Der Waldmacher (2022)

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Bäume wachsen lassen, ohne welche zu pflanzen – wie das geht, zeigt Tony Rinaudo. Volker Schlöndorff hat den Träger des Alternativen Nobelpreises durch Afrika begleitet.

Der Waldmacher (2022)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Baumwurzelbewegung

Das Thema Aufforstung wird nicht nur angesichts des Klimawandels heiß diskutiert. Auch der Landwirtschaft könnte sie helfen, denn mit den wieder wachsenden Bäumen gesunden auch die Ackerböden. Wie das geht, zeigt Tony Rinaudo auf dem afrikanischen Kontinent seit Jahrzehnten, was Volker Schlöndorff auf ihn aufmerksam machte. Der deutsche Oscarpreisträger hat einen Dokumentarfilm über den australischen Baumflüsterer gedreht.

„Es hieß, er ließe ganze Wälder wachsen, ohne einen einzigen Baum zu pflanzen“, lässt Schlöndorff sein Publikum aus dem Off wissen. Bis es so weit war, musste bei Tony Rinaudo allerdings erst ein Lernprozess einsetzen. Als der Agrarwissenschaftler 1981 in den Niger kam, bekämpfte er die durch Rodungen verödeten Böden konventionell: Er pflanzte neue Bäume. Doch die Setzlinge gingen ein, und die Bauern zeigten keinerlei Interesse an Rinaudos Bemühungen. Dann machte er eine Entdeckung.

Während einer Fahrt durch vermeintlich totes Land, im Film als kurze animierte Sequenz dargeboten, sieht Rinaudo einen Baum aus dem Boden sprießen. Der ist nicht von ihm gepflanzt worden, sondern aus dem riesigen Wurzelwerk erwachsen, das tief unter der Erde schlummert. Diese Entdeckung ändert alles. Statt neue Bäume zu pflanzen, revitalisiert Rinaudo das immer noch vorhandene Wurzelwerk – und überzeugt diesmal auch die Menschen vor Ort von dieser Methode.

Für seine Arbeit hat Tony Rinaudo 2018 den Alternativen Nobelpreis erhalten. In der Presse wird er schon mal als „Mutter Theresa Afrikas“ tituliert, was ihm gar nicht behagt. Schließlich vollbringe er keine Wunder, sondern arbeite nur mit dem, was bereits vorhanden ist. Für Schlöndorffs Film ist er noch einmal in den Niger zurückgekehrt, wo vor 40 Jahren alles begann.

Dort begleitet Schlöndorff seinen Protagonisten durch die Dörfer, in denen Rinaudo herzlich willkommen geheißen wird und mühelos in der Landessprache parliert. Er sitzt in Radiostationen, um für seine Sache, die Agroforstwirtschaft, zu werben und geht gemeinsam mit den Bäuerinnen und Bauern auf die Felder, um sie beim Baumschnitt anzuleiten. Bei alldem drängt er sich nie in den Vordergrund oder spielt sich auf. Rinaudo ruht in sich, ist bescheiden, hört zu und wirbt leise, aber voll innerer Überzeugung um Verständnis.

Diese Überzeugung geht weit. Rinaudo glaubt fest daran, dass ein so riesiger Kontinent wie Afrika mit den richtigen Anbaumethoden die ganze Welt ernähren könnte. Das macht dann selbst Schlöndorff, der in diesem „Film-Essay“, als den er sein neuestes Werk bezeichnet, sowohl vor als auch hinter der Kamera agiert und eine der Kameras selbst bedient, stutzig. Doch nach allem, was der Regisseur und mit ihm sein Publikum von Tony Rinaudo gezeigt bekommen, möchte man dieser steilen These nur allzu gern glauben.

Überhaupt der Glaube. Wenn es einen großen Kritikpunkt an Der Waldmacher gibt, dann den, dass Schlöndorff seinem Film einen verzichtbaren religiös-spirituellen Überbau verpasst hat. Der in verschiedene Kapitel eingeteilte Film beginnt mit einer Schöpfungsgeschichte, und in manchen Kapitelüberschriften klingt die Bibel an. 

Davon abgesehen ist dieser Film eine abwechslungsreiche Reise durch mehrere afrikanische Staaten, die mögliche Wege aus der Krise aufzeigt, die Augen vor den Problemen aber nicht verschließt. In einer sehr losen Struktur, die Vorgefundenes mit Archivaufnahmen, Animationen und Ausschnitten aus den Filmen anderer Regisseur:innen miteinander verwebt, nimmt Schlöndorff nicht nur seinen Protagonisten, sondern nach und nach auch die am Wegesrand getroffenen Bewohner:innen in den Blick, je länger die Reise dauert. 

Auch andere Projekte zur Wiederaufforstung wie die große grüne Mauer, jüngst im Film The Great Green Wall (2019) dokumentiert, unterzieht Schlöndorff einer kritischen Revision. Ginge es nach ihm, bestünde die Zukunft nicht in solch groß angelegten, staatenübergreifenden Projekten, sondern in kleinen Graswurzelbewegungen wie der von seinem Protagonisten angestoßenen. „Das es Lösungen gibt, habe ich gesehen“, sagt Schlöndorff aus dem Off und entlässt sein Publikum mit der von Tony Rinaudo geäußerten Hoffnung, dass nichts tot sei. Alles könne wieder wachsen.

Der Waldmacher (2022)

1981 kommt der Australier Tony Rinaudo als junger Agrarwissenschaftler in den Niger, um die wachsende Ausbreitung der Wüsten und das Elend der Bevölkerung zu bekämpfen. Radikale Rodungen haben das Land veröden lassen und einst fruchtbare Böden ausgelaugt. Doch Rinaudos Versuche die Wüste durch das Pflanzen von Bäumen aufzuhalten scheitern und nahezu alle seine Setzlinge gehen wieder ein. Doch dann bemerkt er unter dem vermeintlich toten Boden ein gewaltiges Wurzelnetzwerk – eine Entdeckung, die eine beispiellose Begrünungsaktion zur Folge hat und unzähligen Menschen neue Hoffnung schenkt.

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