An Impossible Project (2020)

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Regisseur Jens Meurer hat einen selbsternannten Visionär und sein größenwahnsinniges Projekt porträtiert. Ein aberwitziger Dokumentarfilm über die Kraft des Haptischen.

An Impossible Project (2020)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Analog ist… anders

Das Kino liebt Charakterköpfe. Es lebt von ihnen. In seinem zweiten Dokumentarfilm nach 20 Jahren Pause hat der Produzent und Regisseur Jens Meurer einen liebenswerten Größenwahnsinnigen vor der Linse, der mit seinem Charisma mühelos die gesamte Laufzeit trägt. Doch nicht nur deshalb lohnt sich ein Kartenkauf.

In einem Spielfilm gäbe Florian „Doc“ Kaps wohl den charmanten Hochstapler: gut aussehend, wortgewandt und den Sack voller Ideen, die sich zwar aufregend anhören, deren Umsetzung aber unmöglich erscheint. Ein Trickster, der sein Gegenüber mit seinem Enthusiasmus ansteckt und aufs Kreuz legt. Doch dieser größenwahnsinnige Österreicher meint es ernst. So ernst, dass er Ende der Nullerjahre beinahe sein gesamtes Vermögen in einem dieser unmöglichen Projekte versenkte.

Doc, dessen Spitzname von seinem Doktortitel in Biologie herrührt, ist immer in Bewegung und schwimmt stets gegen den Strom. Als die ganze Welt die ersten Smartphones in Händen hielt, rettete er einen Eckpfeiler der analogen Fotografie. Gemeinsam mit einer Gruppe Gleichgesinnter kaufte er 2008 die letzte Polaroid-Fabrik der Welt und bewahrte sie vor der Schließung. Die Verantwortlichen beim einstigen Foto-Riesen rieben sich die Hände und verwundert die Augen. Die weltbekannte Marke, die synonym für die Sofortbildfotografie steht, meldete bereits Anfang des neuen Jahrtausends erstmals Insolvenz an. Lange also, bevor mit dem Mobiltelefon Schnappschüsse gemacht und direkt in die virtuelle Welt hochgeladen werden konnten, schien diese Technik obsolet. Doch Doc und Co. glaubten an die Kraft des Haptischen – und sollten damit recht behalten.

Heute ist die Sofortbildfotografie zurück – mit neuen Kameras und neuen Kunden. Eine junge Generation, die von Geburt an nur das Digitale kennt, hat das Analoge für sich entdeckt. Für diese Weitsicht hat Doc das Label des Visionärs verdient, das er sich mit einem Augenzwinkern allzu gern selbst aufdrückt. Aber auch am „größten Loser aller Zeiten“, als den ihn seine Frau scherzhaft bezeichnet, ist etwas dran. Denn Doc mag gute Ideen, den richtigen Riecher und die nötige Chuzpe haben, mit der Umsetzung hat er es nicht so.

Regisseur Jens Meurer, der in den vergangenen zwei Jahrzehnten vornehmlich als Produzent (u. a. Black Book, Rush – Alles für den Sieg) tätig war, hat Florian Kaps auf seiner aberwitzigen Reise durch die Welt des Analogen begleitet. Doc kauft seine Wurst bei einer Metzgerfamilie im Wiener Umland, die sich bis heute stoisch weigert, ihre Produkte in die Hauptstadt zu liefern, trifft sich mit anderen Analog-Enthusiasten in New York und wird ins Silicon Valley eingeladen, um den Herren der Metaversen seine Visionen von einer analogen Zukunft zu unterbreiten. Das ist mal irre komisch, weil hinter all den Visionen meist nicht mehr als smarte Slogans stecken, aber eben auch sehr häufig faszinierend, weil man all die im Film vorgeführten analogen Gerätschaften am liebsten selbst ausprobieren möchte. Selbstredend ist all das analog gedreht, in wunderschönen 35-mm-Aufnahmen, die die Leinwand zum Schwingen bringen.

Und Doc? Der ist inzwischen längst beim übernächsten Projekt angelangt. Nach einer Kombination aus Museum und Erlebnisgastronomie, die er in der Wiener Innenstadt betreibt, will er als Nächstes ein altes Grandhotel aus dem Dornröschenschlaf erwecken. Das ist dann selbst dem Regisseur zu viel, der seinen Protagonisten aus dem Off für irre erklärt. Doc ist’s egal. Der grinst und weiß das Publikum auf seiner Seite.

An Impossible Project (2020)

Eine aberwitzige „David gegen Goliath“-Geschichte, deren Protagonisten die letzte Polaroid-Fabrik der Welt retteten. Nur um festzustellen, dass die Polaroid-Formel für immer verloren ist. Nun versuchen sie, Polaroid für das 21. Jahrhundert neu zu erfinden

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