We Are All Detroit - Vom Bleiben und Verschwinden (2021)

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Die Städte Bochum und Detroit erlebten Glanzzeit und Niedergang der örtlichen Autoindustrie. Wie gehen die Bewohner*innen, die ehemaligen Beschäftigten der geschlossenen Werke mit der Zeitenwende um? Können die Städte überleben? Der Dokumentarfilm von Ulrike Franke und Michael Loeken forscht nach.

We Are All Detroit - Vom Bleiben und Verschwinden (2021)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Auferstehen aus Industrie-Ruinen

„Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein. Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden“, heißt es in dem Sonett „Es ist alles eitel“ von Andreas Gryphius. Der Mann kannte die Städte Detroit und Bochum nicht, er verfasste seine prophetische Vision im 17. Jahrhundert. Zu Beginn ihres Dokumentarfilms lassen Ulrike Franke und Michael Loeken einzelne Bewohner*innen beider Städte Passagen aus dem Gedicht vorlesen. „Er hat’s verstanden“, sagt ein Mann aus Detroit. Die Autoindustrie ist weg, geblieben sind die aufgelassenen Standorte und die bangen Fragen zur Zukunft der Stadt.

Ulrike Franke und Michael Loeken interessieren sich schon lange für die Arbeitswelt und den Strukturwandel im Ruhrgebiet. Davon zeugt ihre Ruhrgebietstrilogie mit Losers and Winners von 2006, Arbeit Heimat Opel von 2012 und Göttliche Lage von 2014. In ihrem neuen Film beobachten sie nicht nur, wie sich Bochum nach der Schließung des Opel-Werks 2014 verändert, sondern sie schauen sich auch in Detroit um. In der amerikanischen Stadt hat General Motors, der frühere Mutterkonzern von Opel, seinen Sitz. Außerdem haftet Detroit, einst Produktionsstätte renommierter Automarken wie dem Cadillac, das Image einer Geisterstadt an. Viele der alten Werksgebäude stehen immer noch. Sogar auf dem früheren Gelände des Autoherstellers Packard, der schon in den 1950er-Jahren dichtmachte. Ganze Straßenzüge mit Einfamilienhäusern oder Läden sind verwaist, das Wort vom „Ruinen-Porno“ macht die Runde in der Stadt, in der Touristen den Niedergang bestaunen.

Franke und Loeken haben von 2014 bis zum Beginn der Pandemie 2020 viermal in Detroit gedreht und viele Gespräche mit Bewohner*innen geführt. Und sie haben in Bochum die Abrissarbeiten auf dem Werksgelände von Opel beobachtet, mit Rentnern gesprochen, die ihr ganzes Arbeitsleben dort verbrachten und mit einigen der vielen, die sich nach einem neuen Job umsehen mussten. So unterschiedlich in beiden Städten mit dem Ende des Industriezeitalters umgegangen wird, ähneln sich doch die Reaktionen der betroffenen Menschen. Hier wie drüben erzählen ältere Menschen mit Wehmut und auch Stolz von den besseren Zeiten, der Freude an der Arbeit, die gutes Geld brachte und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit im Betrieb.

Ein früherer Opel-Angestellter in Bochum hat den Bauernhof seiner Familie übernommen, in Detroit finden einige Bewohner*innen neue Erfüllung beim Urban Gardening: Sie bauen auf Brachflächen ihr eigenes Gemüse an und verkaufen es auf dem Markt. Aber andere Alteingesessene wie Richard Crabb, der seinen 1918 gegründeten Werkzeugladen nun schließen muss, sprechen davon, dass eine neue Generation in die Stadt ziehen wird mit anderen Geschäftsideen wie schicken Restaurants und Fahrradläden. Während Detroit stellenweise allmählich einen zaghaften Aufschwung zu erleben scheint, geht man in Bochum städtebaulich gezielter vor. Auf einem Teil des ehemaligen Werksgeländes steht nun ein modernes Paketzentrum der Deutschen Post, das 600 Arbeitsplätze bietet. Auf dem anderen Teil soll sich ein Forschungs- und Technologieareal entwickeln. Der Architekt Wolfgang Krenz aber ist unzufrieden. Er hätte eine zum Abriss bestimmte Werkshalle gerne als Industriedenkmal erhalten wollen, das von neuen kleinen Betrieben genutzt werden kann. So unterscheiden sich die Perspektiven auf den Wandel.

Der Film zeigt auf, wie sehr die Biografien der Stadtbewohner*innen doch vom Arbeitsleben geprägt sind. Man lässt sich dort nieder, wo es sichere Beschäftigung gibt, gründet Familien – und steht oft ohne Alternative da, wenn Unternehmen schließen. Die eingefangenen Stimmen betonen wiederholt, dass ehemalige Werksarbeiter und Ingenieure nicht diejenigen sein werden, die Jobs in Computertechnologie und anderen neuen Branchen bekommen. Ob die betroffenen Städte überleben, hängt vom Zuzug neuer Unternehmen und ihrer Beschäftigten ab. Aber auch der Online-Handel und die Home-Office-Kultur drücken Städten ihren Stempel auf. Was soll mit früheren Geschäftszeilen geschehen, wie kommt neues Leben in die Straßen? Ulrike Franke und Michael Loeken beweisen erneut, dass die wichtigen Themen Stadtentwicklung und Arbeitswelt nicht zu sperrig und abstrakt sein müssen für das dokumentarische Filmgenre.

We Are All Detroit - Vom Bleiben und Verschwinden (2021)

„We are all Detroit — Vom Bleiben und Verschwinden“ bildet die brisanten Entwicklungen zweier Städte auf verschiedenen Kontinenten und die Auswirkungen auf die jeweils dort lebenden Menschen ab. Zwischen den beiden so unterschiedlichen Städten — Bochum, der Stadt im Ruhrgebiet, und Detroit, der Stadt im Rust Belt — gibt es eine gewichtige Gemeinsamkeit: Die Autoindustrie hat sowohl Detroit als auch Bochum geprägt. Und sowohl der Beginn als auch das Ende der Autoindustrie in Bochum wurden in Detroit besiegelt. Nach dem Ende des Industriezeitalters sind die Menschen hier wie da auf der Suche nach einer neuen Identität. (Quelle: Verleih)

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