Land (2020)

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In fast abstrakt anmutenden Bildern von erlesener Schönheit erzählt „Land“ von der Durchökonomisierung des ländlichen Raums und davon, mit welcher Akribie die Agrarindustrie eigentlich dafür sorgt, was bei uns auf den Tisch kommt. Eine Augenweide und ein Ohrenschmaus - allerdings einer mit Leerstellen.

Land (2020)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Sinfonie einer gezähmten Landschaft

Ein langsamer Flug über einen winterlichen Wald, abgelöst durch die Linie eines gleichfalls von oben betrachteten Ackers, der von parallelen Linien durchzogen fast wie schraffiert wirkt. Dann, man weiß es nicht genau, ob dies aus einer anderen Perspektive das zeigt, was wir zuerst von oben sahen, ein vermutlich morgendliches, in einer Senke liegendes Feld, das die Spuren des Winters trägt, die Sonne ist noch nicht zu sehen. Mit diesen von getragener Musik unterlegten Bildern beginnt Timo Großpietschs Erkundungen des ländlichen Raums und wechselt anschließend in ein „Innen“, das in den folgenden insgesamt 76 Minuten immer wieder in den Mittelpunkt der Bildwelten rückt. Es folgen regelmäßige Flüge über geometrisch unterteilten Landschaftsräume, Einblicke in die Produktionsanlagen für Gemüse, Fleisch, Milch und all die anderen Produkte, die unsere Ernährung sicherstellen. 

Entstanden ist der Film als work in progress, bei dem sich das Team rund um dem Regisseur und Kameramann Timo Großpietsch, der zugleich als Redakteur für den NDR im Bereich Dokumentarfilm arbeitet, von Drehort zu Drehort hangelte und nicht viel mehr als ein halbseitiges Exposé zur Hand hatte. Erstaunlicherweise öffneten viele der landwirtschaftlichen Betriebe recht bereitwillig ihre Türen und Tore und ermöglichten so Einblicke in eine Welt, die einem vielfach vorkommt wie ein Science-Fiction-Film, bei dem fremde Planeten als Nahrungsmittelproduzenten für die Bevölkerung dienen. Zumeist aus einer Zentralperspektive gefilmt, die nur durch die Kamerabewegungen der eingebauten Drohnenflüge ergänzt werden, entsteht so das Bild eines agrarindustriellen Komplexes, der wenig bis nichts zu tun hat mit den Werbebildern von Landliebe und einem vermeintlich heilen Landleben. Vielmehr geht es um Verwertbarkeit von Raum und Erde, die Nutzbarmachung und industrielle Ausbeutung von Wäldern und Feldern, um Unterwerfung und Gestaltung eines Raums, der so ununterscheidbar wird. Die Äcker und gigantischen, fast immer menschenleeren Hallen — sie könnten überall zwischen Nordsee und Alpenvorland stehen. Welchen Menschen diese ländlichen Räume Heimat sind, das interessiert den kühl vermessenden und taxierenden Blick des Films nicht, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Die ethische Dekonstruktion ist hier der affirmativen Betonung des Ästhetischen gewichen, eine moralische Bewertung der gezeigten Zustände muss das Publikum schon selbst leisten.

Und so ist es der Binnenlogik dieses Filmes folgend nur mehr als verständlich, dass man kaum jemals Menschen (oder Gesichter gar) in Nahaufnahme oder als Ganzes sieht, sondern vor allem arbeitende, sortierende oder Maschinen bedienende Körper(teile), die sich ganz dem eigenen Rhythmus der Maschinen und eines stets abstrakt anmutenden, sich dahinter verbergenden Systems unterworfen haben — auf Effizienz getrimmt, steril, von Ingenieuren ersonnen und zu äußerster Präzision getrieben, bis selbst niedliche Küken und Kühe mit absurd großgezüchteten Eutern nicht wie Wesen aus Fleisch und Blut wirken, sondern lediglich als Produkte einer gierig und maßlos gewordenen kapitalistischen Gesellschaft — unserer Gesellschaft.

Ergänzt, kommentiert und konterkariert durch den großartigen Soundtrack des Jazzpianisten Vladyslav Sendecki bekommt der Film, der sich jedes zumindest gesprochenen Kommentars und jeder Einordnung der streng komponierten Bilder enthält, eine weitere Ebene und strebt eher den Gestus eines sinfonischen Gesamtkunstwerkes an als den eines aufklärerischen und von journalistischer Neugier getriebenen Enthüllungsfilms. Und so „fehlt“ dem Film all das, was gerade völlig zu Recht ins Gerede gekommen ist und was dringend einer gründlichen Revision und Regulierung bedarf. 

Land ist die Fortsetzung der Films Stadt, den Timo Großpietsch über seine Heimat Hamburg drehte. Womöglich, so deutete es Großpietsch im begleitenden Filmgespräch zu seinem neuen Werk an, wird demnächst ein Film namens Fluss folgen, der die Trilogie dann abrunden und beenden soll. Dennoch ist Land unübersehbar ein in sich geschlossenes Werk aus vielen, genau abgezirkelten und sorgfältig kadrierten Aufnahmen, die den Geist und die Atmosphäre von Werken wie Koyaanisqatsi oder diversen Filme des recht ähnlich arbeitenden Nikolaus Geyrhalter atmen. 

Ein überaus sehenswerter Film, aber auch einer, dessen kalte Perfektion und Erbarmungslosigkeit in dem, was er ausspart — vielleicht ja auch uns erspart — und nicht zeigt, Anlass und Ausgangspunkt zu einigen Diskussionen geben könnte. Denn abgesehen von dem ganz eigenen ästhetischen Reiz: Wollen wir so wirklich leben? Gibt es dazu wirklich keine andere Alternative?

Land (2020)

In langen, elegischen Einstellungen und mit einem sogartigen Soundtrack reduziert der Dokumentarfilmer Timo Großpietsch den ländlichen Raum auf seine reine Funktionalität und entführt die Zuschauer an außergewöhnliche, unbekannte Orte fern von jeder Landlustromantik. Nahezu menschenleere Gewächshäuser, geheimnisvolle Brutschränke und Maschinen die wie von Geisterhand arbeiten zeigen den Takt der Wachstumsgesellschaft. Für diese spannende filmische Dekonstruktion hat der berühmte Jazzpianist der NDR-Bigband, Vladyslav Sendecki, einen außergewöhnlichen Soundtrack komponiert und eingespielt. Die verstörende Schönheit der filmischen Sequenzen und die kontrastierende Arbeit der Filmmusik gehen bewusst an die Schmerzgrenze der Wahrnehmung und zeigen, was den ländlichen Raum heute ausmacht. „Land“ ist ein dokumentarischer Science-Fiction-Film der zum Nachdenken anregt. (Quelle: Real Fiction Filmverleih)

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