Angst essen Seele auf

Angst essen Seele auf

Das Glück der kleinen Leute

Zunächst ist es – wie so häufig – eine beiläufige Begegnung an einem beliebigen Abend und an einem beliebigen Ort: Emmi Kurowski (Brigitte Mira) flüchtet vor einem überraschenden Regenguss in eine Kneipe. Emmi hat die Sechzig bereits überschritten, die Witwe lebt allein und muss sich mit Putzjobs mühsam über Wasser halten, ihre drei mittlerweile erwachsenen Kinder kümmern sich kaum um sie. Doch dann geschieht an jenem regnerischen Abend das Wunderbare und Unerwartete: Emmi verliebt sich in jener Kneipe – in den 20 Jahre jüngeren Marokkaner Ali (El Hedi Ben Salem). Und noch wunderbarer: Sie wird zurück geliebt. Doch Emmis Umwelt reagiert mit Unverständnis und Ablehnung.
Als die beiden die Flucht nach vorne antreten und heiraten, ist sie aber doch überrascht über die Wucht der Vorurteile, die ihr entgegenschlagen. Die drei Kinder brechen den letzten Kontakt zu ihrer Mutter ab, ihre Kolleginnen schneiden sie, die Hausgemeinschaft reagiert mit Schikanen. Nach einem Urlaub, den das Paar aus schierer Frustration antritt, scheint jedoch wunderbarerweise alles verändert: Verwandte und Bekannte beginnen, sich aus eigennützigen Motiven mit der Existenz von Ali zu arrangieren. In diesem Moment gerät die Beziehung in eine Krise.

Inspiriert von Douglas Sirks klassischem Hollywood-Melodram Was der Himmel erlaubt / All that Heaven allows aus dem Jahre 1955 greift Rainer Werner Fassbinder die Grundkonstellation des Vorbildes auf und verwandelt die Liebesgeschichte zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann in eine bundesrepublikanische Parabel über Ausländerfeindlichkeit, Vereinsamung und Bigotterie.

Fassbinder inszeniert seinen Film sehr behutsam, beinahe spartanisch, doch die Leistungen der Schauspieler — allen voran die großartige Brigitte Mira — machen aus dem Film über das Glück der kleinen Leute großes Kino. Auch wenn oder gerade weil man den Verdacht nicht los wird, dass Ähnliches heute immer noch geschehen kann, hier in Deutschland am Beginn des 21. Jahrhunderts.

(Joachim Kurz)

Im Rahmen des 20-jährigen Jubiläums von Arthaus wird das DVD-Label den Film erneut in ausgewählte Kinos bringen.

Angst essen Seele auf

Zunächst ist es – wie so häufig – eine beiläufige Begegnung an einem beliebigen Abend und an einem beliebigen Ort: Emmi Kurowski (Brigitte Mira) flüchtet vor einem überraschenden Regenguss in eine Kneipe.
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Meinungen
Martin Zopick · 01.06.2020

Obwohl Fassbinder den Film schon 1974 gedreht hat, werden hier fast alle gängigen Vorurteile gegenüber Ausländern / Gastarbeitern abgearbeitet. Heute hört man das noch von rechtsextremen Volksgenossen oder Unbelehrbaren. R.W.F. hat sich dafür ein Extrembeispiel ausgesucht: die über 60-Jährige Putzfrau Emmi (großartig Brigitte Mira) heiratet den 20 Jahre jüngeren Marokkaner Ali (El Hedi ben Salem). Das regt die Nachbarn auf (u.a. Elma Karlowa), den Lebensmittelhändler (Walter Sedlmayr) an der Ecke und die eigenen erwachsenen Kinder z.B. Christa (†Irm Hermann). Die Arbeitskolleginnen schneiden sie und die Kneipenwirtin Barbara (Valentin) macht Ali eindeutige Angebote.
Als Emmi und Ali aus dem Urlaub zurückkommen, akzeptieren alle anscheinend das seltsame Pärchen. Die Stimmung im Viertel scheint zu kippen. Doch es knirscht zwischen den beiden, weil Emmi kein Cous Cous kochen kann und will. Das bietet ihm Barbara. Ali schläft mit ihr und Emmi akzeptiert es. Nach einem Zusammenbruch muss Ali operiert werden. Emmi sitzt an seinem Bett, hält seine Hand und weint. Ende!
Nach all der Unbill fand Fassbinder doch eine vernünftige Lösung. Er führt dem Zuschauer vor Augen, sowohl was an seelischer Grausamkeit möglich ist, als auch wie es gesittet zu gehen kann, wenn unterschiedliche Ethnien auf einander treffen.
Immer noch ein Heißes Eisen, das hinter diesem lyrischen Titel steckt.

Frank Hantigk · 19.12.2016

Ich kenne den Film leider nicht.

Kommentare