Josie, der Tiger und die Fische (2020)

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Im Anime „Josie, der Tiger und die Fische“ entdeckt eine junge Frau, die seit ihrer Geburt im Rollstuhl sitzt, dank der Hilfe eines jungen Mannes ihre Lebensfreude wieder – und kann dies schlussendlich erwidern.

Josie, der Tiger und die Fische (2020)

Eine Filmkritik von Christian Neffe

Zum ersten Mal am Meer

Junge, attraktive, kerngesunde Menschen (gelegentlich auch mal mit übernatürlichen Kräften ausgestattet) bevölkern die ProtagonistInnen-Ebene der allermeisten Animes, seien es nun Filme oder Serien. Mit der Repräsentation von Figuren, die diese drei Eigenschaften nicht mit sich bringen, ist es hingegen meist nicht weit her, Ausnahmen muss man mit der Lupe suchen. Eine der wenigen ist Naoko Yamadas A Silent Voice (2016) über die Freundschaft und spätere Liebe eines Jungen zu seiner gehörlosen Mitschülerin. Mit „Josie, der Tiger und die Fische“ gesellt sich nun ein weiteres Gegenbeispiel dazu, dessen Titelfigur zwar für sich verbuchen kann, jung und attraktiv zu sein – die seit ihrer Geburt an aber den Rollstuhl gefesselt ist.

Kumiko – so heißt die junge Frau eigentlich, doch in Anlehnung an ihr Lieblingsbuch möchte sie von allen lieber Josie genannt werden – lebt seit dem Tod ihrer Eltern bei der Großmutter, die sie nur selten nach draußen lässt. Als sie eines Tages bei einem Ausflug die Kontrolle über ihren Rollstuhl verliert, einen Hang herunterrollt und auf diese Weise dem Biologiestudenten Tsuneo im wörtlichen Sinne in die Arme fällt, soll sie nach dem Willen von Oma am besten gar nicht mehr nach draußen. Zu gefährlich, das alles. Tsuneo erhält im gleichen Atemzug das Angebot, sich tagsüber um Josie zu kümmern, und dies kommt ihm angesichts der guten Bezahlung und seines kostspieligen Traums, ein Auslandssemester in Mexiko zu absolvieren, auch sehr gelegen.

Josie allerdings nicht: Auf Mitleid hat sie schon mal gar keine Lust, auf einen Fremdling, der für sie den Aufpasser macht, auch nicht, und dann ist da auch noch der große Frust darüber, das Haus nicht verlassen zu dürfen, weshalb sie Tsuneo anfangs mit unmöglichen Aufgaben malträtiert, so etwa die Löcher im Bodenbelag zu zählen. Es dauert jedoch nicht lange, da zeigt Tsuneo der jungen Frau die Welt da draußen, nimmt sie mit in die Bibliothek, in den Freizeitpark, ans Meer – alles Orte, die Josie noch nie gesehen hat und die eine ungeahnte neue Lebensfreude in ihr erwachen lassen. Folgerichtig bahnt sich zwischen beiden auch langsam eine Romanze an.

Wer angesichts dieser Prämisse (minus letzterem Punkt) an Ziemlich beste Freunde (2011) denken muss, sei versichert, dass Josie, der Tiger und die Fische nicht dessen klischierter Darstellung der sozialen Milieus der zentralen Figur verfällt – was aber nicht für den Verlauf der Romanze gilt, die selbstverständlich erst nach einem heftigen Streit und einer Tragödie zu voller Blüte gereift. Bis dahin weiß das Regiedebüt von Kôtarô Tamura (basierend auf einer Kurzgeschichte von 1985 und bereits 2003 als Realfilm adaptiert) mit der schieren Lebensfreude vieler Kernszenen durchaus anzustecken, das darauffolgende emotionale Tief und seine Auflösung wirken in Summe jedoch forciert.

Es braucht deshalb eine gewisse Affinität zu Kitsch und Rührseligkeit, um mit Josie, der Tiger und die Fische warm und glücklich zu werden. Der sensiblen Inszenierung von Josies körperlicher Einschränkung tut dies allerdings keinen Abbruch: Sie wird weder darauf reduziert noch fordert diese Figur Mitleid vom Publikum oder den anderen Charakteren ein, absolviert den Weg zur Selbstverwirklichung eigenständig, auch wenn zunächst ein wenig Starthilfe durch andere nötig ist, und vermag letztlich im Gegenzug Tsuneo aus einer existenziellen Krise zu helfen. Das Pathos ist dabei vorprogrammiert – doch was wäre ein Anime ohne?

Josie, der Tiger und die Fische (2020)

Die 24-jährige Kumiko liebt das Meer und hat sich mit Büchern und dem Malen eine eigene Fantasiewelt erschaffen, denn sie selbst ist noch nie im tiefen Blau geschwommen. Nur in ihren Träumen taucht sie wie eine Meerjungfrau durch eine farbenprächtige Unterwasserwelt voller Gebäude und Fische. Aufgewachsen bei ihrer überängstlichen Großmutter, hat sie überhaupt noch sehr wenig von der Welt gesehen. Denn Josie, wie sie genannt werden will, sitzt von Geburt an im Rollstuhl. Nach dem Zusammenprall ihrer Enkelin mit dem Studenten Tsuneo bei einem ihrer seltenen Spaziergänge, stellt die 80-Jährige den jungen Mann ein. Er soll sich tagsüber um Josie kümmern. Der angehende Meeresbiologe, der für sein Auslandsstudium in Mexiko spart, nimmt den Job dankbar an. Doch schon nach einem Monat hat er genug von der unverschämten jungen Frau. Einen letzten Wunsch will er ihr aber noch erfüllen, bevor er kündigt – und begleitet sie ans Meer …  

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