Taped

Taped

Eine Filmkritik von Jochen Werner

Keine Perle des Genrekinos

Warum kriselnde Paare dazu neigen, ihre seit gefühlten Ewigkeiten unter den heimischen Teppichboden gekehrten Konflikte ausgerechnet auf Fernreisen endlich mal so richtig ausdiskutieren zu wollen, das wird wohl auf ewig ein Geheimnis der gar nicht mal so kleinen Schar mittelmäßig intelligenter Drehbuchautoren des Weltkinos bleiben. Johan (Barry Atsma) und Sara (Susan Visser) fliegen jedenfalls aus den Niederlanden nach Argentinien, um dort mitten im Dschungel darüber zu sprechen, dass sie zu viel arbeitet und er seit mehr als einem Jahr eine Affäre mit einer gewissen Ellen hat. Obgleich beide nebenbei mit der stets aufnehmenden Videokamera eine Art Videotagebuch für die gemeinsame, daheim gebliebene Tochter Rose aufzeichnen und sich angesichts der sie verbindenden Liebe zu dieser wieder zusammenzuraufen versuchen, führt alles Gerede vorerst zu nichts. Die Filmerei hingegen zeitigt recht unerwartete und auch unerwünschte Konsequenzen, gerät doch dabei ganz zufällig ein Mord vor die Linse – verübt, ausgerechnet, von einem Polizisten. Der Weg zu den Gesetzeshütern fällt also eher aus, und bald findet sich das zerstrittene Paar auf der Flucht durch Buenos Aires und im Kampf um das blanke Überleben vereint wieder.
Nun ist ja die Grundkonstellation durchaus klassischer Genrestoff: zwei Menschen auf der Flucht vor irgendwas, zugespitzt durch die verschärfenden Faktoren persönlicher Konflikte und der Bewegung durch eine unbekannte Stadt. Ein angemessen reduzierter Plot für ein mit 80 Minuten angenehm schlankes Stück Genrekino, könnte man meinen. Leider aber macht der niederländische Regisseur Diederik Van Rooijen in Taped so ziemlich alles falsch, was man bei einem Stoff wie diesem überhaupt falsch machen kann. Das äußert sich am offensichtlichsten in der Logik so ziemlich jeder einzelnen Entscheidung so ziemlich jedes einzelnen Protagonisten des Films. Warum Johan unbedingt zum Flughafen will, wo es doch ohne die auf der Flucht abhanden gekommenen Pässe ohnehin keinen Plan gibt, wie man von dort dann weiter vorzugehen gedenkt? Warum die korrupten Polizisten beide wieder laufen lassen, um dann lieber einem angesichts der gezückten Feuerwaffen davonbrausenden Bus nachzueilen? Warum sie, skrupellos wie das Skript sie zeichnet, die beiden nicht gleich hinrichten, nachdem sie sie erst einmal gefangen und in einem verlassenen Haus festgesetzt haben? Warum Johan und Sara schließlich, nach der gelungenen Selbstbefreiung, noch einmal arglos stehenbleiben und solange über Johans Seitensprünge diskutieren, bis der längst abgeschüttelte Verfolger sie wieder eingeholt hat? Keine Ahnung. Der Film macht sich nicht die Mühe, auch nur auf die naheliegendste Frage, welche die mitunter an den Haaren herbeigezogene Plotmechanik zwangsläufig aufwirft, eine akzeptable Antwort anzubieten.

Nun ist es natürlich für einen Genrefilm dieses Zuschnitts, möchte man einwenden, gar nicht zwingend vonnöten, nachvollziehbar, schlüssig oder gar psychologisch motiviert zu sein – wenn denn wenigstens besagte Plotmechanik einigermaßen reibungslos funktioniert. In Taped funktioniert aber wirklich gar nichts. Die Bilder sind flach, die Dramaturgie ohne Rhythmus und ohne Spannung, die Figuren sind leere Unsympathen und die Melodramatik ihrer dysfunktionalen Beziehung bleibt zu jedem Zeitpunkt bloße Behauptung, wird aber dafür durch einen völlig überbetont emotionalen Soundtrack stellenweise bis zur unfreiwilligen Komik aufgeblasen. Im Grunde gibt es nichts zu verteidigen an Taped, nichts, was auch nur ein kleines Stück weit über den Standard eines mittelmäßigen Fernsehkrimis hinausweisen würde. Manchmal kann man im Programm des Fantasy Filmfests ja durchaus kleine, gemeine und anderenorts zu Unrecht übersehene Perlen des europäischen Kriminalfilms entdecken. Taped gehört ganz entschieden nicht dazu.

Taped

Warum kriselnde Paare dazu neigen, ihre seit gefühlten Ewigkeiten unter den heimischen Teppichboden gekehrten Konflikte ausgerechnet auf Fernreisen endlich mal so richtig ausdiskutieren zu wollen, das wird wohl auf ewig ein Geheimnis der gar nicht mal so kleinen Schar mittelmäßig intelligenter Drehbuchautoren des Weltkinos bleiben.
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