Davos (2020)

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Davos in den Schweizer Alpen: Künstlerischer Sehnsuchts- und medizinischer Erholungsort. Was passiert während des jährlichen „Weltwirtschaftsforums“ in und abseits der Hauptpromenade? Welche Menschen zieht es hierin und welche werden verdrängt? Davos – eine dokumentarische Topografie des Kultortes.

Davos (2020)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Das globale Dorf

Davos. Namensgeber für das berühmteste Schlittenmodell der Eidgenossen. Temporäre Ernst-Ludwig-Kirchner-Heimat. Mit Parsenn, Pischa, Jakobshorn und Rinerhorn zugleich das Ski- und Snowboardparadies der Schweiz. Und berstend schön auf 1560 Metern über dem Meeresspiegel im malerischen Kanton Graubünden gelegen. Längste Zeit – und nicht erst seit Thomas Manns Jahrhundertroman „Der Zauberberg“ (1924) mitsamt „Schatzalp“-Spätromantik – als offizieller „Weltkurort“ tituliert. So richtig wie gleichzeitig bieder liest sich das häufig auch noch heute bei einem Blick in die „Davoser Zeitung“, bei der die Jungredakteure froh sind, wenn wenigstens mal etwas „brennt“, weil wieder die Todesanzeigen ausgeblieben sind wie es einmal in Daniel Hoesls und Julia Niemanns Dokumentarfilmessay Davos nicht ohne Spott heißt.

Literarisch verewigt wurde das 13.000-Einwohner-Städtchen stellenweise noch einmal in Max Frischs „Stiller“ genauso wie in Erich Kästners Roman-Fragment „Der Zauberlehrling“, das wiederum im Auftrag des Davoser Verkehrsvereins entstand und somit im Subtext sehr viel über das beständige Mäandern zwischen Tradition und Fortschritt, Armut und Reichtum, Chancen sowie Chancenungleichheit erzählt, das den alpinen Kultkurort bis in die Gegenwart prägt.

Denn schon seit den 1890ern wird das ebenso stolze wie geschäftstüchtige Städtchen jedes Jahr vom britischen, russischen und amerikanischen Geldadel geradezu heimgesucht, der selbstverständlich nur in den nobelsten 5-Sterne-Häusern logiert. Daran hat sich im Grunde nicht viel in dem Ort verändert, der bereits 1874 mit dem Slogan „das neue Mekka der Schwindsüchtigen“ in aller Welt erfolgreich für sich warb.

Überhaupt der unermüdliche Geschäftssinn der Davoser. Ihm begegnet man in Daniel Hoesls gleichnamigem Filmfestivalhit Davos immer wieder, den er zusammen mit Julia Niemann (Buch und Co-Regie) über ein Jahr lang in der Davoser Bergwelt realisierte. Schließlich ist Davos mit seinem jährlich stattfindenden, millionenschweren „Weltwirtschaftsforum“ (WEF) längst zu seinem globalen Synonym für die direkte Konfrontation so genannter Eliten aus Weltpolitik und Wirtschaftsmacht mit der ländlichen Bevölkerung geworden. Oder um im internationalen Kontext zu sprechen: als stilles Tagungsstädtchen für das Gros der Mächtigen und Wichtigen, Schönen und Reichen, die als CEOs oder Staatschefs nichts weniger als die Geschicke dieses Planeten wesentlich mitsteuern.

„Davos geht uns alle an“, meint Daniel Hoesl (Soldate Jeannette / WinWin) in Bezug auf jenen speziellen Mikro- wie Makrokosmos, für den der Ortsname im übertragenen Sinn inzwischen für die gesamte Weltgemeinschaft steht. Denn hier sitzen, tagen, schlemmen, saufen und promenieren im Kern die selbsternannten „Happy Few“ von Facebook, über Merkel und Macron bis hin zum indischen Großinvestor oder der Chefin des Europäischen Zentralbank, für die Klaus Schwabs Team ein Jahr lang im Hintergrund den ganz großen Konferenzteppich ausrollt.

„80 bis 90 Millionen Franken“ werden mit diesem „Event“ umgesetzt, heißt es einmal wie nebenbei: sprich sehr schweizerisch, wofür das Regieduo mit seinem Editor Gerhard Daurer mehrmals gleichsam offene wie ironische und zuweilen auch beißend kapitalismuskritische Bilder (Bildgestaltung: Andi Widmer) findet, die sich einbrennen und von hoher Ambiguität zeugen.

Während die eine Bauernfamilie über einen schier sinnlos erscheinenden Generationswechsel am häuslichen Küchentisch sinniert, arbeiten die anderen mit den stets unverständlichen Berufsbezeichnungen parallel in wohltemperiert-cleanen, mit Designprunk und „Fine Food“ ausgestatteten Hotelhöllen, in denen selbstverständlich niemand fragt, wo die frische Milch herkommt: in fünf Minuten beginnt schließlich bereits der nächste „business call“: Wird darin vielleicht sogar der nächste „Milchsee“ künstlich aufgestaut?

Während an anderer Stelle die letzten Vorbereitungen für das traditionell-bizarre „Britisch-Schweizerische Parlamentarier-Skirennen“ getroffen werden, diskutieren engagierte Davor Bürger*innen gerade in einer öffentlichen Debatte über den eigentlichen Sinn des „Weltwirtschaftsforums“ sowie die umstrittene „Vision“ seines Gründers: Klaus Schwab. Am Ravensburger Wirtschaftswissenschaftler und Harvard-Absolventen, dem „besten Netzwerker der Welt“, perlen daraufhin jegliche kritischere Fragen in einem selbstredend kurzen („Termine, Termine“) Fernsehinterview ab. Man müsse schlichtweg alles „diplomatisch“ formulieren können lautet Schwabs geradezu unheimliches Arbeitsmotto: Das habe er schließlich in der Politik gelernt.

 

Das gesamte neoliberale Unbehagen unserer Zeit, das nicht selten unwirtliche Gefühl durchwegs nur ein Zaungast in einer zunehmend entmenschlichten Wirtschaftswelt zu sein wird in eindringlichen Miniszenen wie diesen kongenial eingefangen – und gleichzeitig dokumentarisch dechiffriert: Tristesse globale eben, fern jeder Almwiesenromantik. Wie viele Davoser Zweitwohnsitze Klaus Schwab wohl mittlerweile innehat?

Davos (2020)

Was unsere Welt antreibt, wird in Davos während des alljährlichen World Economic Forum sichtbar: Das normale und traditionelle Leben im Kontrast zur globalen Elite, die ungebunden von allen Orten aus operiert. Hier eine Bergbauernfamilie, die mit Komplikationen bei der Geburt eines Kalbs kämpft – dort ein Manager, der von seinem Hotelzimmer aus virtuelle Konferenzen absolviert. Ein Film über Gleichgewicht und Gegensätze, über dem die Frage steht: Ist es akzeptabel, dass eine Handvoll mächtiger weißer Männer darüber entscheidet, wie die Zukunft für alle anderen aussehen soll?

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