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Alte Ermittler, neues Ensemble: Die Männer vom Dezernat Q bekommen einen Facelift. In der nunmehr fünften Verfilmung der Jussi-Adler-Olsen-Krimis geht Ulrich Thomsen als Carl Mørck auf Verbrecherjagd. Macht er seine Sache besser als Vorgänger Nikolaj Lie Kaas?

Erwartung - Der Marco-Effekt (2021)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Eiskalt (ab)serviert

Skandinavische Krimikost schmeckt nicht allen, wird aber verlässlich zubereitet. Hast du einen Nordic Noir probiert, kennst du alle. Zumindest beim Dänen Jussi Adler-Olsen, seiner Romanreihe um das Kopenhagener Sonderdezernat Q und deren Verfilmungen ist das Erfolgsrezept immer dasselbe: Ein mürrischer Ermittler rollt eine grausame Mordsache neu auf und stapft dabei zu dräuender Musik durch düstere Sets in fahlen Farben. Während das Publikum den Mörder bereits kennt, tappt der Kommissar noch im Dunkeln, bevor sich die angestaute Gewalt im Finale entlädt. Irgendwann schmeckt selbst das fad. Teil fünf würzt nun mit einem Austausch des Ensembles nach. Ein Name wie Ulrich Thomsen schürt wie der Titel Erwartungen.

Thomsen, immerhin schon zweimal für den Europäischen Filmpreis nominiert und zehn Jahre älter als sein Vorgänger Nikolaj Lie Kaas, verleiht dem von ihm gespielten Vizekriminalkommissar Carl Mørck allein schon durch seine physische Präsenz mehr Gravitas. Mørck ist immer noch ein mürrischer Misanthrop, der es mit sich selbst kaum aushält. Leider legt Thomsen – wie der Rest des Ensembles – seine Figur nun aber noch zwei Schippen erdenschwerer an. Von den leisen humoristischen Anflügen, die in den vier vorangegangenen Filmen die bedrückende Grundstimmung zumindest in Ansätzen aufhellten, ist im Neustart nichts geblieben. Nicht das Einzige, was Regisseur Martin Zandvliet anders macht.

Wobei Neustart die Sache nicht ganz trifft. Das Ensemble ist zwar neu, der fünfte Film der Reihe fängt aber nicht wieder ganz von vorne an. Film fünf ist auch Roman Nummer fünf, der in Deutschland 2013 unter dem Titel Erwartung erschien. Mit dem Originaltitel Marco Effekten hatte auch dieser deutsche Titel nichts zu tun. Wie die durchaus poetisch anmutenden Originaltitel der vier vorangegangenen Romane überhaupt in bedeutungs- bis unheilschwangere deutsche Titel umgewandelt wurden. Aus Kvinden i buret (deutsch: Die Frau im Käfig), Fasandræberne (Die Fasanenmörder), Flaskepost fra P  (Flaschenpost von P) und Journal 64  (Tagebuch 64 bzw. Krankengeschichte 64) wurden hierzulande Erbarmen, Schändung, Erlösung und Verachtung. Die Adaption des fünften Romans trägt nun beide Namen im Titel und kommt als Erwartung – Der Marco-Effekt in die Kinos. Auch das ist neu.

Die Welt im Carl-Mørck-Universum hat sich indessen weitergedreht. Mørcks Sohn hat sich von einem Haus gestürzt, wie ein knapper Prolog offenbart. Gerade einmal sechs Wochen später meldet sich der engstirnige Ermittler zum Dienst zurück. Von einer Therapie will er selbstredend nichts wissen. Er therapiert sich lieber selbst, mit Kaffee und schlaflosen Nächten. Und auch sonst spielt das eingangs gezeigte traumatische Erlebnis im Rest des Films keine Rolle, obwohl es sich in einer späteren Szene geradezu aufdrängt. Eine von vielen Chancen, die Zandvliet ungenutzt liegen lässt.

Dass Martin Zandvliet es besser kann, hat er zuletzt in seinem oscarnominierten Kriegsdrama Unter dem Sand (2015) bewiesen. Danach ging’s für den dänischen Filmemacher nach Fernost, wo er für Netflix und mit Jared Leto in der Hauptrolle den Yakuza-Thriller The Outsider (2018) realisierte. Der sah vor allem düster aus, kam bei der Kritik aber überhaupt nicht gut an. Ähnlich dürfte auch das Urteil über seinen neuen Film ausfallen.

Zandvliets größtes Problem ist das Drehbuch. Dessen Autoren Anders Frithiof August und Thomas Porsager setzen einerseits zu viel voraus und schaffen es andererseits nicht, eine stringente Geschichte zu erzählen. Die Verhältnisse im Kellerbüro, das sich Carl Mørck mit den Kolleg:innen Assad (Zaki Youssef) und Rose (Sofie Torp) teilt, sind einfach gegeben. Und dass ihm sein Chef einen Controller vor die Nase gesetzt hat, der das ohnehin schon enge Büro noch ein bisschen enger macht, wird mit keinem Wort erwähnt. Ohne Vorkenntnisse findet man sich in diesem Sonderdezernat Q nicht ohne Weiteres zurecht.

Orientierungslos geht es auch in der Handlung zu. Der neue alte Fall scheint zunächst klar. Als der 14-jährige Rom Marco (Lobus Olàh) bei einer Fahrscheinkontrolle im Zug mit dem Reisepass des seit Jahren vermissten Entwicklungshelfers William Stark erwischt wird, wird aus dem Cold Case ein heißer. Mørck ist überzeugt, dass die Sinti und Roma um Marco etwas mit dem Mord zu tun haben. Doch dann wird’s unübersichtlich. Nacheinander geraten Starks Frau und Tochter, dessen Arbeitgeber und sein Nachfolger ins Visier der Ermittlungen. Verhör reiht sich an Verhör, bei denen Assad den guten Cop gibt und Mørck den Verhörten immer übler auf den Zahn fühlt. Doch weil Marco vor der Polizei Reißaus nimmt und zudem die Machenschaften von Starks Arbeitgeber erzählt werden wollen, folgt das Publikum alsbald drei Handlungssträngen, die immer schlechter ineinandergreifen.

In den ersten vier Filmen war die Sache besser gelöst. Zwei Erzählebenen wechselten sich ab; eine davon lag in der Vergangenheit. Darauf verzichtet das neue Drehbuch-Duo nun komplett, was den Mord und Marcos Vorgeschichte auf Dialoge im filmischen Hier und Jetzt beschränkt. Das funktioniert jedoch mehr schlecht als recht. Von jeglichen Rückblenden befreit, müsste der erste Film des Reboots zumindest eine kurze Angelegenheit sein. Wider Erwarten zieht er sich aber über zwei Stunden in die Länge, was ihn auch gleich zum bisher längsten Film des Franchise macht. 125 Minuten braucht es, um all die Verstrickungen zwischen Entwicklungshilfe, Korruption, Verschwörung bis in höchste Kreise und die Situation der Sinti und Roma in Dänemark aufzudröseln. Am Ende beschleicht einen trotzdem das ungute Gefühl, dass entscheidende Teile der Geschichte auf dem Boden des Schneideraums gelandet sind.

Noch schlechter als die Handlung sind die Figuren geschrieben. Dass Mørck in diesem Film keinerlei Sympathiepunkte gewinnt, verwundert ein wenig, ist aber legitim. Schließlich muss eine Hauptfigur nicht gefallen. Und es passt zur Herangehensweise des Regisseurs, dem „eine härtere und dunklere Version“ des Ausgangsstoffs vorschwebte. Schwierig wird es allerdings, wenn auch um Mørck herum keinerlei Sympathieträger auszumachen sind. Roses Rolle, die sich vom ersten bis zum vierten Film von der mausgrauen Sekretärin zur gestandenen Ermittlerin weiterentwickelt hat, bleibt aufs Stichwortgeben und Kaffeekochen beschränkt. (Wie die Frauen in diesem Film insgesamt nur Opfer, Objekt der Begierde oder Erfüllungsgehilfinnen sind.) Und Mørcks Verhältnis zu Assad, das sich bei aller emotionalen Unerreichbarkeit des Protagonisten zuletzt als kollegial, ja beinahe als freundschaftlich beschreiben ließ, kommt in diesem Film daher, als hätten sich die zwei gestern erst kennengelernt. Während die Leben der Figuren zwischen Film vier und fünf weiter vorangeschritten sind, scheint Zandvliet alles andere mit Gewalt zurück auf Null stellen zu wollen. Doch das eine geht mit dem anderen nicht zusammen.

Ulrich Thomsen dominiert diesen Film so sehr, dass er allen um sich herum die Luft abschnürt. Der Rest des Ensembles macht es Thomsen aber auch zu leicht. Wo Fares Fares als Assad zu Nikolaj Lie Kaas‘ Mørck das nötige Gegengewicht bildete, da wird Zaki Youssef vom Publikum gewogen und für zu leicht befunden werden. Mehr als seinen legeren Lederjackenlook gegen ein rustikales Holzfälleroutfit zu tauschen und seine Wollmütze bis auf die letzte Szene des Films nicht abzuziehen, wird Youssefs Assad in diesem Film nicht zugestanden.

Spannende Krimikost ist das nicht, nicht einmal sonderlich unterhaltsame. Den Fans der ersten vier Filme wird der fünfte nicht schmecken.

Erwartung - Der Marco-Effekt (2021)

Eines Tages entdeckt Marco einen toten Mann. Nachdem er erfahren hat, dass Marco möglicherweise unschätzbare Informationen hat, ist Kommissar Mørck entschlossen, ihn zu finden und zu retten.

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Meinungen

Werner · 03.06.2022

Das schlimmste wurde in der Kritik vergessen: das Thema Kaugummi.

Alle 5 Minuten muss man mitansehen wie er sich einen Kaugummi in den Mund schiebt und sich fast durchgehend das Geschmatze anhören.

Unerträglich!