Zinder (2021)

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Die Regisseurin Aïcha Macky ist in ihre Geburtsstadt zurückgekehrt und hat in einem Armenviertel gedreht. Herausgekommen ist ein Dokumentarfilm über starke Persönlichkeiten und eine Gruppe mit einem erschreckend schrägen Namen.

Zinder (2021)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Eine Bande namens Hitler

Eine Metropole, völlig verschiedene Lebenswege. Aïcha Macky stammt aus Zinder, der zweitgrößten Stadt Nigers. Doch während sie in ihrem Heimatland, im Senegal und in den USA studierte und einen Master in Soziologie und Kreativem Dokumentarfilm machte, kommen die in ihrem Film Porträtierten nicht aus ihrem Viertel heraus. Siniya Boy, Bawa und Ramsess leben in Kara Kara, einem Stadtteil, der einst für Leprakranke errichtet wurde. Macky hat den Alltag dieser Ausgegrenzten festgehalten.

Der Bildungsstand ist niedrig, die Arbeitslosigkeit hoch, die Bedrohung durch die Terrorgruppe Boko Haram allgegenwärtig. Viele junge Männer schließen sich in sogenannten „Palais“ zusammen. Auch Bawa gehörte einmal einer solchen Jugendgang an und erzählt freimütig von seinen Verbrechen: Vieraugengespräche, die nichts beschönigen und gleichzeitig den unbeholfenen Umgang mit der eigenen Schuld offenlegen. Die Narben auf seinem Körper erinnern Bawa daran. Heute ist er Familienvater, verdient sein Geld als Fahrer eines Moto-Taxis und gehört einem „Palais“ erwachsener Gewichtheber an, das einen verblüffenden Namen trägt: Hitler. Mit dessen Gedankengut hat die Gruppe jedoch nichts gemein.

Auch Siniya Boy stemmt in der Hitler-Gang Gewichte. Zu Beginn des Films ist er mit der Fahne seines „Palais“ zu sehen. In jeder Ecke prangt ein kleines Hakenkreuz, das den muskulösen Gewichtheber in der Mitte einrahmt. Ein seltsamer Anblick. Nach dem Grund dafür gefragt, weshalb die Regisseurin einen anderen Weg gegangen sei als er, antwortet Siniya Boy kurz, aber treffend: „Bildung.“ Wie sehr diese in Kara Kara fehlt, verdeutlicht die Antwort, die er auf die Frage nach dem Namen seines „Palais“ gibt. Hitler, das sei ein starker Typ aus Amerika, der sich von niemandem etwas sagen lasse und folgerichtig ein passender Name für eine Gruppe muskelbepackter Männer. Wenn die Kamera dabei ist, versuchen sie schon mal abwechselnd, ein Motorrad in die Höhe zu heben. Halbstarke Lausbuben in erwachsenen Körpern.

Die Regisseurin kommentiert all das nicht. Zwischendurch verstärkt Dominique Peters Musik eine Emotion. Größtenteils aber sieht Aïcha Macky dem Leben in Kara Kara und im Rotlichtviertel Tudun James, in das Bawa sie nachts mitnimmt, einfach nur zu. Dabei ergeben sich fruchtbare Begegnungen. Ramsess, die sich selbst als „halb Frau, halb Mann“ bezeichnet, war ursprünglich wohl nicht als Gesprächspartnerin vorgesehen. Macky begegnet Ramsess, als sie Siniya Boy an seinem Straßenstand beliefert. Er verkauft dort in Flaschen abgefülltes Benzin, sie schmuggelt den Treibstoff – und der Film hat eine zusätzliche Protagonistin gefunden, mit der Macky nun nachts auf Schmuggeltour geht.

Entlang der Leben dieser drei Personen gleitet Julien Bossés Kamera durch die Straßen, blickt mal nach links, mal nach rechts und lauscht den Gesprächen. Sie ist am Gefängniszaun dabei, an dem Siniya Boy mit drei inhaftierten Mitgliedern seines „Palais“ plaudert und im Rotlichtviertel, wenn eine Sexarbeiterin ihre Narben zeigt, die alle zuvor gezeigten Narben der Männer in den Schatten stellen. Auch das macht Aïcha Mackys Film deutlich: Hinter jedem Mann, der Gewalt erlebt hat, steht eine Frau, die noch mehr Gewalt erlebt hat. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, müssen sich die Bewohner*innen Kara Karas selbst helfen. Siniya Boy, Bawa und Ramsess machen einen Anfang.

Zinder (2021)

Gerade noch für die Gesellschaft unsichtbar, schließen sich junge Arbeitslose zu Banden zusammen und rebellieren.

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