Post Tenebras Lux

Post Tenebras Lux

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Schönheit und Schrecken

Carlos Reygadas ist mit seinen Filmen mittlerweile ein fester Bestandteil des Festivals von Cannes geworden. Während Batalla en el cielo 2005 noch die Gemüter spaltete, zählte Stellet Licht (2005) bereits zu den Favoriten der Kritiker. Für sein neues Werk Post Tenebras Lux hat sich Reygadas fünf Jahre Zeit gelassen. Für diesen langen Zeitraum und die hohen Erwartungen, die sich damit verknüpft haben, wirkt der Film definitiv enttäuschend, was sich in Cannes bei der Pressevorführung auch in Buhrufen äußerte, die in dieser Heftigkeit sicher nicht gerechtfertigt waren.
Juan und Natalia sind ein offensichtlich wohlhabendes Paar mit zwei kleinen Kindern, Rut und Eleazar, die sich ein schönes Anwesen auf dem Land gekauft haben, um dort zu leben. Während die Kinder das Leben in der Natur genießen, gibt es Brüche in der Beziehung der Eltern, Missverständnisse, Vorwürfe, die sich vor allem immer wieder um das Sexualleben der beiden drehen, das Juan als langweilig und lustlos empfindet. Außerdem zeigt Juan manchmal seltsame Anwandlungen, auf die Hunde einzuprügeln, die zum Anwesen gehören — und zwar bevorzugt auf eines der Tiere, jenes, das er am meisten liebt. Die Sehnsucht nach einer Idylle und nach einem Leben in Harmonie mit der Natur erweist sich als trügerisch, denn das Haus wird (im ganz wörtlichen und bildhaften Sinne) von einem Dämon heimgesucht.

Was Reygadas mit Landschaften anstellt, wie er den Himmel, Wolkenformationen, abendliches Licht förmlich auf die Leinwand malt, überhaupt wie er mit Natur umgeht, das ist immer noch und immer wieder aufs Neue grandios anzuschauen und verfehlt seine Wirkung nicht. Allein der Einstieg, bei dem wir die kleine Rut auf einer Wiese stehen sehen, auf der die Hunde umhertollen und sich Pferde und Kühe befinden, ist grandios gewählt. Weil sich am Horizont ein Gewitter zusammenbraut und weil es dunkel wird, empfinden wir die Idylle als Bedrohung, sind uns nicht sicher, ob die animalischen Kräfte der Natur diesem kleinen Mädchen wirklich freundlich gesonnen sind, das innerhalb dieser Landschaft beinahe ein wenig verloren wirkt. Selbst wenn wir nachher die Familie in scheinbarer Harmonie sehen, so ist doch dieses Urbild der Schönheit und der Bedrohung stets vorhanden, stets gegenwärtig und zeigt uns, wie brüchig das Leben sein kann.

Zwiespältiger, aber durchaus zum Stil des Films passend ist da schon die von Reygadas gewählte elliptische Erzählweise, die wild zwischen verschiedenen Ebenen hin und her springt und die dazwischen stattgefundenen Veränderungen lediglich in Details verrät. Ebenso sprunghaft wechselt der Mexikaner zwischen den verschiedenen Figuren des Films, wobei die Familie um Juan eindeutig das Zentrum bildet.

Mit seiner sprunghaften Erzählweise, seiner Feier der Natur und der exzellenten Kameraarbeit (Alexis Zabe), bei der die gewählte Optik mit einem speziellen Effekt stets für eine Brechung innerhalb des Bilder sorgt, so dass die Verschiebung der Welt sich auch bildhaft manifestiert, wirkt Post Tenebras Lux wie ein Hybrid aus Batalla en el cielo, Stellet Licht und Terrence Malicks The Tree of Life.

Insgesamt scheint Post Tenebras Lux fast ein wenig wie ein impressionistisches Gemälde, das, wenn man zu nahe davor steht, nur aus einzelnen Strichen oder Punkten besteht. Die Formen und Geschichten, das große Thema und die Variationen zeigen sich erst, wenn man einen oder gar mehrere Schritte zurücktritt, wenn man sich Zeit nimmt und den Gesamteindruck auf sich wirken lässt. Doch selbst dann ist man sich noch nicht sicher, was man von diesem Film halten soll. Man sollte, man müsste eigentlich — aber wer hat diese Zeit und die Möglichkeit dazu schon, vor allem während eines Festivals? — diesem Film einen zweiten und dritten Blick gönnen.

Post Tenebras Lux

Carlos Reygadas ist mit seinen Filmen mittlerweile ein fester Bestandteil des Festivals von Cannes geworden. Während „Batalla en el cielo“ 2005 noch die Gemüter spaltete, zählte „Stellet Licht“ (2005) bereits zu den Favoriten der Kritiker. Für sein neues Werk „Post Tenebras Lux“ hat sich Reygadas fünf Jahre Zeit gelassen.
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