La Strada

La Strada

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Die anspruchsvolle Avantgarde der Road Movies

Es ist das ausdrucksstarke Antlitz des Mädchens Gelsomina – geradezu überirdisch überzeugend von Giulietta Masina verkörpert – das in seiner menschlichen Verlorenheit eines der berühmtesten und bewegendsten Gesichter der gesamten Filmgeschichte darstellt. In Kombination mit dem grobschlächtigen, später sprichwörtlichen Großen Zampanò (Anthony Quinn) entstammt damit dem Klassiker La Strada des legendären italienischen Regisseurs Federico Fellini (1920-1993), der 1956 unter dem Titel La Strada – Das Lied der Straße in die deutschen Kinos kam, das tragische Paar der Leinwände schlechthin, dessen herzergreifende Faszination auch der Zeitraum eines halben Jahrhunderts nicht zu schmälern vermag.
Als umherziehender Künstler, der seine Frau und Mitarbeiterin verloren hat, zahlt der Muskelmann Zampanò einer armen, kinderreichen Frau 10 000 Lire, damit ihre älteste, verspielte Tochter Gelsomina mit ihm reist und bei seinen Auftritten in den Dörfern des ländlichen Italiens assistiert. Das feinfühlige Mädchen hat es nicht leicht mit diesem egozentrischen, aggressiven Charakter, der dazu neigt, sie eher wie ein nützliches Tier zu dressieren und zu halten, ohne sie als menschliches Wesen wahrzunehmen, geschweige denn zu respektieren. Zeigt Gelsomina auch immer wieder Fluchttendenzen, bleibt sie doch an der Seite ihres übellaunigen Herren, für den sie im Laufe des schlichten Zusammenlebens sogar eine tiefe Zuneigung empfindet, die sich nichts dringlicher wünscht, als in irgendeiner Form erwidert zu werden. Hinzu gesellt sich die Sehnsucht nach einem stabilen Zuhause, doch als Gelsomina an einem vorübergehenden Lagerplatz Tomatensamen in die Erde sät, wird sie von Zampanò nur verlacht.

Als das zusammengeraufte Paar sich einem Circus anschließt, lernt Gelsomina den fröhlichen Artisten Il Matto (Richard Basehart) kennen und schätzen, der sich mehr oder weniger ernsthaft mit ihrer Gedankenwelt beschäftigt und ihr bewusst macht, wie sehr sie trotz aller Übel an Zampanò hängt, der den Kollegen und seine permanenten spaßigen Provokationen auf den Tod nicht ausstehen kann, zumal zu vermuten ist, dass dieser auch dessen verstorbene Frau besser kannte als jenem lieb war. Es ist Il Matto, der Gelsomina die rührende kleine Melodie auf der Trompete beibringt, die sie fortan immer wieder spielen wird und die in ihrer schwermütigen, schlichten Lieblichkeit die harte Melancholie der Straße als Sinnbild für den Lebensweg zum Ausdruck bringt. Nach einer handgreiflichen Auseinandersetzung wird Zampanò kurzzeitig inhaftiert, und Gelsomina entscheidet sich dafür, auf ihn zu warten und bei ihm zu bleiben, obwohl sie mittlerweile durchaus andere, nicht zu verachtende Lebensperspektiven dazugewonnen hat. Doch als das vertraute Gespann wieder auf der Straße unterwegs ist, begegnen die beiden erneut Il Matto, und nun nimmt Zampanò brutal Rache, wobei er den Artisten versehentlich umbringt. Von nun an verändert sich ihre Beziehung drastisch, denn Gelsomina ist ob der grausamen Tat zutiefst traumatisiert, so dass Zampanò sie schließlich einfach schlafend in einer offenen Ruine zurücklässt und sein Leben zunächst ungerührt wie gewohnt fortsetzt, bis ihm eines Tages die kleine Melodie eine Nachricht über seine verlassene Assistentin zuträgt, deren Unwiderruflichkeit schmerzlich an seinen stets verdrängten Emotionen kratzt ...

La Strada, der neben dem Oscar als Bester Fremdsprachiger Film 1957 einige weitere bedeutende Preise erhielt, ist vom Titel bis zum grandiosen Ende voller existentieller Tragik eine Allegorie auf das Leben und seine menschlichen Protagonisten, die sich unterwegs und manchmal dabei auch der Liebe begegnen, deren Wert sie bei Zeiten erst erkennen und heftig vermissen, wenn er nicht mehr erreichbar ist. Diese eine universelle Weisheit der Geschichte, die in wunderbar intensiven, puristischen Schwarzweißbildern erscheint, wird flankiert von der Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz, zu deren Beantwortung Federico Fellini auf die Allmacht Gottes in der christlichen Tradition verweist, während er innerhalb der gesamten Handlung immer wieder religiöse Elemente wie ein Kloster oder eine Prozession installiert. Doch es wäre undifferenziert, dies als Positionierung zum Katholizismus zu interpretieren, wie ihm die politische Linke in Italien seinerzeit vorwarf, denn seine Figuren lassen sich zwar auf gelegentliche Berührungen mit der Kirche ein, wenden sich jedoch danach wieder unverbindlich ab, um ihre Wege zu verfolgen, und in den Stunden der größten Not vertrauen sie ihre Seele niemandem an, nicht einmal Gott. Am Ende, so könnte eine düstere Auslegung lauten, ist der Mensch auf seine Lebensweise und damit sich selbst allein zurückgeworfen.

Doch das ist nur eine mögliche Deutung eines einzelnen Aspektes dieser fabelhaften Inszenierung, die sich weniger durch ihre Dialoge als durch ihre strikte Dramaturgie und ihre eindringlichen filmischen Impressionen auszeichnet und selbstverständlich nicht zuletzt durch die authentischen Akteure – vor allem durch das ein ganzes Universum an Stimmungen transportierende Gesicht der Gelsomina.

La Strada

Es ist das ausdrucksstarke Antlitz des Mädchens Gelsomina – geradezu überirdisch überzeugend von Giulietta Masina verkörpert – das in seiner Verlorenheit eines der berühmtesten und bewegendsten Gesichter der gesamten Filmgeschichte darstellt.
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