Michael Nyman – Composer in Progress / In Concert

Michael Nyman – Composer in Progress / In Concert

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die vielfältigen Talente des Michael N.

Einen großen Publikum bekannt geworden ist er mit seinem Score zu Jane Campions wundervollem Film Das Piano (1993). Wer sich aber Ende der 1980er für die Filme Peter Greenaways (Der Kontrakt des Zeichners, 1982; Ein Z und zwei Nullen, 1985; Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber, 1989) begeisterte, die zu dieser Zeit als „state of the art“ galten, dem waren die Klangwelten Michael Nymans zwischen Zitaten von Meistern wie Mozart, Händel und Purcell und den Charakteristiken moderner Musik schon länger bekannt. Eine sehenswerte DVD-Box versammelt nun neben dem äußerst gelungenen Porträt Michael Nyman – Composer in Progress eine Aufzeichnung des Auftritts der Michael Nyman Band in Halle.
In ihrem knapp einstündigen Porträt Composer in Progress (eine längere Version des Films war bei den Hofer Filmtagen unter dem Titel Michael Nyman in Progress zu sehen) begleitet Silvia Beck den Komponisten mit der charakteristischen dicken und kreisrunden Hornbrille bei seinen ausgedehnten Reisen zu Konzerten, Vorträgen und Proben mit der Michael Nyman Band, die einen präzisen Eindruck von seiner überaus kooperativen Arbeit geben. Der Anspruch des Filmtitels, den Musiker als einen Menschen zu schildern, der sich sowohl physisch wie auch mental ständig auf Reisen zu neuen Ufern befindet, findet seine Entsprechung in zahlreichen Szenen, bei denen wir Nyman im Auto oder im Zug sehen. Ganz selten nur ruht der Film und folgt nicht dem atemlosen Rhythmus der Musik, so dass man schnell versteht, dass Nyman ein im positiven Sinne Getriebener ist, ein schöpferischer Unruhegeist, dessen unbändige Energie ebenso vorantreibend wirkt wie seine Tonschöpfungen.

Dass bei den zahlreichen Wegbegleitern Nymans (unter ihnen Steve Reich und Volker Schlöndorff) ausgerechnet Peter Greenaway fehlt, ist bedauerlich – schließlich sind die Karrieren der beiden Exzentriker auf das Engste miteinander verflochten. Wann immer man die typischen Kompositionen Nymans mit ihrer abgehackten Rhythmik und ihren deutlichen Blechbläser-Akzenten hört, denkt man zuerst an die Filme Greenaways, denen die Musik bei aller Schwere und Konstruiertheit der Geschichten stets etwas Federnd-Leichtes gab. Mehr noch: Man ist geneigt zu glauben, dass die Bilderwelten eines Peter Greenaway ohne die Musik Nymans wohl nie diese ungeheure Wirkung entfaltet hätten, die sich auch heute noch zuverlässig einstellt. Gerade deshalb ist diese Lücke in dem ansonsten sehr ansprechenden und exakt auf die häufig erklingende Musik des Komponisten komponierten Film recht schmerzhaft – wenngleich dies wenig an der Qualität des Porträts ändert.

Vielleicht ist diese Entscheidung des Weglassens einer entscheidenden Begegnung des Komponisten aber auch konsequent und folgerichtig. Seine Hinwendung zur eigenen bildkünstlerischen Arbeit, seine ungebremste Schöpfungskraft, die sich zunehmend auch in Fotoarbeiten, Videos und Filmprojekten manifestiert, markiert einen Ablösungsprozess von den Bildern und Assoziationen Anderer, die sich beim Erklingen seiner kompositorischen Arbeiten beinahe unwillkürlich einstellen. Man darf gespannt sein, ob dem Meisterkomponisten nun auch noch ein Magier von Bilderwelten folgen wird. Wenn man es einem Musiker zutrauen kann, in beiden Welten erfolgreich und innovativ unterwegs zu sein, dann ist Michael Nyman mit Sicherheit derjenige, auf dessen Ergebnisse man besonders gespannt sein kann.

Gemeinsam mit der Aufzeichnung des Konzerts in Halle bietet die DVD-Box zwar keinen in sich geschlossenen Überblick über Leben und Werk Nymans. Aber das wäre vermutlich kaum in Sinne des Komponisten gewesen, dessen Weg noch lange nicht zu Ende ist, sondern gerade womöglich vor einer neuen und überraschenden Wendung steht.

Michael Nyman – Composer in Progress / In Concert

Einen großen Publikum bekannt geworden ist er mit seinem Score zu Jane Campions wundervollem Film „Das Piano“ (1993).
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