Niceland

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Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine verrückte Liebe

Dass Islands kleine Filmszene inzwischen in Europa und der Welt bekannt geworden ist, dafür hat nicht nur Fridrik Thor Fridriksson mit Werken wie Children of Nature (1991), Cold Fever (1995) oder Angels of the Universe (2000) gesorgt. In den letzten Jahren haben auch Filmemacher wie Dagur Kári (Nói Albínói,Dark Horse) und Baltasar Kormákur (101 Reykjavík und Die Kalte See / Hafid) auf das Eiland mitten im Nordatlantik aufmerksam gemacht. Auch wenn es in den letzten Jahren vergleichsweise ruhig um Fridrik Thor Fridriksson geworden ist, so ist der Mann immer noch enorm produktiv und hat sein Handwerk keineswegs verlernt, wie sein neuester Film Niceland / Næsland auf eindrucksvolle Weise verdeutlicht.
Jed (Martin Compston) und Chloe (Gudrun Bjarnadottir) haben vieles gemeinsam: Sie sind beide jung, leben noch bei ihren Eltern und wohnen in der gleichen tristen Gegend außerhalb von Reykjavik. Kein Wunder also, dass sich die beiden ineinander verlieben, auch wenn ihre Liebe von dem Umstand überschattet wird – zumindest für ihre Umwelt, dass Jed und Chloe beide geistig behindert sind. Ganz zart und sanft, mit kindlicher Unschuld und Naivität entwickelt sich diese Liebe, bis eines Tages Chloes geliebte Katze Catey durch einen Fehler Jeds überfahren wird – ein Unglück, das alles verändert. Mit einem Schlag legt sich eine Wolke der Düsternis und Verzweiflung über Chloe, mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der sie zuvor himmelhoch jauchzend war, ist sie nun zu Tode betrübt, und nichts kann die junge Frau aus ihrer Lethargie reißen. Schließlich fällt sie sogar in ein Koma, so sehr ist aller Lebensmut aus ihrem Körper und ihrem Geist gewichen. Doch Jed gibt nicht auf und setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um nach eben jenem Sinn des Lebens zu suchen, der seiner Freundin abhanden gekommen ist. Als er eines Tages den Schrotthändler Max (Gary Lewis) im Fernsehen sieht, der verkündet, er wisse um den Sinn dieses Lebens, steht es für Jed außer Frage, dass er den Mann gefunden hat, der ihm bei seinem Kampf um Chloes Leben helfen kann…

Mit großer Sensibilität und ebenso großer Selbstverständlichkeit erzählt Fridrik Thor Fridriksson seine Liebesgeschichte mit märchenhaften und philosophischen Elementen als eine große Parabel über den Sinn des Lebens und als persönliche Hommage an seinen Schwager, der vor einigen Jahren plötzlich verstarb. Dieser war gerade mal 19 Jahre alt und litt unter dem Downsyndrom. Doch wie Fridriksson in seinem Begleitwort zu diesem wundervollen und lediglich gegen Ende hin etwas sentimentalen Film schreibt, ist er davon überzeugt, dass dieser ein glückliches und reiches Leben vor sich gehabt hätte. Ein Satz, der im ersten Moment beinahe banal erscheint, dessen Implikationen aber beim zweiten und dritten Durchlesen ebenso wie beim Anschauen des Films eine nachhaltige Wirkung hinterlassen. Für mich ist diese „verrückte“ Liebesgeschichte eine der verblüffendsten und anrührendsten Erscheinungen dieses Kinojahres.

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Dass Islands kleine Filmszene inzwischen in Europa und der Welt bekannt geworden ist, dafür hat nicht nur Fridrik Thor Fridriksson mit Werken wie Children of Nature (1991), Cold Fever (1995) oder Angels of the Universe (2000) gesorgt.
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