Porgy & Me

Porgy & Me

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Mit Gershwins Klassiker auf Tour

George Gershwins Oper Porgy & Bess bildet in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahme im Repertoire klassischer Musik – und zwar nicht nur musikalisch. Zum einen ist das Stück das einzige amerikanischer Herkunft, dass sich seit Jahrzehnten auf den Bühnen dieser Welt etablieren konnte. Zudem bietet es das ideale Karrieresprungbrett für afroamerikanische Gesangsvirtuosen, die bis auf wenige Ausnahmen kaum Chancen haben, sich an den Opernhäusern der Welt zu etablieren. Denn Gershwin legte fest, dass bei der Aufführung seines Werkes – ausgenommen sind hierbei konzertante Aufführungen – ausschließlich afroamerikanische Akteure zum Einsatz kommen dürfen. Und so sichert das Stück auch dank seines Erfolges seit Jahren und Jahrzehnten viele Laufbahnen, da sich ständig mehrere Inszenierungen irgendwo rund um den Globus auf Tournee befinden. Von einer dieser Tourneen handelt Susanna Boehms Dokumentarfilm Porgy & Me, die das Ensemble des New York Harlem Theatre begleitet.
Optisch hat der Film nicht allzu viel zu bieten, was vor allem daran liegt, dass die Kamera die Sängerinnen und Sänger zumeist auf Reisen im Bus begleitet und dementsprechend beschränkt ist auf wenige Blickwinkel. Im Wesentlichen sehen wir die Akteure auf der Bühne sowie als "talking heads" bei diversen Interviews, wo sie über sich, über ihre Herkunft und ihren oft steinigen Weg zur Opernbühne, über ihre Enttäuschungen und Hoffnungen und die immer noch allgegenwärtigen Ressentiments sprechen, denen sie nach wie vor ausgesetzt sind.

Dass die Regisseurin den Akteuren dabei sehr nahe kommt, liegt auf der Hand, schließlich ist sie mit Terry Lee Cook, der den Porgy spielt, insgeheim aber von Auftritten in Wagner-Opern träumt, verheiratet, die beiden haben einen gemeinsamen Sohn. Trotzdem steht Cook nicht allzu sehr im Zentrum des Interesses, auch wenn mit ihm die emotional stärksten Szenen gelingen.

Ein wenig enttäuschend hingegen sind die ausführlichen Gesangspassagen von verschiedenen Aufführungen, was weniger an der stimmlichen Brillanz der Sänger liegt, sondern vielmehr an der äußerst biederen Inszenierung, die Porgy & Bess ohne jegliche Brechung zu einer Anhäufung von romantisierenden Klischees werden lässt. So bleibt die Feststellung, dass Gershwins Meisterwerk auch heute noch voller Brisanz und Aktualität ist, allein auf den Raum hinter der Bühne und auf die erhellenden Gespräche mit den Darstellern beschränkt. Im Theater selbst sind die Ressentiments und Stereotype weiterhin deutlich sichtbar und zugleich fest in den tradierten Vorstellungswelten von damals verhaftet.

Zudem erfährt man als Zuschauer nichts über die Entstehungsgeschichte und über die Beweggründe Gershwins für seine Entscheidung, Porgy & Bess ausschließlich von afroamerikanische Sängern aufführen zu lassen und ebenso kaum etwas über die wechselvolle Geschichte der Oper, die zu Zeiten strengster Rassentrennung in den USA geschrieben wurde. Backgroundwissen, das die abwechselnden Opernszenen und Interviewpassagen um einiges aufgelockert und mit zusätzlichen Aspekten bereichert hätte. Ohne Details wie diese dreht sich der Film ein wenig um sich selbst und betont vor allem das Thema Rassismus auf manchmal doch überzogene Weise. Wenn wir von Terry Lee Cook erfahren, dass er gerne Wagner-Arien singen würde, dies aber wegen seiner Hautfarbe wohl nie wird verwirklichen können, fällt dabei ein wenig unter den Tisch, dass es vor allem die dunkel Färbung seiner Stimme ist, die sein Repertoire erheblich einschränkt. An anderer Stelle hingegen, wenn Cook von Schwierigkeiten bei der Einreise nach Großbritannien berichtet, diese auf Ressentiments zurückführt und dabei eher am Rande eingesteht, dass mit seinem Visum etwas nicht in Ordnung gewesen sei, hätte man sich ein stärkeres Insistieren der Filmemacherin gewünscht – was möglicherweise auch aufgrund der Beziehung zu Cook unterbleibt.

Gerade im Hinblick auf die Veränderungen der Lage der Afroamerikaner und der immer subtiler werdenden Formen von Ausgrenzung und Rassismus wäre - allein schon aufgrund der enormen Breitenwirkung der Oper – ein Update auf das Hier und Jetzt dringend angeraten, um sich aus den Mustern von Rassismus auf der einen und der gefilterten Wahrnehmung desselben auf der anderen Seite auszubrechen.

Andererseits stellt sich die Frage, ob Porgy & Bess so erfolgreich gewesen wäre, wenn es, stets auf der Höhe der Zeit bleibend, zu einer wirklich politischen Oper geworden wäre. Vielleicht hätte es dem Film gut getan, genau diesen Zwiespalt noch mehr in den Mittelpunkt des Films zu rücken und Lösungswege aufzuzeigen. So aber bleibt das Gefühl, dass die Chance, die Porgy & Bess bietet, für viele der Sänger zu einem goldenen Käfig geworden ist, aus dem jedes Ausbrechen zu einer waghalsigen Unternehmung gerät. Und das ist dann wahrhaftig ein Dilemma, das auch dieser Film wiederspiegelt. Im Guten wie im Schlechten.

Porgy & Me

George Gershwins Oper "Porgy & Bess" bildet in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahme im Repertoire klassischer Musik – und zwar nicht nur musikalisch. Zum einen ist das Stück das einzige amerikanischer Herkunft, dass sich seit Jahrzehnten auf den Bühnen dieser Welt etablieren konnte.
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