Freaky (2020)

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Der riesenhafte Killer als blondes Highschool-Girl – ja, klappt und sticht.

Freaky (2020)

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Mörderischer Körpertausch

Der Metzger von Blissfield, im Englischen schön alliterierend „The Blissfield Butcher“, ist er doch nur eine Schreckgeschichte, um High-School-Kids von verfrühtem Geschlechtsverkehr abzuhalten? Die zwei Pärchen diskutieren das an einem lauen Abend im Garten, bevor das eine sich im Haus verläuft, während das andere gleich im Garten ermordet wird.

Es ist ein erzählerisch eleganter, äußerst blutiger Einstieg, den Regisseur und Autor Christopher Landon für seinen Film Freaky wählt, eine klare Positionierung in jeder Hinsicht: Noch bevor der Titel auf der Leinwand erscheint, ist schon der Kontext „Slasher-Genre“ aufgerufen, sind Hauptfigur und Opfer positioniert, und schon mit dem ersten Mord wird auch das, was eine filmwissenschaftliche Arbeit mal so treffend als „Kreatives Töten“ beschrieben hat, aus dem Kino der 1980er Jahre wiederbelebt. Wofür eine Weinflasche alles gut beziehungsweise schlecht sein kann.

Der eigentliche Dreh des Films kommt freilich noch: Am Vorabend von Freitag, dem 13. (noch so ein Wink mit dem Slasher-Zaunpfahl), sieht sich auch die etwas mauerblümchenhafte Millie (Kathryn Newton) dem „Butcher“ (Vince Vaughn) gegenüber. Weil dieser aber nun zum Morden einen verfluchten Dolch verwendet und Millie nur verletzt, nicht tötet, finden sich die beiden am nächsten Morgen plötzlich im Körper des/der jeweils anderen wieder.

Es ist eine extrem clevere Idee, die Körpertausch-Komödie auf diese Weise mit dem Meta-Slasher zu verbinden – und sie funktioniert vor allem deshalb, weil Newton und Vaughn sich mit solcher Verve in ihre Rollen und die Körpersprache der/des jeweils anderen hineinwerfen. Vor allem Vaughn spielt gekonnt mit der für eine 17-jährige Frau ungewohnten Körperlichkeit, ungelenke Bewegungen ebenso inklusive wie zunehmende Selbstsicherheit ob der eigenen Gestalt als kräftiger Riese. Newton hingegen schwingt sich in eine rote Lederjacke und übernimmt das klassisch-schweigsame Stereotyp des psychopathischen Killers à la Halloween – aber auch der Serienkiller in Frauengestalt fühlt sich zunehmend wohl in der neuen Gestalt.

Zu den Klassikern der Körpertausch-Komödien gehört natürlich die Disney-Mutter-Tochter-Geschichte Freaky Friday in ihren zwei Varianten mit Barbara Harris und Jodie Foster beziehungsweise Jamie Lee Curtis und Lindsay Lohan; Freaky nimmt darauf immer wieder Bezug, nicht nur im Titel und im Datum der Haupthandlung (bis Mitternacht am Freitag, den 13., muss Millie (als Butcher) den Butcher (als Millie) noch einmal mit dem Dolch gestochen haben, sonst bleibt der Wechsel dauerhaft bestehen). Nein, es gibt zwischendurch auch eine emotionale Aussprache zwischen Tochter (als Butcher) und Mutter (Katie Finneran), nur halt mit hetero-romantischen Ansätzen.

Der Geschlechterwechsel ist dem Film auch kein reines Gimmick, sondern wirft neben einigen Gags über männliche Geschlechtsorgane auch erzählerischen Mehrwert ab. Denn der Butcher greift an Millies Highschool als erste jene an, die ihm in Gestalt von Millie am ehesten nervig auf die Pelle rücken – da eröffnet sich ein ganzes Spektrum von Feindbildern: nervige Möchtegernfreundinnen, herablassende Lehrkräfte, lüsterne Footballspieler.

Seine mythologische Basis nimmt der Film hingegen nicht sonderlich ernst. Millies Freund_innen, Nyla (Celeste O’Connor) und Josh (Misha Osherovich) genügt eine Abfrage von Poesiealbum-Informationen und ihr Tanz als Footballmannschafts-Maskottchen, um sie zu überzeugen, dass dieser riesenhafte Mann ihre beste Freundin ist. Und in Zukunft werden sie dann, wir sind im 21. Jahrhundert, auch alle darauf achten, beim Sprechen über sie die richtigen Pronomen zu verwenden.

Mit dem Geheimnis des verfluchten Dolches halten sie sich dann vielleicht zwei Minuten auf: Er ist irgendwie aztekisch und die Gebrauchsanweisung zum Körperrücktausch ist praktischerweise und anscheinend in Gegenwartsspanisch auf der Klinge eingeritzt. Das ist alles Mumpitz und der Film weiß das im Grunde ebenso gut wie seine Figuren – egal.

Landon hat vorher bei den beiden sehr komischen Happy Death Day-Filmen Regie geführt, beim zweiten auch, wie hier, das Buch geschrieben, und die Ähnlichkeiten in Tonalität und Haltung sind sicher keine Überraschung. Man hätte sich vielleicht noch ein wenig mehr Abgründe in Sachen Körperlichkeit gewünscht, ein wenig mehr Tiefe, die mit der Psyche, nicht nur mit Stichwerkzeugen hergestellt wird.

Dank Vaughn und Newton fühlt sich der Film vor allem als extrem vergnügliche, so witzige wie brutale Variation auf ein Horrorsubgenre an, die den Tanz auf der Klinge zwischen Humor und Ernsthaftigkeit perfekt beherrscht.

Freaky (2020)

Nach dem Körpertausch mit einem geistesgestörten Serienmörder, entdecken eine Schülerin, dass ihr nur 24 Stunden bleiben, bis der Tausch unumkehrbar wird.

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