Melinda und Melinda

Melinda und Melinda

Eine Frage der Sichtweise

Zwei Paare, je ein Mann und eine Frau, sitzen beisammen und diskutieren: Was liegt dem Gemüt des Menschen näher, die Tragödie oder die Komödie? Ist das Leben eher tragisch oder eher komisch? Die Männer reden sich die Köpfe heiß und spinnen die Fragen noch weiter: Wenn das Leben der Menschen tragisch ist, neigen sie dann eher zur Komödie, um sich von der Tragik abzulenken, oder sehen sie dann lieber Tragödien, weil sie sich darin wieder entdecken?

Um ihre jeweiligen Ansichten und Auswirkungen auf das Leben zu verdeutlichen, kündigen beide Parteien eine Geschichte an, die ihre Meinung untermauern soll. Der Film verlässt hier die Rahmenhandlung und konzentriert sich auf die Geschichten, die beide den gleichen Ausgangspunkt haben: Die junge Melinda (Radha Mitchell) ist verzweifelt und möchte sich das Leben nehmen. In der Variante, in der die Tragik dominierend sein soll, sprengt die nervöse Melinda verwirrt eine Dinnerparty ihrer Jugendfreundin Laurel (Chloë Sevigny). Diese möchte mit der Einladung einen Filmproduzenten beeindrucken, damit ihr schauspielender und trinkender Ehemann Lee (Jonny Lee Miller) wieder Arbeit bekommt. Warum ist Melinda so plötzlich wieder da, und warum ist sie so verzweifelt? Aufgelöst erzählt sie, sie sei vor ihrem Ehemann geflohen, um mit einem anderen Mann zusammen zu sein – doch die Romanze endete in einem Desaster, und ihre Kinder darf sie nun auch nicht mehr sehen. Melinda wird von ihren Freunden aufgenommen, allerdings nicht ohne hämische Worte hinter vorgehaltener Hand. Während Lee sich um eine neue Filmrolle bemüht, Laurel den Versuch unternimmt, Melinda zu verkuppeln, lässt sich diese auf eine geheime Affäre mit einem Pianisten ein, der sie jedoch bald mit Lee betrügt.

Dem gegenüber gesetzt ist die Erzählung um eine andere Melinda, die dem Leben nicht ganz so depressiv gegenüber steht. Dennoch ist sie nach einer gescheiterten Beziehung am Boden zerstört und selbstmordgefährdet. Sie stört die Dinnerparty ihrer Nachbarn, dem arbeitslosen Schauspieler Hobie (Will Ferrell) und der erfolgreichen Regisseurin Susan (Amanda Peet). Nach dem ersten Schreck dreht sich auch in dieser Variante das Beziehungskarussell: Hobie verliebt sich schnell in seine Nachbarin, erfährt aber erst nach seiner Trennung von Susan, dass Melinda inzwischen mit dem Musiker Billy zusammen ist. Darüber hinaus muss Hobie noch verkraften, dass er nicht einmal eine Rolle in dem Filmprojekt seiner Frau bekommt. Die beiden Erzähler, die sich immer mehr um ihr Diskussionsthema streiten, kommen letztendlich zu keinem Ergebnis – und damit ist der Film plötzlicher beendet als der Kinobesucher es erwartet.

Dem Film Melinda und Melinda liegt eine grundlegende Frage der Menschheit zugrunde: Wie viel Einfluss hat der Mensch auf sein Schicksal? Ist es wirklich einfach Pech, wenn etwas schief geht? Ist eine positive oder negative Einstellung zum Leben tief genetisch verwurzelt oder anerzogen? Oder kann man zu jeder Zeit sein Leben selber in die Hand nehmen und es verändern? Filmische Versuche, sich der Antwort zu nähern gab es schon mit Sie liebt ihn – sie liebt ihn nicht oder Und täglich grüßt das Murmeltier – und Woody Allen hat nun seinen Beitrag hinzugefügt und möchte zwischen Tragik und Komik unterscheiden.

Die Idee, die unterschiedlichen „Melinda“-Geschichten mit der Rahmenhandlung einleitend zu erklären ist recht geschickt, jedoch erfüllt sie das initiale Versprechen nicht. Die beiden Männer, die das Thema diskutieren und dann ihre Version der „Melinda“ erzählen, versprechen je einen Beitrag zur Tragik und zur Komik. Aber die Szenen verschwimmen mehr und mehr – die tragische Variante hat komische Elemente und umgekehrt. Die Erzählstränge werden nicht voneinander getrennt erzählt, sondern laufen parallel zueinander. Die Konstante zwischen beiden Welten bildet Melinda, die immer von Radha Mitchell dargestellt wird. Woody Allen hat sich dazu entschlossen, den weiteren Rollen andere Namen und andere Charaktere zu geben, und sie auch von unterschiedlichen Schauspielern darstellen zu lassen. Dem muss der Zuschauer Folge leisten – und landet im einem Wechselbad der Szenen. Dass dies nicht immer leicht ist und der Kinobesucher mitunter nicht mehr folgen kann, scheint vorprogrammiert.

Diese drohende Verwirrung wird unterstützt durch den Woody-Allen-Stil, den man als Fan kennen und lieben gelernt hat: Die Figuren stammen aus den New Yorker-Intellektuellenkreisen und pflegen mit Hingabe ihre Neurosen und fiebrigen Nervositäten. Die Helden brauchen das Reden wie andere Menschen Luft zum Atmen, die Dialoge sind rastlos, schnell und politisch unkorrekt. Dass ein Woody-Allen-Film durch diese Wortgewalt kein Produkt für die breite Masse ist, zeigen die immer mager werdenden Einspielergebnisse der letzten Filme. Durch die zwei (plus Rahmenhandlung sogar drei) Erzählebenen wird der Anspruch, den der Regisseur von seinen Zuschauern abverlangt, noch größer, und dies wird sich sicher im Erfolg oder Misserfolg niederschlagen. Die Platzierung in den US-Kinocharts scheint dies bereits zu bestätigen, jedoch haben Allen-Filme in Europa meist weitaus mehr Erfolg als in seinem Heimatland.

Eine Antwort auf die Frage nach dem Schwerpunkt zwischen Komik und Tragik gibt der Film nicht – das abrupte Ende des Filmes hinterlässt die Zuschauer verwirrt und soll dazu anregen, sich eigenen Gedanken zu machen. Da es keine eindeutige Antwort gibt, stellt sich eher die Frage nach dem Existenzgrund des ganzen Filmes – einen besonders großen Unterhaltungswert stellt er nämlich auch nicht dar. Vielleicht wäre es besser gewesen, die beiden „Melinda“-Geschichten bis ins Detail zu unterscheiden: Eine wirklich absurde Komödie und ein hochtragisches Drama.

Eine eigene Rolle hat Woody Allen persönlich übrigens nicht. Vermutlich aufgrund seines Alters hat er diesmal davon Abstand genommen, selbst in Erscheinung zu treten. Dennoch ist der Charakter, der in anderen seiner Filme von ihm verkörpert wurde, augenscheinlich: Hobie sieht man in jeder Szene an, dass sein Charakter, sein Witz und seine Tragik vom Meister persönlich inspiriert wurde – ob dieses Experiment der Charakterübertragung funktioniert, muss jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden.

(Holger Lodahl)

© des Bildes: 20th Century Fox

Melinda und Melinda

Zwei Paare, je ein Mann und eine Frau, sitzen beisammen und diskutieren: Was liegt dem Gemüt des Menschen näher, die Tragödie oder die Komödie? Ist das Leben eher tragisch oder eher komisch?

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Meinungen
Patty · 15.03.2006

Sehr unterhaltsamer Film, gute Dialoge!
Ist ok so!

Stadtneurotiker · 24.06.2005

Hatte mir irgendwie mehr erwartet, ist aber ganz in Ordnung, ein typischer Woody Allen eben

Kommentare

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