Malignant (2021)

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Horror hat viele Gesichter: James Wan, der mit „Saw“ und „Conjuring – Die Heimsuchung“ bereits unterschiedliche Schreckensspielarten inszeniert hat, versucht sich in „Malignant“ an einem wilden Mix des Grauens. Ganz oben auf der Liste der Inspirationsquellen: das italienische Giallo-Kino.

Malignant (2021)

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Auf den Spuren Bavas und Argentos

Bei vielen Fans des abgründigen Filmschaffens dürfte das Wörtchen „Giallo“ sofort lebhafte Assoziationen wecken. Schwarze Handschuhe, spitze Tötungswerkzeuge, abstruse Handlungsverläufe, psychedelische Farbenspiele und extravagante Kamerabewegungen sind nur einige Merkmale dieser italienischen Thriller- und Krimivariante, die sich in den 1960er und 1970er Jahren dank Regisseuren wie Mario Bava und Dario Argento größerer Beliebtheit erfreute. In den 1980er Jahren flaute die Giallo-Welle langsam ab. Bis heute entstehen aber immer wieder Arbeiten, aus denen eine Bewunderung für die mediterranen, das US-Slasher-Kino entscheidend prägenden Spannungswerke spricht. Auch James Wan, der mit dem Schocker Saw 2004 schlagartig Berühmtheit erlangte, im Anschluss einige Spukhausfilme drehte und nach wie vor als Produzent der einträglichen Conjuring-Horrorreihe fungiert, verneigt sich in Malignant unübersehbar vor den abgründigen Rätselstreifen italienischer Provenienz.

Klammert man den ins Jahr 1993 führenden Prolog aus, ähnelt die neue Produktion des in Malaysia geborenen Schauerliebhabers allerdings eine ganze Weile seinen bisherigen Haunted-House-Geschichten. Türen gehen urplötzlich auf. Lichter fangen an zu flackern. Und schattenhafte Umrisse erscheinen im Bild. Wan hantiert mit klassischen Stilmitteln, setzt sie aber fast nie so clever ein, dass man wirklich aus dem Kinosessel hüpfen möchte. Die Mehrzahl der Buh-Effekte kündigt sich recht deutlich an und dürfte Genrekenner*innen nicht allzu sehr aus der Fassung bringen.

Den Boden unter den Füßen verliert jedoch die Protagonistin des Films, der das von Akela Cooper verfasste Drehbuch gleich mehrere schreckliche Erfahrungen aufhalst. Madison Mitchell (Annabelle Wallis) ist schwanger und lebt mit einem Mann (Jake Abel) zusammen, der seine Impulse nicht unter Kontrolle hat und sie für frühere Fehlgeburten verantwortlich macht. Bei einem Streitgespräch schleudert er sie so heftig gegen eine Wand, dass sie sich eine klaffende Wunde am Hinterkopf zuzieht. Dieser Gewaltausbruch könnte dazu dienen, eine toxische Beziehung genauer zu beleuchten, wie es etwa Wans Saw-Buddy Leigh Whannell in Der Unsichtbare erfolgreich illustriert hat. Madisons Gatte fällt aber kurz darauf einem langhaarigen Angreifer zum Opfer, der mitten in der Nacht in das Haus des Paares eindringt. Die junge Frau wiederum verliert durch die Begegnung ihr ungeborenes Kind und kehrt nach ihrem Krankenhausaufenthalt, sehr zum Missfallen ihrer Schwester Sydney (Maddie Hasson), allein in die eigenen vier Wände zurück.

Die eigentliche Handlung kommt erst jetzt richtig in die Gänge. Als wäre sie nicht schon gestraft genug, verfolgen Madison aus heiterem Himmel Visionen, in denen sie Zeugin brutaler Morde wird. Morde, die sich – das muss sie mit Entsetzen feststellen – in der Wirklichkeit so zutragen, wie sie es beobachtet hat. Den ermittelnden Detectives Regina Moss (Michole Briana White) und Kekoa Shaw (George Young) kommt die Sache verständlicherweise höchst seltsam vor. Und auch Madison kann sich das Ganze nicht erklären. Irgendwann ist sie sich allerdings sicher, dass die schrecklichen Geschehnisse mit Gabriel, ihrem imaginären Freund aus Kindertagen, zusammenhängen müssen.

Dass Malignant nicht auf den Geisterhausgrusel beschränkt bleibt, ist spätestens dann klar, wenn die Hauptfigur in die Tötungssituationen eintaucht. Mit blutigen Details geizt der Regisseur in diesen Momenten nicht und liegt damit auf der Linie vieler Giallo-Beiträge, die das Leiden ihrer, zumeist weiblichen, Opfer in blutroten Farben ausmalen. Die Verneigung vor den italienischen Psychokrimis der 1960er und 1970er Jahre drückt sich freilich nicht nur im Gewaltgrad aus. Auch die scharfe Mordwaffe, die dunklen Handschuhe des schattenhaften Killers, der gelegentlich einsetzende elektronische Score, wiederkehrende Nahaufnahmen weit aufgerissener Augen, markante farbige Lichtquellen, ungewöhnliche visuelle Ideen, unter anderem eine Kamerafahrt aus der Vogelperspektive durch Madisons Haus, und eine traumatische Vergangenheit, die ihre zerstörerische Kraft in der Gegenwart entfaltet, verleihen dem Film einen Anstrich, der Dario Argento gefallen dürfte.

Obwohl sich Hauptdarstellerin Annabelle Wallis mit Verve in ihre Rolle schmeißt, geht Madisons emotionaler Tour-de-Force-Ritt nur bedingt unter die Haut. Im letzten Akt setzt sich der Eindruck fest, dass die Macher*innen kein ernsthaftes Interesse an der psychischen Verfassung Madisons haben. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich dann doch stärker auf die bizarren Schauwerte und Schockeffekte, die sich aus ihrer Extremlage pressen lassen. Überhaupt dreht Malignant im Finale komplett frei und folgt einem ungeschriebenen Giallo-Gesetz, wonach die Auflösung möglichst abstrus sein sollte. Ein real existierendes Krankheitsbild, das im Übrigen nicht zum ersten Mal in einem Spannungsfilm auftaucht, wird hier mit einem übernatürlichen Dreh versehen. Ohne Zurückhaltung umarmt Wan den Trash-Gehalt seiner Erzählung, wird dabei allerdings teilweise arg beliebig. Eine Szene im Gefängnis, die direkt aus einer Folge der grellen RTL-Serie Hinter Gittern – Der Frauenknast stammen könnte, wirkt ebenso deplatziert wie einige Matrix-artige Actioneinlagen und der kurzzeitige Wechsel in eine Computerspieloptik. Mut zu einem wilden, unberechenbaren Rundumschlag ist schön und gut. Manches kommt einem in der letzten halben Stunde aber einfach nur lächerlich vor.

Malignant (2021)

Madison wird von schrecklichen Visionen grausiger Morde heimgesucht und das Ganze wird noch schlimmer, als sie feststellen muss, dass diese Träume Bestandteil der Realität sind, in der sie lebt. 

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