprin, nach Los Angeles. Dort gründete sie im Jahre 1959 die Company San Francisco Dancers‘ Workshop, ein Experimentierfeld, das Künstlern aller Gattungen offen stand. Denn ihr Credo lautet auch heute noch: „Jeder ist ein Tänzer, eine Tänzerin.“

Ihre Workshops und Performances werden zu Ereignissen und nicht selten zu handfesten Skandalen – wie etwa „Dress and Undress“, bei dem erstmals gänzlich nackte Tänzer auf der Bühne standen. Immer wieder eckt Halprin sowohl künstlerisch wie auch politisch an, und gilt in der internationalen Kunst-, Musik- und Tanzszene schon bald als Philosophin, Poetin und Rebellin.

Als sie Anfang der 1970er Jahre an Darmkrebs erkrankt, ist das zunächst ein gewaltiger Schock für sie. Nach ihrem aus der Krankheit resultierenden Abschied von der Bühne nimmt sie den Kampf gegen den Krebs auf – natürlich mit den Mitteln des Tanzes: „Bevor ich Krebs hatte, schöpfte ich aus dem Leben Kunst. Nachdem ich Krebs gehabt hatte, half mir die Kunst, wieder ins Leben zurückzufinden“, so bekannte sie später. Und natürlich wird sie genau diese Erfahrungen der Möglichkeit einer Selbstheilung in den kommenden Jahren an andere Kranken oder Rekonvaleszenten weitergeben – sie tut es heute noch.

Der Filmemacher Ruedi Gerber kennt die Ikone des Tanzes und der Performance schon seit vielen Jahren. Und so ist es kein Wunder, wenn man bisweilen nicht das Gefühl hat, einer Jahrhunderttänzerin gegenüber zu sitzen, sondern vielmehr einer alten Bekannten, die einen bereitwillig einlädt, gemeinsam die Stationen ihres erfüllten Lebens aufzusuchen. In einer gelungenen und überaus spannenden Mixtur aus Interviews (meist an Originalschauplätzen gedreht), historischem Material und Rückblicken mittels expressiver Fotos kommt man der Person und Persönlichkeit Halprins nahe und unternimmt zugleich eine Reise durch mehrere Jahrzehnte, Kunst-, Gesellschafts- und Weltgeschichte. Im widerständigen Leben der Tänzerin spiegeln sich die großen Umwälzungen der Politik ebenso wieder wie die wechselnde Bedeutung der künstlerisch-tänzerischen Avantgarde und diverser Subkulturen. Vor allem aber zeigt der Film, dessen Titel auf einer Definition der Künstlerin des Wesens des Tanzes beruht, welch eine faszinierende, offene, nachdenkliche und zugleich humorvolle Persönlichkeit Anna Halprin besitzt. Sie ist das eigentliche Faszinosum, dieses Films, der dem oft als unverständlich empfundenen Erscheinungsbild des modernen Tanzes ein ganz leichtes und beinahe heiteres Erscheinungsbild verpasst.

Breath Made Visible

Dieser Tage, genauer am 13. Juli 2010, wird sie 90 Jahre alt und erscheint doch trotz der vielen Falten in ihrem Gesicht ungleich jünger. Vielleicht ist das einfach so, wenn man so von einer Sache besessen ist wie Anna Halprin, dass man mit ihrer Hilfe sogar den Krebs besiegen konnte. Der Schweizer Filmemacher Ruedi Gerber hat mit „Breath Made Visible“ eine faszinierende Dokumentation über Anna Halprin, die durch das ungeheure Charisma der Tänzerin ebenso fasziniert wie durch seine beeindruckenden Bilder.
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Meinungen
Carlos Vallejos · 25.02.2012

Hello, I tryed to see this film in Berlin but couldn't manage to. Is it any DVD version of it to be bought?

Flo · 17.06.2010

endlich mal wieder guter Film!

Kommentare

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