Verteidiger des Glaubens (2019)

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Die Amtszeit des deutschen Papstes Benedikt XVI. war überschattet von den weltweit bekanntgewordenen Fällen sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester und andere Beschäftigte der katholischen Kirche. Der Dokumentarfilm von Christoph Röhl porträtiert Joseph Ratzinger als tragische Figur.

Verteidiger des Glaubens (2019)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Auf die Strahlkraft des Himmels vertrauend

Es gibt sicher leichtere Themen für einen Dokumentarfilm als ein Porträt Joseph Ratzingers, ehemaliger Papst Benedikt XVI., in dem sein Wirken analytisch betrachtet und evaluiert wird. Der Theologieprofessor Ratzinger galt zunächst als Erneuerer, der spätere Kardinal als konservativer Bewahrer der katholischen Lehre. Bei seinem Amtsantritt als Papst mit 78 Jahren im Jahr 2005 war die Freude hierzulande über den Deutschen auf dem Heiligen Stuhl besonders groß. Noch größer allerdings war 2013 die weltweite Verblüffung über seinen Rücktritt – so etwas hatte es in freiwilliger Form in der gesamten Kirchengeschichte erst einmal, im Jahr 1294, gegeben. Und schließlich ist sein Papsttum verbunden mit dem Vertrauensverlust, den die katholische Kirche wegen der unzähligen Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern erlitten hat, die sie systematisch zu vertuschen versuchte.

Der britisch-deutsche Regisseur Christoph Röhl nimmt in diesem ausgesprochen seriösen Dokumentarfilm eine kritische Haltung ein. Letztlich zeichnet er Ratzinger als tragische Figur. Schritt für Schritt belegt Röhl mit einer analytischen Argumentation auf hohem Niveau, dass Ratzinger die Kirche auf einen falschen Weg gebracht hat, um sie vor dem angeblichen Werteverfall der modernen Gesellschaft – sein Spruch von der „Diktatur des Relativismus“ kommt im Film vor – zu beschützen. Er habe die Kirche festigen und ihre Lehre vor Verwässerung schützen wollen. Mehr noch, er habe an den absoluten Wahrheitsanspruch der katholischen Lehre geglaubt, an unumstößliche Prinzipien, die über Zweifel und weltliche Kritik erhaben sind.

Die antidemokratische Struktur der katholischen Kirche sieht Röhl schließlich als das Hauptübel, das auch für die jahrzehntelange Vertuschung der Missbrauchsfälle verantwortlich ist. Die Analyse, die im Großen und Ganzen chronologisch der Karriere Ratzingers folgt, entsteht im Gespräch mit hochkarätigen Interviewpartnern, die zur Kirche gehören oder aus ihrem Kreis stammen. Unter ihnen befinden sich Georg Gänswein, der Privatsekretär Benedikts seit seiner Wahl zum Papst, die Theologen Hermann Häring und Wolfgang Beinert, Charles Scicluna, der im Auftrag von Papst Benedikt 2005 den Missbrauchsvorwürfen gegen den Gründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel, nachging und unter Papst Franziskus der führende Ermittler gegen sexuellen Missbrauch wurde. Es ist hauptsächlich diesen Gesprächspartnern zu verdanken, dass Ratzinger als Persönlichkeit und in seinem Denken sehr einfühlsam und kundig geschildert wird. Zu ihnen gesellen sich weitere Interviewpartner, die kritischer, aber ebenfalls fundiert über ihn oder die Kirche sprechen, beispielsweise der 2012 vom Vatikan suspendierte irische Priester Tony Flannery.

Röhl hat sich in zwei Filmen – dem dokumentarischen Und wir sind nicht die einzigen sowie dem TV-Spielfilm Die Auserwählten – mit dem Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule befasst. Das Thema des sexuellen Missbrauchs rückt hier ganz allmählich, dann aber mit zunehmender Wucht ins Zentrum, so wie es auch der tatsächlichen Rezeption in der Öffentlichkeit entsprach. Der Wunsch des Papstes, den Imageschaden mit der Ausrufung eines Priesterjahres 2009-2010 wiedergutzumachen, konnte so nicht aufgehen. Die ganze Politik des Vatikans war verfehlt, saß sie doch dem Irrtum auf, dass ein äußerer Feind in Form weltlicher Einflüsse und Versuchungen die Erhabenheit der Kirche bedrohe, anstatt den Feind im Inneren zu bekämpfen.

In enger werdenden Kreisen zeigt die Narration – den Kommentar spricht Ulrich Tukur – auf, dass sich Ratzinger schon als Präfekt der Glaubenskongregation eine Schutzhülle rückwärtsgewandter Weltfremdheit zulegte. Während er Reformtheologen ihrer Ämter enthob, suchte er den Kontakt mit ultrakonservativen geistlichen Gemeinschaften wie dem österreichischen „Das Werk“. Eine lange Passage befasst sich mit Maciels Legionären Christi, die vom Vatikan sehr hofiert wurden, weil sie so viele junge Priester rekrutierten. Maciel hatte bei Papst Johannes Paul II. einen Stein im Brett. Er unterhielt auch Geschäftsbeziehungen mit Kardinälen und gab Geschenke – Ratzinger lehnte solche jedoch ab. Als Papst enthob er Maciel schließlich – viele Jahre, nachdem die gegen ihn erhobenen Missbrauchsvorwürfe dem Vatikan bekannt wurden – seiner Ämter. 

Aus all den Aussagen kristallisiert sich das Porträt Ratzingers als eines Mannes heraus, der nicht nur über jede Korruption erhaben war, sondern auch irgendwie daran glaubte, dass Priester durch ihre Weihe, ihre Nähe zu Gott zu besseren Menschen würden. Er soll demnach die Missbrauchsfälle als Verrat am Priestertum empfunden haben.

Der Film ist ungeheuer spannend aufgebaut und auch in der dezenten Begleitmusik schwingt ein Hauch von Krimi oder düsterem Melodram mit. Man staunt übrigens, wie viele unterschiedliche Blickwinkel und Eindrücke sich in den Aufnahmen des Petersplatzes und angrenzender vatikanischer Hausfassaden finden lassen. Wenn über der Kuppel des Petersdoms wieder einmal die Wolken über den Himmel jagen, drängt sich auch ohne Worte der Eindruck einer Krise in den Gemäuern des Vatikans auf.

Der Film befasst sich nicht mit der Lehre Ratzingers, mit der Frage, worauf sein exzellenter Ruf als Theologe gründete und weshalb seine Vorlesungen an der Universität, beispielsweise in Tübingen am Vorabend der Studentenrevolte von 1968, so beliebt waren. Die Aggressivität der Studentenproteste, die sich auch gegen die katholische Kirche richteten, habe ihn dann jedoch zutiefst erschreckt, sagen Interviewpartner. So soll seine Aversion gegen die moderne Gesellschaft und die Hinwendung zu konservativen Prinzipien begonnen haben.

Das würde ja zum Teil auch wieder erklären, warum sich Benedikt Anfang 2019 aus dem Ruhestand mit einem Zeitungsaufsatz zu Wort meldete, in dem er die Ursache für die kirchlichen Missbrauchsfälle in der sexuellen Revolution der 1968er Bewegung sieht. Indirekt gesteht er damit ein, dass Priester keine besseren Menschen sind. Aber eine katholische Kirche wiederum, die beispielsweise auf das priesterliche Zölibat verzichtet, wäre in seiner Vorstellungswelt wohl dem sofortigen Untergang geweiht. Christoph Röhls Film jedenfalls bietet ein fesselndes Porträt eines Papstes, der sich mehr mit himmlischen Prinzipien, als mit irdischem Chaos befassen wollte, bis ihn die eigene Kirche scheitern ließ.

Verteidiger des Glaubens (2019)

Der Dokumentarfilm erzählt von einem Mann, der sein Leben dafür eingesetzt hat, die Kirche — die ihm Heimat und Familie war — zu bewahren und sie dabei in ihre größte Krise geführt hat: Joseph Ratzinger, der deutsche Papst Benedikt XVI. Der Dokumentarfilm analysiert das traditionsreiche Glaubens- und Machtsystem und dessen Ringen mit den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. (Quelle: Verleih)

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