Nach der Musik

Nach der Musik

Eine Filmkritik von Silvy Pommerenke

Die brillante Karriere des österreichischen Dirigenten Otmar Suitner wurde vorzeitig beendet, da eine Parkinson-Erkrankung ihm die Arbeit unmöglich machte. Ein herber Verlust für die Klassik-Welt. Neben der fast dreißigjährigen Leitung der Ostberliner Staatsoper führte Suitner ein privates Doppelleben, was eine Ehefrau im Osten und eine Geliebte plus Kind im Westen beinhaltete. Igor Heitzmann, sein Sohn, nähert sich in diesem Dokumentarfilm dem fremden Vater an, für den die Musik immer an erster Stelle stand, und der nur wenig Zeit für ein Familienleben übrig hatte.
Nach der Musik ist ein bedächtiger Film, der sich seinem Hauptdarsteller Otmar Suitner behutsam annähert. Der Sohn weiß, dass seinem Vater nicht mehr all zu viel Lebenszeit bleiben wird, und da er es in seiner Kindheit und Jugend versäumt hat, seinen Vater dirigieren zu sehen, hat er einen letzten großen Wunsch: Sein Vater soll ihm zuliebe noch einmal den Taktstock in die Hand nehmen. Ob es an der Kamera liegt, die ihn pausenlos begleitet, an seinem schlechten Gewissen, dem Sohn nie der erwünschte Vater gewesen zu sein oder vielleicht doch an einer Spur Narzissmus – der Vater willigt ein und erfüllt seinem Sohn diesen Wunsch. Es sind berührende Szenen, wie der alte Mann gestützt von einer Hilfskraft zum Dirigentenpult geführt wird, wie langjährige Kollegen dem Dirigenten Standing Ovations erteilen und alle mit Tränen in den Augen sich willenlos von Suitner dirigieren lassen. Auch sie wissen, dass es das letzte Mal sein wird, dass dieser von Musik besessene Mann als Dirigent auftritt.

Bevor dieser Traum von Igor Heitzmann in Erfüllung geht, führt er seinen Vater und die beiden Frauen, die ein Leben lang den selben Mann geteilt haben, vor der Kamera zusammen und bekommt nicht zuletzt selbst Zugang zu Suitner. Das, was von außen als äußerst vertracktes Beziehungsgeflecht aussieht, scheint als ungewöhnliches Lebensmodell funktioniert zu haben. Man hat sich arrangiert, und beide Frauen waren ebenso in das Musikerleben involviert – als Assistentin, als Geschäftsführerin, als stille Kraft im Hintergrund. Selbstredend mussten die eigenen Karrieren hinter der von Suitner zurückstehen, der oftmals mehr Bezug zu Brahms, Mozart und Beethoven hatte, als zu real existierenden Menschen. Nach der Musik ist aber mehr, als nur ein persönliches Porträt eines Vaters, auch mehr als das eines Musikers, sondern es ist gleichzeitig ein Abbild der deutschen Ost-West-Geschichte.

1960 zog Suitner mit seiner Ehefrau Marita in die DDR, um bei der Dresdner Staatskapelle als Generalmusikdirektor zu arbeiten. Vier Jahre später leitete er bis 1990 die Ostberliner Staatsoper Unter den Linden. Suitner war ausgestattet mit Privilegien, von denen der „normale“ DDR-Bürger nur träumen konnte. Dank seines Ausländerstatus konnte der gebürtige Innsbrucker jederzeit die Grenze überqueren, was für die Beziehung zu Renate Heitzmann unabdinglich war. Kritischen Auges beobachtete das die Stasi, die akribisch über Suitners Westbesuche Buch führte und die Frage aufwarf, ob er Westspion sei. Erst Jahrzehnte später liest der Dirigent seine Stasi-Akten und kann darauf nur mit einem Schulterzucken antworten. Während die Stasi-Agenten noch gegen ihn ermittelten, führte ihn der Weg nach Bayreuth, Wien, Tokyo, San Francisco, London und München. Verlassen wollte er die DDR nie, dafür hat er seine Arbeit an der Ostberliner Staatsoper viel zu sehr geliebt. Sich für eine der beiden Frauen entscheiden, auch das konnte und wollte er nicht. Die hat er offenbar auch zu sehr geliebt.

Nach der Musik wurde bereits vor Kinostart preisgekrönt und international ausgezeichnet, unter anderem in Montreal, Leipzig, Krakau und Moskau. Somit wurde nicht nur die Wurzelsuche von Igor Heitzmann offiziell honoriert, sondern er hat sich auch seinen Traum erfüllt, den Vater ein erstes und letztes Mal dirigieren zu sehen. Durch die filmische Annäherung an das Phänomen Otmar Suitner hat Heitzmann auf viele seiner Fragen Antworten bekommen, die auch für die Öffentlichkeit von Bedeutsamkeit sind. Anlässlich des 87. Geburtstags Otmar Suitners, am 16. Mai 2009, und 20 Jahre nach Mauerfall, läuft Nach der Musik im Kino an.

Nach der Musik

Die brillante Karriere des österreichischen Dirigenten Otmar Suitner wurde vorzeitig beendet, da eine Parkinson-Erkrankung ihm die Arbeit unmöglich machte. Ein herber Verlust für die Klassik-Welt. Neben der fast dreißigjährigen Leitung der Ostberliner Staatsoper führte Suitner ein privates Doppelleben, was eine Ehefrau im Osten und eine Geliebte plus Kind im Westen beinhaltete.
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Meinungen
astrid Salzmann · 14.08.2012

Der vorstehenden Besprechung des Films "Nach der Musik" schließe ich mich absolut an. Meiner Meinung nach trifft sie den Inhalt und die Stimmung mit "einer Punktlandung". Auch ich empfehle diesen Film allen, die Interesse am Leben und Wirken des großen maitre der Staatsoper Unter den Linden und der Staatskapelle Berlin im Besonderen und klassischer Musik im Allgemeinen haben. Aber auch filmkünstlerisch halte ich den Film für uneingeschränkt gelungen und dem Inhalt entsprechend.

Kommentare

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