Meru (OmU)

Meru (OmU)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Der Berg ruft

Was treibt Bergsteiger an, was treibt sie um? Die Faszination der Gipfel hat unzählige Spiel- und Dokumentarfilme inspiriert. Manche erzählen von Triumphen, viele von der Katastrophe, Meru erzählt von beidem.
Das Leben ist nicht immer fair. Obwohl der 1962 geborene Conrad Anker zu den renommiertesten Kletterern und Bergsteigern seiner Generation zählt, machte ihn erst ein toter Kollege auch außerhalb der alpinen Welt bekannt. 1999 fand er George Mallorys Leiche hoch in der Nordwand des Mount Everest. In der ersten Szene des Dokumentarfilms Meru hängt nun auch Anker in eisigen Höhen und bangt um sein Leben. Der Gipfel ist bereits in Sicht, doch der Wind verhindert einen Aufstieg. Also harrt Anker mit seinen Gefährten Jimmy Chin und Renan Ozturk in einem Zelt aus, das in über 6000 Metern an ein paar Seilen an einer Steilwand baumelt. Für fachfremdes Publikum eine ebenso irrwitzige wie atemberaubende Konstruktion. Ihr Versuch scheitert, was Anker & Co. nur noch mehr anspornt.

Die Steilwand, liebevoll „Haifischflosse“ getauft, ist Teil des Mount Meru. Für den Bergsteiger, Journalisten und Buchautor Jon Krakauer ist der Gipfel eine Art „Anti-Everest“. Denn während sich aufs Dach der Welt mittlerweile Touristen hieven lassen, verzweifeln am Meru selbst erfahrene Profis. An der „Haifischflosse“ gab es mehr gescheiterte Versuche als auf irgendeiner anderen Route im Himalaya. Krakauer, dessen Tatsachenbericht In eisige Höhen Baltasar Kormákurs Everest als eine von mehreren Quellen diente, beschreibt die Strecke deshalb als ultimativen „Test des Meisterkletterers“. Schließlich müsse ein Bergsteiger für deren Bezwingung nicht nur gut auf Eis und auf gemischtem Untergrund klettern können, sondern auch enorme Wände in extremer Höhe erklimmen.

Bergsteiger, Fotograf und Filmemacher Jimmy Chin wirft gemeinsam mit seiner Ehefrau Elizabeth Chai Vasarhelyi einen Blick in die Psyche der drei Extremkletterer, zu denen er selbst zählt. Anhand von Archivmaterial skizziert er ihren beruflichen Werdegang, ihr Verhältnis zu (ehemaligen) Kollegen, Erfolge und (lebensgefährliche) Rückschläge. Neben Interviews mit den Protagonisten kommen auch deren Familien zu Wort. Krakauer steuert als versierter Autor die Fakten bei.

Dank kleiner, flexibel einsetzbarer Kameras ist das Publikum an der Steilwand ganz dicht dran. Die Aufnahmen wirken beinahe ungefiltert, da Chin und Ozturk, die dafür verantwortlich zeichnen, selbst Teil des Teams sind. Hier liefert Meru atemberaubende Ansichten, die in Teilen durchaus mit wegweisenden Produktionen wie Pepe Danquarts Am Limit (2007) mithalten können, und tiefe Einsichten ins Innenleben der Kletterer. Diese Nähe birgt aber auch Gefahren. Trotz aller Reflexion geht Jimmy Chin letztlich die nötige Distanz zu seinem Sujet ab. Sind die Kletterer zu verschlossen, muss Krakauer aus der Ferne mit Erklärungsversuchen und Analysen dienen. Das stete Abwägen zwischen Risiko und Verantwortung – den Kollegen am Berg und den Familien zu Hause gegenüber – thematisiert Meru zwar deutlicher als manch vergleichbarer Dokumentarfilm, wie so viele andere bohrt er in den entscheidenden Situationen aber nicht tief genug nach.

Meru (OmU)

Was treibt Bergsteiger an, was treibt sie um? Die Faszination der Gipfel hat unzählige Spiel- und Dokumentarfilme inspiriert. Manche erzählen von Triumphen, viele von der Katastrophe, „Meru“ erzählt von beidem.
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