Abschied

Abschied

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Der lange Weg

Helene erwartet ihre Freundin Johanna. Ziemlich nervös, hektisch, sie kommt gerade vom Einkaufen. Schnell verstauen, Tisch abwischen, noch ein nerviges Handy-Telefonat, die Sofakissen zurechtklopfen, der Türöffner streikt, drei Versuche, bis Johanna oben ist in der kleinen Wohnung. Zwei Freundinnen, die erstmal warm werden müssen miteinander, Smalltalk, ein bisschen unbehagliches Schweigen; dann kommt man zum Geschäftlichen, Helene wird Fotos machen bei Johannas Perlenhochzeit, dem 30. Hochzeitstag, und Johanna plant dafür Helenes neue Küche. Die alte Nähe zwischen ihnen stellt sich ein. Und irgendwann, aus nichtigem Anlass – eine Die Dinge des Lebens-DVD – öffnet sich Johanna zu einer Art Lebensbeichte, das Vergangene und Verdrängte in ihr bricht sich Raum.
Die Kamera ist da ganz nah an ihr dran, sie sitzt im Mittelpunkt des Bildes – es war ein langer Weg bis dahin, denn die beiden Darstellerinnen, Claudia Martini als Johanna und Martina Spitzer als Helene, agieren in einer einzigen langen Einstellung, an einem Stück, während ein ganz langsamer Zoom über 45 Minuten sich hineinschleicht in diese ganz und gar introvertierte Performance von Claudia Martini, die eine alte, nie verwundene, tragische Liebesgeschichte erzählt. Am Höhepunkt, wenn die erzählte Vergangenheit in die Gegenwart hineinreicht, wenn Martini wieder auftaucht aus diesem Ausbruch in die eigene Lebenstraumatik, dann zoomt die Kamera wieder zurück, "back to normal", als Beobachter in der Ecke, eine Ernüchterung, vielleicht eine Vertiefung der Freundschaft zwischen Helene und Johanna; vielleicht auch ein aufgebrochenes Leben, der Beginn eines Neuanfangs.

Ludwig Wüst hatte vor sieben Jahren von seiner Mutter auf dem Sterbebett von deren alter Jugendliebe erfahren, eine Geschichte, die er nun verarbeitet hat – eine Geschichte, die Claudia Martini, die auch einen Drehbuch-Credit erhalten hat, lebendig werden lässt. Monatelang hat sie sich, auch mit Hilfe eines Schauspielcoachs, diese Figur, diese Johanna erarbeitet, hat sich selbst mit ihr vereinigt für diese unglaubliche, auf Basis des Erarbeiteten improvisierte Performance vor der Kamera, in der die Stimmung der Figur, damit des Films, so wunderbar, so dynamisch ins Drehen kommt.

Am Ende des Films, in den letzten 20 Minuten, steht eine Reise; Johanna auf der Straße, verloren; Johanna, die sich ein rotes Kleid kauft, die im Kino den Dritten Mann ansieht, die die Friedhofsallee aus dem Film entlangläuft, die auf einer Baustelle übernachtet, um nach einer Zugfahrt in einem Bungalow im Burgenland anzukommen; und eine Reise der Kamera zurück, mit Blick auf die Details am Rand ihres Weges, auf Baugrund, an Bahnübergängen, Bilder von Zerfall und Bruch, so läuft der Film aus …

Abschied

Helene erwartet ihre Freundin Johanna. Ziemlich nervös, hektisch, sie kommt gerade vom Einkaufen. Schnell verstauen, Tisch abwischen, noch ein nerviges Handy-Telefonat, die Sofakissen zurechtklopfen, der Türöffner streikt, drei Versuche, bis Johanna oben ist in der kleinen Wohnung.
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