Son of Cornwall (2020)

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Der Regisseur Lawrence Richards geht mit seinem bekannten Vater, dem Tenor John Treleaven, auf eine Englandreise und stellt ihm Fragen über sein Leben als Künstler und Privatmensch.

Son of Cornwall (2020)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Mein Vater, der Held

Ein Opern-Star im Ruhestand, der noch einmal ein Konzert in seiner Heimat geben wird, und sein erwachsener Sohn machen gemeinsam einen kleinen Roadtrip, um den Spuren der Vergangenheit des Vaters zu folgen und sich dabei näherzukommen. Dies könnte der Stoff einer Arthouse-Wohlfühl-Dramödie sein, ist in diesem Falle aber die Prämisse des Dokumentarfilms „Son of Cornwall“ über den 1950 geborenen Tenor John Treleaven. In Szene gesetzt wurde die Reise von dessen Sohn Lawrence Richards.

Das Werk beginnt damit, dass Home-Video-Aufnahmen sowie elegant zusammengestellte, animierte Fotos und alte Zeitungsartikel gezeigt werden und eine Schilderung von Treleavens Werdegang im Schnelldurchlauf erfolgt – wie er einst im Fischerdorf Porthleven in Cornwall entdeckt wurde und zu einem international erfolgreichen Opernsänger avancierte. Via Voice-over erinnert sich sein Sohn daran, dass er immer wie sein Vater sein wollte und diesen als „real life superhero“ empfand. Zugleich räumt er ein, dass sein Vater beruflich bedingt oft abwesend war. Hier zieht Richards Parallelen zu seinem eigenen Leben als Filmemacher und junger Vater. Welche Opfer will man bringen, um sich seine Träume zu erfüllen?

Die Themen und Fragen, denen Son of Cornwall nachgehen möchte, sind damit klar formuliert. Zunächst schleicht sich jedoch das Gefühl ein, dass nur bedingt nach Antworten gesucht wird, sondern der Film eher die Schönheit der Landschaft feiert und ganz auf die sympathische Aura Treleavens setzt. Neben Ausschnitten aus den großen Auftritten des Tenors auf den Bühnen dieser Welt sehen wir etwa, wie Treleaven im leeren, dennoch sehr eindrücklichen London Coliseum auf der Bühne sitzt und von Richards interviewt wird, wie er in Cornwall auf alte Freunde trifft, Festlichkeiten besucht und zusammen mit seinem Sohn im Meer badet. Diverse Leute, mit denen Treleaven gearbeitet hat, kommen zu Wort – darunter der Dirigent und Pianist Justin Brown (ehemaliger Generalmusikdirektor am Badischen Staatstheater Karlsruhe) und die Mezzosopranistin Sally Burgess. Ein besonders schöner Moment ist, wenn Treleaven am Hafen eine spontane Gesangseinlage bietet – in buntem Freizeithemd, Shorts und bequemen Crocs. Ohnehin ist Treleavens Vorliebe für farbenfroh-legere Kleidung eine Freude.

Gleichwohl fehlen im ersten Drittel ein wenig die anfangs angedeuteten Ecken und Kanten, die einem dokumentarischen Porträt erst die nötige Tiefe verleihen. Im weiteren Verlauf lässt sich das Werk aber entschieden mehr darauf ein – vor allem in den Sequenzen, in denen Richards seinen Vater weniger interviewt, sondern vielmehr ein persönliches Gespräch mit diesem führt. So geht es zum Beispiel, wenn die beiden das Haus besichtigen, in dem Treleaven einst aufwuchs, um die Kindheit des späteren Superstars in sehr bescheidenen Verhältnissen – verbunden mit der Erkenntnis: „We have to understand we’re privileged people!“ Es sei keine Selbstverständlichkeit, seinen Traum leben zu können. Auch der private Verzicht, der mit einem nomadenartigen Dasein als Künstler verbunden ist, wird noch näher beleuchtet, wenn Richards erzählt, wie er beim Sporttraining von einem anderen Vater darauf angesprochen wurde, dass sein Dad niemals hier sei.

Die Unterhaltungen zwischen Vater und Sohn wirken aufrichtig. Verpasstes wird nicht weggewischt, dunkle Kapitel werden nicht überblättert – etwa die Alkoholsucht, unter der Treleaven lange Zeit litt. Eine wichtige Stimme ist schließlich auch Roxane Richards, Treleavens Ehefrau und die Mutter des Regisseurs. Sie träumte einst davon, Ballerina zu werden, trat später als Sängerin auf, widmete sich dann aber dem Familienleben, um ihrem Mann die Karriere zu ermöglichen. Sie war die „superwoman in the background“, merkt ihr Sohn an. Ein vermeintlicher Held steht niemals für sich. An mehreren Stellen gelingt es Son of Cornwall, potenziell pathetische Augenblicke zu erden und dadurch das stimmige Bild eines berühmten Menschen und seines Umfeldes zu zeichnen.

Son of Cornwall (2020)

John Treleaven wird in einem kleinen Fischerdorf in Cornwall zufällig entdeckt. Sein Gesangstalent stellte er bis dahin nur im örtlichen Chor unter Beweis, als eine Konzertpianistin sein Potenzial erkennt. Johns Stimme ist der Ausweg aus dem verschlafenen Ort Porthleven und das Sprungbrett für seine internationale Karriere. Doch wenn der Vorhang fällt, wird aus dem Star ein Privatmann und Familienvater. Heute ist er in Rente und kann auf ein bewegtes Leben voller Erfolg aber auch zahlreiche Entbehrungen zurückblicken – denn nicht immer ist es ihm gelungen, mit dem Leistungsdruck der Branche umzugehen. Im Sommer 2018 verbringen John und sein Sohn Lawrence einige Wochen auf den Küstenstraßen Cornwalls, der Heimat Johns. In Vorfreude auf ein Konzert von John am Ende des Roadtrips genießen sie die gemeinsame Zeit, die dem Sohn früher oft verwehrt blieb. In Gesprächen und Interviews werfen die beiden einen nicht immer angenehmen Blick auf die Vergangenheit zwischen Karriere und Familienleben. Der Dokumentarfilm erforscht, was John als Künstler antreibt und bewegt.

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