Jem and the Holograms

Jem and the Holograms

Eine Filmkritik von Falk Straub

Vom Kinderzimmer ins Heimkino

Früher Werbeprodukt, heute Hauptdarsteller. Nach den Transformers, G.I. Joe & Co. erhalten mit Jem and the Holograms die nächsten Spielzeuge ihre Filmversion. In Deutschland schaffen es die vier Musikerinnen um Jerrica Benton (Aubrey Peeples) unter der Regie von Jon M. Chu allerdings nur ins Heimkino.
Walt Disney hat es vorgemacht, George Lucas perfektioniert: Merchandising in der Filmwelt. Längst sind die Produkte mehr als ein Kaufanreiz für ein Kinoticket. So manchem Franchise verschaffen sie eine lukrative Zusatz-, wenn nicht gar die Haupteinnahme. Ende der 1970er Jahre kamen Spielwaren- und Grußkartenhersteller auf die Idee, die erfolgreiche Strategie einfach umzukehren. Statt Spielsachen zum Film gab es nun Filme, Serien und Comics, um Stofftiere, Puppen und Actionfiguren besser zu verkaufen. In den 1980ern folgte eine wahre Animations-Flut von He-Man (1983-1985) und Regina Regenbogen (1984-1986) über Die Glücksbärchis (1985-1986) bis zu BraveStarr (1987-1989). In den USA zählte dazu auch Jem (1985-1988), eine Zeichentrickserie, die von einer Musikproduzentin mit geheimem Doppelleben als Frontfrau einer Band erzählt. Angesichts des Kultstatus war es nur eine Frage der Zeit, bis es auch diese Puppe auf die große Leinwand schaffen würde.

Jem heißt eigentlich Jerrica Benton und ist ein schüchterner Teenager. Ihr Vater Emmett (Barnaby Carpenter) hat ihr ihren Spitznamen verpasst. Im englischen Original klingt der wie gem (deutsch: Edelstein). Nach Emmetts Tod wächst Jerrica gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Kimber (Stefanie Scott) und den beiden Pflegekindern Shana (Aurora Perrineau) und Aja (Hayley Kiyoko) bei ihrer Tante Bailey (Molly Ringwald) auf. Wie jeder Heranwachsende ist auch Jerrica auf der Suche. Die Frage, wer sie ist und wer sie sein will, verarbeitet sie in selbst komponierten Songs. Als Kimber einen davon heimlich ins Internet stellt, wird Jerrica über Nacht zum Star. Die massenhaften Klicks rufen Musikproduzentin Erica Raymond (Juliette Lewis) auf den Plan, die verführerisch mit einem Plattenvertrag wedelt. Doch Jerrica stellt eine Bedingung: Ihre musikalischen Schwestern müssen mit in die Band. Die taffe Chefin willigt ein, führt aber noch etwas ganz anderes im Schilde. Und dann ist da noch der geheimnisvolle Roboter Synergy, an dem Jerricas Vater vor seinem Tod gearbeitet hat.

Die Vorzeichen für einen Erfolg waren günstig. Regisseur Jon M. Chu (Die Unfassbaren 2), der sich im zehnminütigen Making-of im Bonusmaterial der DVD als Fan der Zeichentrickserie outet, hat durch seine Arbeit an diversen Tanzfilmen nicht nur Erfahrung mit Musik und deren filmischer Präsentation, sondern bereits ein anderes Spielzeug ins Kino gebracht. 2013 saß Chu bei G.I. Joe – Die Abrechnung auf dem Regiestuhl. Doch der Erfolg mit den vier kultigen Teenies blieb aus. Nach einem desaströsen Start in den USA zog Universal Jem and the Holograms nach nur zwei Wochen zurück. In Deutschland erscheint der Film nach mehreren verschobenen Terminen nun direkt auf DVD, was mitunter auch daran liegen dürfte, dass die Vorlage hierzulande nie im Fernsehen lief und dementsprechend keine große Fangemeinde hat.

Am Grundgerüst der Handlung, einer Art Vorgeschichte zur Serie, liegt der Misserfolg nicht. Vier junge Frauen auf ihrem Weg zu sich selbst durch eine hart umkämpfte Branche sind zwar kein neuer, aber ein spannender Stoff. Die Nebenhandlung, die als virtuelle Schnitzeljagd angelegt ist, bringt ausreichend Abenteuer ins eher dramatische Hauptgeschehen. Auch der Cast, mit Juliette Lewis als Gegenspielerin und 80er-Kult-Ikone Molly Ringwald, die zum ersten Mal seit 2001 wieder auf der großen Leinwand zu sehen ist, überzeugt. Ebenso gelungen ist Jon M. Chus Idee, statt einer klassischen Filmmusik auf Musikperformances aus Internetvideos zurückzugreifen und diese an den eingesetzten Stellen direkt ins Bild zu setzen. Ein echter Gewinn ist zudem die Musik der Band. Die von Aubrey Peeples selbst eingesungenen Stücke, allen voran "Youngblood", können sich mühelos mit zeitgenössischen Produktionen messen und haben durchaus Hit-Potenzial.

Woran Jem and the Holograms trotz alledem scheitert, sind das lieblose Drehbuch und die blutleere Inszenierung der Bühnenshows. Ein bisschen wirkt es so, als hätte Autor Ryan Landels einen Leitfaden fürs Drehbuchschreiben abgearbeitet und darüber seine Figuren vergessen. An der Laufzeit gemessen, sitzt in Jem and the Holograms zwar jeder Wendepunkt an der richtigen Stelle, Landels arbeitet aber im völlig falschen Tempo darauf hin. Eben ist Jerrica noch die schüchterne Schülerin, die sich nicht einmal traut, ihre Kompositionen mit der eigenen Familie zu teilen, einen Wimpernschlag später meistert sie ein ausverkauftes Konzert fehlerfrei und ohne Lampenfieber. Gerade sind die Schwestern noch im Erfolg vereint, um sich in der nächsten Szene zu trennen und in der übernächsten ihren Streit ohne große Widerrede einfach beizulegen. Diese abrupten Sprünge, dieses permanente Behaupten einer Figurenentwicklung, statt deren Entwicklung tatsächlich zu zeigen, macht ein Mitfiebern mit den Protagonisten nahezu unmöglich.

Das Mitfiebern fällt auch bei den Konzerten schwer. Die Auftritte sind zwar perfekt choreografiert und in Szene gesetzt, verströmen dadurch aber eher eine distanzierte Musikvideo- denn eine nahegehende Live-Atmosphäre. In krassem Kontrast zum Hochglanz der Bühnenshows steht die Qualität der DVD. Immer wieder kommt es bei Bewegungen zu Unschärfen und verschwommenen Geisterbildern, wie man sie von einem schlechten Fernsehempfang kennt. Das dürfte den Erfolg des Films auch abseits der Lichtspielhäuser nicht gerade steigern.

Jem and the Holograms

Früher Werbeprodukt, heute Hauptdarsteller. Nach den "Transformers", "G.I. Joe" & Co. erhalten mit "Jem and the Holograms" die nächsten Spielzeuge ihre Filmversion. In Deutschland schaffen es die vier Musikerinnen um Jerrica Benton (Aubrey Peeples) unter der Regie von Jon M. Chu allerdings nur ins Heimkino.
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