Shiva Baby (2020)

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„Shiva Baby“ blickt auf den Horror einer Familienfeier und die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens.

Shiva Baby (2020)

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Familienfeiern sind der absolute Horror, besonders wenn man Anfang 20 ist und noch keinen richtigen Plan davon hat, was man mit seinem Leben eigentlich anstellen will. So geht es Danielle (Rachel Sennott) – zumal das, was sie in ihrer Freizeit tut, sich nicht als Gesprächsthema für eine Familienfeier eignet: Die junge New Yorkerin lässt sich gegen Sex von reichen Männern aushalten – das erfahren wir gleich in der ersten Szene, in der Danielle auf einer Couch den Geschlechtsakt mit einem Typen beendet, während ihr Handy klingelt und ihre Mutter sie daran erinnert, dass gerade eine Beerdigung stattfindet und sie sich wenigstens zum Shiva-Besuch sehen lassen sollte, dem jüdischen Beileidsbesuch von Verwandten und Freunden im Haus der trauernden Familie. Eros und Thanatos, Sex und Tod, bleiben in diesem Film bis zum Ende die metaphorischen roten Fäden, die sich durch die Handlung ziehen. Doch es ist nicht die Nachricht von der Beerdigung, die hier den Sex unterbricht – auch ohne das Handyklingeln hätte sich niemand nach dem Orgasmus Zeit für Intimitäten genommen. Danielle hüpft in ihre Klamotten, der Typ versucht ihr noch eine lange Umarmung abzuringen, die sie halbherzig erwidert. Sie erinnert ihn, dass er ihr noch Geld geben muss, woraufhin er monologisiert, wie gern er sie weiter beim Jurastudium unterstützen würde, „weil Frauen doch Unterstützung brauchen“. So bissig, wie sie auf falsche Feministen blickt, schaut die junge Regisseurin Emma Seligman auch auf Familienstrukturen und bürdet ihrer Protagonistin so einiges auf.

Schon in der nächsten Szene wird klar, dass Danielle den Typen nicht nur über den Inhalt ihres Studiums angelogen hat – in Wirklichkeit studiert sie „was mit Medien“ –, sondern sich in einem ganzen Glashaus aus Lügen befindet, das sie langsam mit Steinen torpediert. Danielle trifft ihre Eltern vor dem Haus der trauernden Verwandten. Das Paar ist erfolgreich, zahlt das Studium der Tochter, bemuttert sie mit jener Übervorsorge, die beim Kind mit spätestens Anfang 20 in Rebellion enden muss. Danielles Akt, von ihren Affären Geld zu ergaunern, ist nichts anderes. Kaum dem Auto entstiegen, versichert die Mutter ihrer Tochter ununterbrochen, dass auch aus ihr etwas wird und nimmt diese Versicherung sofort indirekt zurück, wenn sie die Tochter darüber informiert, welche Lügen sie gleich den anderen jüdischen Großmüttern, Tanten und Bekannten über Danielles Erfolg auftischen wird. Es ist keine große Unterstützung, wenn man weiß, die eigenen zaghaften Lebensentscheidungen sind selbst den Eltern zu peinlich, um sie zu erzählen.

In knapp 74 Minuten erzählt Seligman vom Erwachsenwerden, dem Umgang mit dem eigenen Körper, den Schwierigkeiten sich gegenüber der Familie zu emanzipieren und dem Suchen und Finden der eigenen Sexualität. Der Slapstick, den ihre Hauptdarstellerin Rachel Sennott dabei zwischen Tantengrüppchen und ehemaligen weiblichen und männlichen Affären auf der Familienfeier aufführen muss, liegt irgendwo zischen Bridget Jones’ Tollpatschigkeit und Woody Allens Neurotikerhumor, gespickt mit bitterbösen Kommentaren wie „You Look like Gwyneth Paltrow on food stamps – and not in a good way“.

Dass auf solch einer Familienfeier für die nach sich selbst suchende Danielle jede Konversation dem Schwimmen in einem Pool voller Feuerquallen gleicht, transportiert Seligman über Kameraarbeit (Maria Rusche) und Musik. Sobald Danielle von einem der Familiengrüppchen verhört wird und das Gespräch in immer schnelleren Wendungen die Lügen, die sie über sich und ihr Leben erzählt, aufzudecken droht und die bissigen Kommentare zu ihrer Person, ihrem Körper oder ihrer Partnersuche immer schneller prasseln, hängt die Kamera an Danielles Gesicht, zeigt ihre Unsicherheit, ihr Unwohlsein, das Brodeln, das unter der bemüht ruhigen Fassade kocht. Während eine schräge, disharmonische Musik mit schrillen Höhen an den Nerven des Zuschauers ebenso stark zu zupfen beginnt wie die Gespräche an den Nerven Danielles.

Dass es Seligman gelingt, all die Themen des spätadoleszenten Angstspektrums anzusprechen, ohne ihren Debütfilm zu überladen, liegt besonders an Rachel Sennott. Sie transportiert Subtext in kleinsten Gesten, sei das das zögerliche Be- und sofortige wieder Entladen von Tellern am Buffett unter dem scharfen Auge der Verwandten, die alle eine Meinung zur Figur der jungen Frau haben. Sei das der eifersüchtige Blick, den sie ihrer Affäre zuwirft, die auf der anderen Seite des Raumes mit Modelfrau und Neugeborenem Hof hält. Sei das die Rivalität mit der erfolgreichen Maya (Molly Gordon), bei der sich in jedes Gespräch auch das sexuelle Begehren schleicht, das Danielle noch immer für die frühere Freundin hegt.

Mit Shiva Baby, der nun auf Mubi zu sehen ist, reiht sich Emma Seligman in die Liga der jungen Frauen ein, die Woody Allens Erbe antreten. War der humorvolle Blick auf die Enge in (reichen) New Yorker Familien bis vor einigen Jahrzehnten ihm vorbehalten, so haben spätestens mit Sara Silverman und Lena Dunham eine ganze Reihe weiblicher Regisseurinnen und Comediennes das Gebiet für sich erobert. Seligman gehört zu ihnen.

Shiva Baby (2020)

Bei einer jüdischen Trauerfeier mit ihren Eltern läuft eine Studentin ihrem Sugar Daddy über den Weg.

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