Sound of Metal (2019)

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Darius Marder erzählt in „Sound of Metal“ von einem Drummer (Riz Ahmed), der sein Gehör verliert – und von dessen Schwierigkeiten, damit umzugehen.

Sound of Metal (2019)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Und plötzlich ist es still

„Sound of Metal“ beginnt auf der Bühne: Ruben (Riz Ahmed) und Lou (Olivia Cooke) sind in ihrem Element, er als Drummer, sie als Sängerin. Das harte Rock’n’Roll-Image, das durch den schrammeligen Sound, den düsteren Look der beiden und die schweißtreibende Verausgabung transportiert wird, erfährt schon kurz darauf einen interessanten Bruch. Wenn das Duo, das auch privat gemeinsame Wege geht, im Wohnmobil auf dem einsamen Parkplatz des Veranstaltungsortes erwacht und Ruben neben der Morgengymnastik und der Reinigung seines Mischpults einen extragesunden Smoothie mixt, landen alle denkbaren Klischees gleich mit im Mixer.

Ruben und Lou, seit vier Jahren ein Paar, haben eine lange, wechselhafte Geschichte hinter sich – das wird rasch deutlich und zeigt sich im Laufe der Handlung immer wieder. Sichtbare Narben, etwa an Lous Unterarmen, zeugen davon ebenso wie kleine Bemerkungen am Rande. Dass die beiden ihr ganz eigenes Glück gefunden haben, daran besteht kein Zweifel. Dass es ein höchst fragiles Glück ist, wird allerdings ebenfalls schnell klar. Denn plötzlich verliert Ruben sein Gehör. Von Anfang an lässt der Film uns diesen Verlust miterleben; die Tonspur übernimmt Rubens auditive Wahrnehmung. Und so gelingt es dem Regisseur Darius Marder, uns direkt einzubeziehen. Wir können uns das Ganze nicht einfach nur ansehen, wir sind mittendrin.

Riz Ahmed spielt Rubens Art, mit der Sache umzugehen, überdies sehr einnehmend. Zunächst versucht der junge Musiker, es schlichtweg zu ignorieren. Dann wird er panisch, geht zum Arzt, lässt einen Test machen – und will das Ergebnis gar nicht wirklich an sich heranlassen. Weniger als 30 Prozent seines Gehörs sind noch intakt; er soll jegliche Lärmbelästigung vermeiden. Aber Ruben will weitermachen wie bisher – bis er sich die teuren Implantate leisten kann, die ihm helfen könnten. Schließlich ist er ja gerade mit Lou auf Tour. Diese kann ihn schließlich dazu bringen, sich der Gehörlosengemeinschaft um den Vietnamveteranen Joe (Paul Raci) anzuschließen. Dort soll Ruben die Zeichensprache erlernen – doch er verweigert sich vehement.

Darius Marder, der mit Sound of Metal seinen ersten Spielfilm inszeniert hat, und sein Bruder Abraham schildern in ihrem Drehbuch eine Story, die von Derek Cianfrance entwickelt wurde. Mit diesem verfasste Marder auch schon das Skript zu The Place Beyond the Pines (2012). Die Mischung aus eindrücklicher Kinowucht und spürbarer Authentizität, die das Werk von Cianfrance auszeichnet, durchzieht auch diesen Film. Die rauen und doch reizvollen Bilder, der präzise Einsatz von Tönen – all das findet sich in Sound of Metal und bildet den audiovisuellen Rahmen für eine einfühlsame Charakterstudie.

Ruben, der seit vier Jahren clean ist und zuvor „eigentlich alles“ an Drogen konsumiert hat, wie er selbst sagt, muss sein gesamtes Leben umstellen. Er muss Geduld zeigen, obwohl er ein rastloser Mensch ist. Er muss die Kontrolle – seinen Autoschlüssel, sein Handy – vorerst abgeben, obwohl er ein Eigenbrötler ist. Er muss sich öffnen, obwohl er sich lieber verschließt. Und ähnlich wie in Cianfrances Blue Valentine (2010) wird hier auch noch von einer Liebe erzählt, die so sehr durchgeschüttelt wird, dass sie zu zerbrechen droht. Sound of Metal ist ein Drama – aber keines der übersteigerten Gesten, sondern echt und herb, mit komplexen Figuren in einem glaubhaft gestalteten Umfeld.

Sound of Metal (2019)

Noise ist ihr Leben. Ruben tourt mit seiner Freundin Lou in einem Wohnmobil durch die USA. Sie schreit ins Mikrofon, er prügelt auf sein Schlagzeug ein. Doch plötzlich hört der Metaldrummer nur noch ein dumpfes, unverständliches Dröhnen. Die Diagnose des Arztes ist niederschmetternd: Ruben hatte einen Hörsturz und wird bald vollständig taub sein. Für den Ex-Junkie bricht das Gerüst seiner Identität weg – und er muss sich entscheiden: Zwischen seiner neuen Gehörlosen-Community und dem Soundleben, das hinter ihm liegt.

 

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