Nightbooks (2021)

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Hänsel und Gretel meets Tausendundeine Nacht. Passend zum Schauermonat Oktober präsentiert Netflix den wunderbar einfallsreichen und familiengeeigneten Gruselfilm „Nightbooks“.

Nightbooks (2021)

Eine Filmkritik von Lars Dolkemeyer

Gegen die Gewöhnlichkeit

Ein Junge entdeckt eine scheinbar leerstehende Wohnung. Auf einem Fernseher läuft dort sein Lieblingsfilm, ein Stückchen Kuchen wartet auf ihn. Und bevor er weiß, wie ihm geschieht, ist er in den Fängen einer bösen Hexe, die von ihm verlangt, jeden Abend eine Gruselgeschichte vorzulesen. Mit „Nightbooks“ verbindet Regisseur David Yarovesky in der Verfilmung des gleichnamigen Kinderbuchs die bedrückende Atmosphäre Grimmscher Märchen mit dem überbordenden Einfallsreichtum einer finsteren Variante von Tausendundeine Nacht. Es entsteht daraus ein ebenso warmer wie gruseliger Film über das Finden der eigenen Stimme.

Alex (Winslow Fegley) liebt Gruselgeschichten und schreibt mit großer Leidenschaft eigene kurze Erzählungen. Als er jedoch von anderen Kindern dafür ausgelacht und gehänselt wird, will er seine „Nightbooks“ verbrennen und endlich auch ein normaler Junge sein, einfach dazugehören. Auf dem Weg zum großen Ofen im Kellergeschoss des Apartmentgebäudes, in dem Alex lebt, wird er jedoch in die Wohnung der Hexe Natacha (Krysten Ritter) gelockt, die von ihm fortan jeden Abend eine Geschichte erwartet. Die Lage scheint aussichtslos. Aber Alex trifft in der Wohnung auch auf Yasmin (Lidya Jewett), ein Mädchen, das ebenfalls von Natacha in der Wohnung gefangen gehalten wird, und gemeinsam machen sie sich daran, die böse Hexe zu besiegen.

Als Alex in die Fänge der Hexe gerät, ist er an einem Tiefpunkt. Er ist von seinen Eltern weggelaufen, um das zu zerstören, was ihm die größte Freude bereitet und was ihn in seinem Innersten auszeichnet: seine Fähigkeit fantastische Geschichten zu erfinden. Natacha zwängt Alex in einen strikten Arbeitsplan. Er muss jeden Abend eine neue Geschichte vorlegen. Dafür steht Alex zwar eine gigantische Bibliothek zur Verfügung, die in der eigenartig unbegrenzten Wohnung untergebracht ist, und trotzdem ist Natacha jeden Abend unzufrieden darüber, dass Alex sich nicht präzise genug an die traditionellen Details des Horrorgenres hält: Vampirzähne brauchen immer genau zwei Tage, bevor sie wachsen, und Geister haben, wie jede*r weiß, keine physischen Hände. Immer wieder wird Alex von der Hexe zurechtgewiesen und jeden Tag sucht er in der Bibliothek weiter nach Hinweisen darauf, wie Yasmin und ihm die Flucht aus der Wohnung gelingen könnte.

Nightbooks inszeniert damit konsequent einen Widerstreit zwischen Selbstbehauptung und bloß funktioneller Nützlichkeit, zwischen Kreativität und Leistungsdruck, zwischen all den anderen normalen Kindern und jenen, denen die Dunkelheit der Welt auch eine Quelle für Inspiration und Freundschaft sein kann. Alex muss neue Geschichten schreiben, die der Hexe noch nicht bekannt sind – zugleich darf er aber seine Kreativität nicht abseits der Bahnen entfalten, die der Hexe vertraut sind. Wehe, wenn erzählerische Konventionen verändert und mit eigenen Einfällen angereichert werden! In kurzen Episoden fügt Nightbooks Alex‘ Erzählungen als wunderschöne Zwischenspiele ein, die mit ausgestellter Künstlichkeit in großen Bühnenbildern aufgeführt, aber immer wieder von den Einwänden der Hexe unterbrochen werden.

Von der imposanten Bibliothek über den traumhaften Nachtgarten der Hexe bis zum geradezu unvermeidlichen Häuschen im Wald besticht Nightbooks als Film selbst dabei durch Orte, die erfüllt sind von Einfallsreichtum und liebevollen Details. Die Wohnung ist mit ihren ganz eigenen Gesetzen von Raum und Zeit ist vielmehr ein faszinierender Wunschort als ein bedrohliches Gefängnis. Es ist allein die Hexe mit ihren allzu eindeutigen Vorstellungen davon, was erlaubt ist, was wann zu tun ist und wie Geschichten zu funktionieren haben, die jeden Anflug von echter Kreativität, von Spiel und Begeisterungsfähigkeit, sofort zunichtemacht. Alex muss dagegen seine eigene Stimme finden, er muss lernen, dass das, was er liebt, von niemandem auf der Welt genommen werden kann. Er muss die strahlende Dunkelheit seines Einfallsreichtums als das akzeptieren, was ihn ausmacht.

Nightbooks erzählt damit zwar keine Geschichte, die es so noch nicht gab, es gelingt dem Film aber, die Moral vom Selbstwertgefühl zu keinem Zeitpunkt als bloß lehrreiche Auflösung eines Märchens zu inszenieren. Mit großer stilistischer Sicherheit zeigt Nightbooks vielmehr konkret den Gegensatz von herrschsüchtiger Hexe und freiem Spiel der überbordenden Szenenbilder und Erzähleinfälle. Der Film macht ganz direkt spürbar, was es heißt, in einem leuchtenden, strahlenden Nachtgarten von all den kleinen Einfällen begeistert zu sein – und wie langweilig es ist, wenn jemand eine Geschichte unterbricht, um besserwisserisch auf Figurentraditionen herumzureiten. Wenn auch nicht jede Idee des Films zur Gänze in Begeisterung versetzt und wenn auch die drei Darsteller*innen nicht auf der Höhe ihrer Möglichkeiten spielen, so ist Nightbooks dennoch ein wundervoller, herzerwärmender und stellenweise ehrlich gruseliger Film über die Macht der freien und ungezwungenen Kreativität.

Nightbooks (2021)

Horrorfan Alex muss jeden Abend eine Gruselgeschichte erzählen, sonst bleibt er für immer mit einer neuen Freundin in der magischen Wohnung einer bösen Hexe gefangen

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Meinungen
Frank Tessarzik · 01.10.2021

Klasse Film mit sehr guten und plausiblen Wendungen.
Ich teile jedoch die Ansicht, dass FSK 6 ein Fehlgriff ist. 12 passt deutlich besser.

Anne · 25.09.2021

Ich habe den Film gerade mit meinem 9jährigen Sohn gesehen und bereue es. Da sind heftige Alpträume vorprogrammiert. Fsk 6? Wer hat das denn entschieden? Mindestens Fsk 12!

Anonym · 20.09.2021

FSK 6 absolut unverständlich. Nur weil kein Blut fließt? Nach diesem Film schlafen selbst ältere Kinder nicht mehr ohne Albträume…

Kommentare