Mitgefühl - Pflege neu denken (2021)

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Hingabe, Zuwendung, Humor und Aufrichtigkeit als Therapieform: Im dänischen Pflegeheim „Dagmarsminde“ werden ziemlich unkonventionelle Methoden in der Betreuung von dementen Senioren angewandt. Denn hier steht der Mensch im Mittelpunkt und nicht der Profit. Eine dokumentarische Nahaufnahme.

Mitgefühl - Pflege neu denken (2021)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Schaumwein statt Medikamentencocktail

„Sie trinkt im Nachtclub immer Sekt?“ – „Korrrrrekt!“, hieß es 1978 in Kraftwerks modernem Klassiker Das Model. Und wenn auch im dänischen Pflegeheim „Dagmarsminde“ nicht unbedingt immer der unvergleichliche Tanz-Musik-Sound der Düsseldorfer Elektronikpioniere im Hintergrund läuft, so wird doch in Louise Detlefsens einfühlsamer dokumentartischer Nahaufnahme „Mitgefühl“ immer wieder in den dortigen Fluren, Zimmern und Gemeinschaftsräumen ausgiebig getrunken und getanzt.

Und zwar mit dementen Menschen, die hierfür oftmals ihre letzte Lebensreise antreten oder mitunter bereits schon längere Zeit nicht mehr Herren beziehungsweise Frauen in ihren eigenen mentalen Häusern sind und daher einer dementsprechend intensiven Betreuung bedürfen. Wie zärtlich, direkt und ehrlich auf deren einzelne, teils sehr diverse Lebensumstände eingegangen wird, zeigt sich en gros gleich bei der Begrüßung.

„Schön, Sie zu sehen!“, ruft das Pflegepersonal voller Verve den Neuankömmlingen entgegen. „Was für ein hübscher Ort“, klingt vielfach deren ebenso schöne wie einfache Antwort, was für die Zuschauer absolut authentisch erlebbar ist. Von derselben Anmut und Würde strotzen zugleich auch Per Fredrik Skiölds anrührende, aber niemals reißerische Handkameraeinstellungen, die Mitgefühl quasi in jeder jede Szene kongenial ergänzen.

Dass es sich bei all dieser präsentierten Hingabe, Liebe und Aufrichtigkeit gegenüber den neuesten Mitbewohner*innen wie etwa Vibeke und Torkild, einem Apothekerpaar, in der Summe um keinen hyperrealistischen Ponyhof für betuchte Senior*innen handelt, beweist das sympathische Pflegeteam um die „Dagmarsminde“-Initiatorin May Belle Eiby diskret im Hintergrund.

„Lasst uns ihm nicht gleich sagen, dass er gerade hier einzieht. Wir wollen nicht lügen, aber lasst uns seinen Einzug nicht thematisieren“, heißt es dazu beispielsweise gleichfalls knapp wie konsequent in einem Teammeeting. „Ich möchte beweisen, dass wir mit der Rückbesinnung auf die Grundsätze und auf das Mitgefühl die gesamte Altenpflege verändern können“, erläutert die umsichtige Heimleiterin May Belle Eiby an anderer Stelle.

Die blonde Frau mit den zarten Worten und dem unglaublich ermutigenden Blick hatte in ihrer dänischen Heimat einst selbst sehr negative Erfahrungen bei der Betreuung ihres eigenen, ebenfalls dementen Vaters gesammelt – bis ihr die vielfach unbefriedigende, jedoch überwiegend gängige Routine im Umgang mit dementen Menschen schlichtweg zu viel wurde. In der Konsequenz, dass sie nach dem Tod ihres Vaters, der nur fünf Monate in einem Heim aushielt, als couragierte Vorreiterin einer bewusst anderen Art der Altenpflege schließlich das Heft des Handelns selbst in die Hand nahm.

In ihrem relativ unkonventionellen Konzept „Mitgefühl und Umsorgung“ ist Feiern, Tanzen und Herumalbern genauso wie körperliche Nähe, eine spontane Rückenmassage oder generell die Freude am gemeinsamen Erleben („Gut gemacht.“) oder ein sensitiver Ausflug in die Natur ausdrücklich erlaubt, weshalb auch auf den Einsatz üblicher sedierender Medikamente oder starker Psychopharmaka nach Möglichkeit komplett verzichtet wird.

Stattdessen wird das oftmals starre Rollenverhältnis zwischen Senior*innen und Pflegepersonal von vornherein bewusst aufgelockert: Mit extra viel Zeit zum Zuhören, Erzählen, Beobachten oder einfach nur zum Hände halten, wofür etwa in einer deutschen Pflegeeinrichtung realiter nie (genügend) Zeit wäre.  

Ohne offene Konflikte auszuklammern oder die zwangsläufig jederzeit knappe Trennlinie zwischen Leben und Tod in einem Altersheim dramaturgisch aussparen zu wollen, gelingt es der 50 Jahre alten Regisseurin (Fat Front) immer wieder das titelgebende Mitgefühl in großartige Dokumentarfilmaufnahmen zu überführen, die lange nachwirken.

Dramaturgisch fair austariert, ohne klassisch gesetzte O-Töne oder abstraktes Expertensprech und mit einem feinen Dokumentarfilmerinnengespür für herzergreifende wie lebensbejahende Momente („Prost!“) funktioniert Detlefsens Mitgefühl zugleich als behutsam-respektvolle Feier des Daseins, die an keiner Stelle ins Melodramatisch-Rührselige abdriftet, sondern ihren schnell vertrauten elf Protagonist*innen in toto gebührend Raum und Zeit schenkt.

Dabei plädiert ihr hochklassiger, völlig unpädagogisch erzählter Dokumentarfilm im Stillen sehr deutlich für einen gänzlich neuen Begriff von Pflege plus Menschlichkeit, der hoffentlich auch hierzulande aufmerksam registriert wird: Denn alt werden wir alle. Und lediglich ruhig gestellt werden möchte sicherlich keine(r). Nicht wahr?

Mitgefühl - Pflege neu denken (2021)

In dem kleinen dänischen Pflegeheim Dagmarsminde begegnen wir der engagierten und passionierten Gründerin und Krankenschwester May Bjerre Eiby, die nichts von spezifischen Demenzdiagnosen und Demenzmedikamenten hält, da nichts davon die Lebensqualität der elf Bewohnerinnen und Bewohner verbessert. Stattdessen haben May und ihre Kolleginnen eine neue Behandlungsform entwickelt. May nennt diese neue Form der Pflege „Umsorgung“. Ihr Rezept: Umarmungen, Nähe, Gespräche, Humor, Blickkontakt, Gemeinschaft und Naturerleben. Mit dem Verzicht auf Medikamente und der Konzentration auf Fürsorge stellt sie die, in unserem Gesundheitssystem derzeit übliche Behandlung radikal infrage. (Quelle: Neue Celluloid Fabrik)

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Meinungen
S. · 23.09.2021

Film "Mitgefühl": Eingroßartiger und richtiger Ansatz - der sich aber hier in Deutschland niemals wird durchsetzen lassen, solange Altenheime (wie Krankenhäuser ja auch) auf Gewinnmaximierung getrimmt sind - und natürlich auch die Pharma-Industrie. Und nicht zuletzt die Krankenkassen.

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