Robolove (2019)

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Roboter beflügeln seit jeher die Fantasie, von E.T.A. Hoffmann bis „Ghost in the Shell“. Wissenschaftler versuchen, aufzuholen und Androiden zu entwickeln, die dem Menschen täuschend ähnlich sehen. Der Dokumentarfilm „Robolove“ zeigt, dass dem Traum vom perfekten Androiden noch einiges im Weg steht.

Robolove (2019)

Eine Filmkritik von Kais Harrabi

Auf Streifzug im Uncanny Valley

Der Japaner mit der Rex-Gildo-Frisur und der Lederjacke gehört zu den wichtigsten Robotikern der Welt. Sein Name ist Hiroshi Ishiguro und er ist in erster Linie dafür bekannt, dass er sich selbst als Roboter nachgebaut hat. Vor allem aber baut er in seinem Labor mit seinem Team Roboter in Frauenkörpern, wie die meisten ForscherInnen in diesem Film.

Maria Arlamovsky streift in Robolove einmal quer durch das Uncanny Valley, jenes unheimliche Tal, das Roboter und sehr menschenähnlich aussehende Objekte irgendwie unheimlich wirken lässt. Bei ihrem Streifzug trifft die Regisseurin viele interessante Menschen, teilweise auch mit recht seltsamen Ideen. Ihr Dokumentarfilm hält sich dabei mit Bewertungen zurück und lässt lieber die Begegnungen für sich sprechen. Arlamovksy lässt die ForscherInnen erzählen, was sie antreibt und welche Zukunftsvisionen sie verfolgen.

Dabei kristallisiert sich schnell heraus, dass hier vor allem Transhumanisten unterwegs sind. Die wollen die Beschränkungen des menschlichen Körpers überwinden und begeben sich dabei oft in ethisch äußerst fragwürdige Gefilde. Arlamovsky stellt zum Beispiel Bruce Duncan vor, der daran arbeitet, das Gedächtnis eines Menschen extern zu speichern. Sein Plan: Die Erinnerungen sollen durch einen Nachbau des Menschen abgerufen werden. Als Motivation darf er ein altes Sprichwort zitieren: „Ein sterbender alter Mann ist wie eine brennende Bibliothek.“ Der Film zeigt aber auch, dass wir noch sehr weit entfernt davon sind, Blade-Runner-mäßig mit vom Menschen ununterscheidbaren Robotern zusammenzuleben. Es wirkt im Film fast so, als müsse man sich entscheiden: ein Körper, der menschlich aussieht und sich bewegen kann oder eine künstliche Intelligenz, die aber kaum in dem Körper beherbergt werden kann. Man sieht: Die Zukunft ist doch noch ein ganzes Stück weit entfernt.

In Robolove fällt besonders ein Aspekt auf: Fast alle Roboter, die in diesem Film gezeigt werden, haben weibliche Attribute. Mit Harmony stellt Arlamovsky sogar einen Sexroboter mit Spracherkennungs-App vor. Ihr Erfinder Matt McMullen erklärt im Interview seine Vision von Beziehungen zu einem Roboter: Man könne ganz man selbst sein, ohne beurteilt zu werden. Arlamovsky lässt diesen Gedanken so stehen. Dass aber im Hintergrund eine ganze Schar an unfertigen Robotern an Ketten von der Decke hängt, ist dann doch ein subtiler Kommentar.

Denn ohne sie je explizit zu stellen, wirft der Film auch die Frage danach auf, wie eine eigentlich geschlechtslose Technologie doch mit einem Geschlecht versehen wird. Heute schon sind die meisten Künstlichen Intelligenzen und Sprachassistenten, mit denen wir im Alltag zu tun haben, weiblich: Siri, Cortana, Alexa – alle haben (zumindest in den Standardeinstellungen) weibliche Namen und sanft säuselnde weibliche Stimmen. In der Techniksoziologie wird das Phänomen vor allem damit erklärt, dass die Abwehr gegenüber der Technologie weniger stark ist, wenn sie mit weiblichen Attributen ausgestattet ist – ein weiblicher Roboter wirkt also weniger bedrohlich und werde eher akzeptiert. Problematisch ist aber, dass durch diese Koppelung Weiblichkeit eben auch wieder mit Unterwürfigkeit und Servicearbeit assoziiert wird, eine Koppelung die FeministInnen zu lösen versuchen.

Besonders hängen bleibt in diesem Zusammenhang eine Szene, in der drei ältere Herren das erste Mal mit einem Roboter namens Nadine interagieren, einem „weiblichen humanoiden Sozialroboter“. Die Begegnung mit der Technologie bekommt schnell etwas seltsam Anzügliches, als die Männer anfangen, die Hand des Androiden zu betatschen und beginnen, sich darüber auszutauschen, dass die Haut doch irgendwie seltsam kühl ist. Mit solchen Momenten macht Robolove einen zweiten Deutungsrahmen auf, der dem der Future-Evangelisten und Transhumanisten entgegenläuft. Ob man damit einverstanden ist oder doch lieber die Fortschritte der Robotik bestaunt, bleibt jedem selbst überlassen. Der feministische Blick auf den Androidentopos ist auf jeden Fall ein sehr zeitgemäßer und wichtiger, der erst langsam im Mainstream Fuß fasst. Dass sich Arlamovsky in ihrem Film so vornehm zurückhält, kann man ihr auch übelnehmen. Bemerkenswert ist aber, dass ihr Film jederzeit diese grundfeministische Haltung hat, ohne die Protagonisten je direkt damit zu konfrontieren. Es ist fast so, als ob man als ZuschauerIn selbst darauf kommen soll.

Radikal ist Robolove nicht. Vielmehr wirft er Fragen nach Technologie und Geschlecht auf, die wir uns zwangsläufig früher oder später stellen müssen. Dazu bietet er einen sehr guten Überblick über den Status Quo der Roboterforschung und zeigt, dass wir von einem Terminator-Szenario, in dem die Maschinen die Weltherrschaft übernehmen, noch meilenweit entfernt sind.

Robolove (2019)

„Robolove“ verhandelt die Strategien von Männern und Frauen, die an der Entwicklung von humanoiden, androiden Robotern beteiligt sind. Roboter, die vielleicht eines Tages den menschlichen Körper und das menschliche Leben erweitern werden.

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