Mitra (2020)

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Plötzlich bietet sich Haleh die Gelegenheit, sich nach vierzig Jahren an der Frau zu rächen, die ihre Tochter an den iranischen Geheimdienst verraten hat. Mit seinem Melodrama erzählt der niederländische Regisseur Kaweh Modiri von einer blinden Trauer und dem unersättlichen Wunsch nach Gerechtigkeit.

Mitra (2020)

Eine Filmkritik von Teresa Vena

Späte Rache

Seit fast vierzig Jahren lebt Haleh (Jasmin Tabatabai) in den Niederlanden. Sie ist eine renommierte Professorin und hat sich ein neues Leben außerhalb ihrer iranischen Heimat aufgebaut. Von dort ist sie 1981 geflüchtet, nachdem ihre Tochter wegen politischen Ungehorsams, wie Tausende andere angebliche Staatsgefährdende, hingerichtet worden war. Diesen Schmerz hat sie nie überwunden. Auch weil sie immer mit der Ungewissheit leben musste, wer die Tochter damals genau an den Geheimdienst verraten hatte.

Als sie schließlich erfährt, dass sich die Frau, die ihre Tochter Mitra in den Tod schickte, sich angeblich auch in den Niederlanden befinden soll, glaubt sie, endlich zu ihrer verdienten Rache kommen zu können. Nach anfänglichem Zögern sucht Haleh diese Frau, von der sie nur die Stimme kennt, auf und setzt ihren Plan, Leyla (Shabham Toulouei) ihren Schmerz spüren zu lassen, in Gang. Vergeblich versucht ihr Bruder Mohsen (Mohsen Namjoo), sie davon abzuhalten. 

In seinem zweiten Langspielfilm Mitra verarbeitet der niederländische Regisseur Kaweh Modiri, der selbst iranische Wurzeln hat, einen Teil seiner Familiengeschichte. Benannt ist das Drama, weitgehend in iranischer Sprache gedreht, nach seiner Halbschwester, die noch vor seiner Geburt, und bevor er sich mit seiner Mutter in den Niederlanden angesiedelt hatte, im Iran hingerichtet worden war. Diese Schwester hing wie ein Schatten über seinem Leben, wie der Regisseur in einem Gespräch erzählt. Mit dem Film könnte ihm eine gewisse Kanalisierung des Traumas gelungen sein. 

Aus Mangel an Gelegenheit, selbst im Iran recherchieren und noch weniger den Film dort drehen zu können, basieren Modiris Vorstellungen des Landes auf Erzählungen und Recherchen aus der Distanz. Rekonstruiert hat er die 1980er Jahre vor allem in Bezug auf die Innenräume und die Kleidung. Die wenigen Straßen- und Marktszenen wurden in Wirklichkeit in Jordanien aufgenommen. 

Was die Erzählform betrifft, so sind die beiden Zeitebenen, zwischen denen der Film mit einer Reihe von Rückblenden hin- und herspringt, eindeutig von einander getrennt. In der Gegenwart dominieren dunkle und trübe Schattierungen, die eine düstere Stimmung wiedergeben sollen, während die Vergangenheit hell, sonnig und in kräftigen Farben getaucht ist. Die Szenen, die im Iran spielen, sind zudem bewegter, schneller geschnitten und passen sich an die damaligen äußeren Unruhen an. Diese Vorgehensweise ist vielleicht ein wenig plakativ, doch passt sie zum Grundtenor des Melodramas, dem es nicht wirklich darum geht, möglichst differenzierte Zwischentöne zu erzeugen, sondern eine klare Botschaft zu vermitteln. 

Dies bedeutet nicht, dass Modiri der künstlerischen Umsetzung seiner Geschichte keine Beachtung geschenkt hätte. In der Bildfindung zeigt sich offen ein Bemühen, symbolträchtige Kompositionen zu schaffen. Wenn also beispielsweise in den Rückblenden Mutter und Tochter im Auto sitzen, findet sich eine ähnliche Szene auch in der Gegenwart, wenn Haleh mit der Tochter von Leyla, der Frau, an der sie sich rächen will, ebenfalls im Wagen sitzt. Beide Male sind es entscheidende Momente. 

Aus der Perspektive der Hauptfigur erzählt der Film, wie tiefe Trauer einen Menschen blind für die Trauer eines anderen machen kann. Wo endet Gerechtigkeit und beginnt persönliche Genugtuung? Modiri zeigt, wie unendlich die Spirale der Gewalt sein kann, wenn jeder auf die eigene Rache abzielt und vor allem wie günstig diese Einstellung für die Legitimierung und Wahrung eines repressiven politischen Systems ist. Der Film bezieht keine Partei, vielmehr definiert er alle seine Protagonisten auf ihre Weise als Opfer der jeweiligen Umstände und plädiert entsprechend für Verständnis ihnen gegenüber.

Dies geschieht zum Teil auf doch recht sentimentale Weise. Doch gleichen die präzisen und im richtigen Maß reduzierten schauspielerischen Leistungen der Hauptfiguren diesen Überschwang an Gefühlen aus. Geschickt konzentriert sich der Film auf nur wenige Charaktere, von denen Mohsen, Halehs Bruder, einer davon ist. Es bedarf nur weniger Worte dieses charismatischen Darstellers, des iranischen Liedermachers Mohsen Namjoo, um die Traurigkeit und Einsamkeit seiner Rolle glaubwürdig zu machen. 

Entscheidend ist für Mitra aber insbesondere Jasmin Tabatabai, Deutsch-Iranerin mit beachtlicher Fernseh- und Kinokarriere in Deutschland, die Haleh sowohl als etwa Mittdreißigjährige und gleichzeitig als Siebzigjährige spielt. Hier muss man leider sagen, dass die ungeschickte Maske etwas gar plump wirkt und von der Handlung ablenkt. Man hätte sich in diesem Punkt eine andere Lösung einfallen lassen sollen, denn Tabatabai überzeugt sonst mit Souveränität.

Mitra (2020)

Im holländischen Exil trifft die mittlerweile siebzigjährige Haleh auf die Frau, die vor 37 Jahren mutmaßlich für die Hinrichtung ihrer Tochter im Iran verantwortlich war. Während sie ihre Vergeltung an der Verräterin plant, lernt sie ihre Antagonistin besser kennen, als ihr lieb ist…

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