Herbstgold

Herbstgold

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Wahre Helden

So sehen wahre Sporthelden aus: Athleten, die in Superzeitlupe den Diskus schleudern, die schwere Eisenkugel stoßen oder die Kurzstrecke sprinten, faszinieren seit jeher und erinnern in ihrer Ästhetik an griechische Statuen antiker Sportler. Irritierend ist es nur, wenn die Sportler nicht dem Schönheitsideal junger, wohlproportionierter Körper entsprechen, sondern deutliche Zeichen des Alters tragen. Was auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint, bildet sehr treffend die Quintessenz eines Dokumentarfilmes ab, der beim HotDocs-Filmfestival in Toronto mit stehenden Ovationen gefeiert wurde und der auch hierzulande hoffentlich viele Zuschauer findet.
Von wegen Ruhestand. Davon wollen die Menschen in Jan Terhavens sehr bewegendem Dokumentarfilm Herbstgold nichts wissen. Denn obwohl sie allesamt jenseits der Achtzig sind – in einem Alter also, in dem man sonst allenfalls die Enkel oder Urenkel auf den Knien schaukelt - erglühen die Protagonisten dieses Films noch in sportlichem Ehrgeiz und wollen dem unaufhaltsamen Verrinnen der Lebenszeit auf ihre Weise ein Schnippchen schlagen.

Sie kommen aus verschiedenen Ländern und sind zwischen 82 und 99 Jahre alt. Was sie eint, ist ihr Ehrgeiz und ein Ziel – die Teilnahme an den Leichtatheltik-Weltmeisterschaften für Senioren im finnischen Lahti. Dafür trainieren sie eisern und lassen sich gar noch ein neues Knie verpassen wie der beinahe 100 Jahre alte Diskuswerfer Alfred aus Wien, den wir am Ende im Rollator zum Wurfkäfig gehen sehen – der Sieg ist ihm ohnehin nicht zu nehmen, da es in seiner Altersklasse schlichtweg an Konkurrenz mangelt – die hat nämlich längst das Zeitliche gesegnet. Nur unwesentlich jünger ist die aus Italien stammende Gabre Gabric, die ebenfalls Diskuswerferin ist. Ihre größte Sorge ist, dass irgendjemand erfahren könnte, dass sie bereits an den Olympischen Spielen 1936 teilgenommen hat. Denn dann könnte man ja ungefähr abschätzen, wie alt sie wirklich ist. Dummerweise kommt dies dann doch heraus - weil ihre Bezwingerin im Wettkampf freimütig über das Alter ihrer Rivalin plaudert. Wie ärgerlich!

Was für die Athletin bedauerlich ist, ist für den Zuschauer umso schöner. Mit viel Respekt für die kleinen Macken seiner Protagonisten und einem begnadeten Gespür für Humor, aber auch für die ernsten Aspekte des Themas ist Jan Terhaven ein Film gelungen, der uns lachen lässt und der zugleich nachdenklich macht. Herbstgold ist mindestens ebenso mitreißend und lebensbejahend wie Stephen Walkers Young@Heart.

Was unter anderem auch daran liegt, dass die betagten Athleten sehr freimütig mit ihrem Alter umgehen und sich nicht nur sportlich, sondern auch mental nach wie vor in Topform präsentieren. Doch das reicht nicht aus, um die ganz eigene Faszination dieses Films zu erklären. Die liegt vermutlich auch darin begründet, dass das Altern jeden von uns angeht, dass dies eine "conditio humanae" ist, der wir kaum (außer durch vorzeitiges Ableben) entrinnen können und die wir alle bei bestmöglicher Gesundheit erleben wollen. Es muss ja nicht immer gleich ein Weltrekord oder die Teilnahme an einer veritablen Weltmeisterschaft sein.

Was Herbstgold auf faszinierende Weise verdeutlicht, ist vielmehr ein Geheimnis, mit dem sich das Alter zwar nicht aufhalten, aber ein wenig hinauszögern lässt: Es geht darum, Ziele zu haben und nach vorne zu schauen. Das gilt nicht nur für Menschen jenseits der Achtzig, sondern eigentlich immer im Leben. Und genau das macht Herbstgold zu einem Film, der jenseits seines eigentlichen Themas eine große Allgemeingültigkeit und zutiefst philosophische Einsichten in das Alter besitzt. Vielleicht stimmt es ja doch, was schon die alten Römer wussten: "Mens sana in corpore sano."

Herbstgold

So sehen wahre Sporthelden aus: Athleten, die in Superzeitlupe den Diskus schleudern, die schwere Eisenkugel stoßen oder die Kurzstrecke sprinten, faszinieren seit jeher und erinnern in ihrer Ästhetik an griechische Statuen antiker Sportler. Irritierend ist es nur, wenn die Sportler nicht dem Schönheitsideal junger, wohlproportionierter Körper entsprechen, sondern deutliche Zeichen des Alters tragen.
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Meinungen
Elke L. · 06.10.2010

Dieser Film berührt, die alten Menschen machen Mut! Sie haben nicht nur Ziele, Ehrgeiz, sie haben auch und vor allem Humor!, Lebensweisheit, nehmen sich selbst nicht soooo wichtig, aber doch so sehr, dass sie selbstgesteckte Ziele erreichen möchten. Mich hat eine große Begeisterung erfasst, diese Menschen haben mich "mitgenommen", ich fühlte mich auf einmal unbändig jung und lebendig. In meinem "kritischen" Alter von 56! Nicht mehr wirklich jung, aber auch noch nicht wirklich alt! Ein aufrüttelnder Film, den ich absolut empfehlen kann!

Sandra Koch · 04.10.2010

Noch nie hat mich ein Dokumentarfilm so sehr bewegt!! Ich musste schmunzeln, lachen, weinen... Diese alten Sportler machen Mut aufs Altwerden. Sie könnten meine Urgroßelterbn sein und sind so voll von Energie, Witz und Lebensmust... Wahnsinn. Ich will Herbstgold unbedingt nochmal sehen.

Chris R. · 03.10.2010

Naja, es ibt Besseres!!!!!

Kommentare

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