Mein Freund aus Faro

Mein Freund aus Faro

Eine Filmkritik von Silvy Pommerenke

Die Sehnsucht nach einem anderen Leben

Mein Freund aus Faro ist ein Geschlechtergrenzen sprengender Film, der mit einem Augenzwinkern die vermeintlich normierte Gesellschaft hinterfragt und dabei das Talent der junge Schauspielerin Anjorka Strechel offenbart.
Mel (Anjorka Strechel), eigentlich Melanie, ist erst auf den zweiten Blick als junge Frau erkennbar, denn mit ihrem praktischen Kurzhaarschnitt, den flachen Brüsten und dem Tom-Boy-Kleidungsstil sieht sie eher wie ein pubertierender Jüngling aus, dem der Flaum noch nicht so recht ins Gesicht sprießen will. Ihr ist das allerdings gar nicht bewusst und sie ist mitnichten ein Transboy, der damit die (heterosexuelle) Norm sprengen will, sondern sie lebt einfach so, wie es sich für sie richtig anfühlt.

Ihr tägliches Arbeitseinerlei des Zulieferservices für den nahegelegenen Flughafen Münster/Osnabrück wird jäh unterbrochen, als sie auf ihren neuen Kollegen Nuno (Manuel Cortez) trifft. Hübsch sieht er aus und ist ein charismatischer Portugiese, der aber leider so gar kein Interesse an seiner androgynen Kollegin hat. Er weckt in ihr das Fernweh, die Sehnsucht nach einer anderen Welt, auch im übertragenen Sinn, denn sie kopiert sein Verhalten und seine Gebärden, und die sind ausgesprochen männlich. Schließlich bringt sie ihn mit kindlicher Penetranz und Geldscheinen dazu, sich vor ihrer kleinen Familie – bestehend aus dem schrulligen Vater (Tilo Prückner) und ihrem heiß geliebten Bruder Knut (Florian Panzner) – als ihr Freund auszugeben.

Als sie abends mit ihrem alten BMW durch die Gegend fährt - eine der wenigen Freizeitbeschäftigungen, der man in dieser münsterländischen Einsamkeit nachgehen kann – stürzt ihr ein Mädchen vor den Wagen. Alles nur inszeniert, wie sich herausstellt, denn die 14-jährige Jenny (Lucie Hollmann) hat mir ihrer Freundin Bianca (Isolda Dychauk) einfach einen Lift zur nächsten Disco gesucht. Die beiden Teenies glauben, sie würden in den Wagen eines jungen Mannes einsteigen. Warum also dieses Spiel nicht mitspielen? Es beginnt ein Reigen aus Schein und Sein, aus Identitätswechsel und Geschlechterzuschreibungen, die mit einem Mal keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Wenn sich nicht Mel, die mittlerweile das Pseudonym Miguel angenommen hat (der Bierreklame in der Disco sei Dank), unsterblich in Jenny verliebt hätte. Und Jenny? Die ist ganz hingerissen von so einem aufmerksamen, charmanten und feinfühligen Jungen – gar kein Vergleich zu ihrem Lover Bernd (Kai Malina), der gerne den Obermacker heraushängen lässt. Miguel aka Mel kommt langsam in Erklärungsnöte ...

Die aktuelle Genderdiskussion wird in diesem Film amüsant aufgegriffen, ohne dass dabei die gesellschaftspolitische Dimension vernachlässigt oder verbissen angegangen wird. Wer bestimmt das Geschlecht? Und wenn, was genau ist das und wie viele gibt es davon? Spätestens seit Judith Butlers Buch Das Unbehagen der Geschlechter ist in der Öffentlichkeit ein Diskurs eingetreten, der das zweigeschlechtliche Denken in Frage stellt. Dies greift der Film mit der Protagonistin Mel/Miguel auf, die zwar nicht bewusst in die Rolle eines Mannes schlüpft, aber schnell die Vorteile erkennt, die damit verbunden sind (und sei es nur, dass die Warteschlangen vor den öffentlichen Toiletten kürzer sind ...). Die Filmemacherin Nana Neul nimmt sich des Diktums von Simone de Beauvoir an, "Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es", denn Mel ist nur unter Männern aufgewachsen, da ihre Mutter frühzeitig gestorben ist. Liegt es da nicht nahe, dass sie sich wie ein Junge kleidet und ihre Gesten und Mimiken vermeintlich männlich sind? Ihr diametral gegenüber steht Jenny, die wiederum nur unter Frauen aufgewachsen ist. So ist es – jedenfalls im Film - kaum verwunderlich, dass sie langhaarig und geschminkt in einem rosa-roten Kinderzimmer die sogenannten weiblichen Attribute verinnerlicht hat. Der Film überzeichnet diese Klischees extrem stark, muss es aber wohl auch tun, damit die Botschaft deutlicher wird: Man verliebt sich nicht in ein Geschlecht, sondern in einen Menschen.

Die Regisseurin Nana Neul wurde 1974 in Werther geboren und studierte an der Kunsthochschule für Medien in Köln im Bereich Film/Fernsehen. Sie erhielt ein Stipendium des Europäischen Filminstituts (EIKK) für das Making-Of von Dario Argentos Film I Can’t Sleep in Turin und arbeitet seit 2001 als freie Autorin/Regisseurin. Für Mein Freund aus Faro erhielt sie dieses Jahr den Max Ophüls Preis.

Die Hauptdarstellerin Anjorka Strechel, geboren 1982, hat ein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg absolviert. Bislang arbeitete sie vor allem für das Osnabrücker Theater und steht zur Zeit in Russland mit Vladimir Mashkov vor der Kamera für einen Film von Alexey Uchitel mit dem Arbeitstitel Gustav. Strechel wurde brillant für die Rolle der Melanie bzw. des Miguels ausgewählt und beweist, dass sie auch vor der Kamera überzeugend in einen anderen Charakter schlüpfen kann.

Mein Freund aus Faro

Mein Freund aus Faro ist ein Geschlechtergrenzen sprengender Film, der mit einem Augenzwinkern die vermeintlich normierte Gesellschaft hinterfragt und dabei das Talent der junge Schauspielerin Anjorka Strechel offenbart.
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