Flying Scotsman – Allein zum Ziel

Flying Scotsman – Allein zum Ziel

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Wo ein Wille ist, ist auch eine Radrennbahn

Manchmal haben Begabungen und Talente ganz schlichte und durchaus lebenspraktische Ursachen, wie etwa im Fall von Graeme Obree. Der Junge, der aus dem kleinen Ort Ayrshire stammt, ist als Sohn des Dorfpolizisten das bevorzugte Opfer einer Jugendbande, die dem armen Kerl nachstellt und ihn windelweich prügelt – ein schlichter Akt der jugendlichen Rebellion gegen die örtlichen Autoritäten, die wie so oft den Falschen trifft. Auch der Vater steht den Übergriffen auf seinen Filius hilflos gegenüber, und deshalb lehrt er den kleinen Graeme die wichtigste Lektion: Wenn die Lage aussichtslos ist, musst du zusehen, dass du schneller bist als die anderen. Und damit die unerbittlichen Verfolger in Zukunft das Nachsehen haben, bekommt der Junge zu Weihnachten ein nagelneues Rennrad geschenkt – der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft, die den Weg Graemes fortan bestimmen wird. Doch die Kindheit in ärmlichsten Verhältnissen und die ständige Flucht vor Verfolgern legt die Saat für schwere Depressionen, die den besessenen Radfahrer auch noch im Erwachsenenalter plagen werden. Zumal auch sein späterer Weg weniger geradlinig als vielmehr ein wilder Zickzackkurs ist.
Denn das Fahrradgeschäft, das Obree (Johnny Lee Miller) eröffnet, geht binnen kurzer Zeit in Konkurs, so dass sich der Radsportbegeisterte als Fahrradkurier durchschlagen muss. Zwar eilt Graeme bei diversen lokalen Straßenrennen von Sieg zu Sieg, doch sein Ziel ist ein ganz anderes und erscheint angesichts der desolaten Situation als reichlich vermessen. Im Jahre 1993 fasst er den Entschluss, den seit neun Jahren existierenden Stundenweltrekord im Bahnradfahren zu knacken. Unterstützt von seiner Frau Anna (Laura Fraser), seinem Freund und Manager Malky (Billy Boyd) und dem Radsport verrückten Pfarrer Baxter (Brian Cox) macht sich Obree daran, ein renntaugliches Fahrrad zusammenzubauen, für das er auch auf Teile einer Waschmaschine zurückgreift. Doch es ist ein weiter Weg bis zum selbst gesetzten Ziel, zumal sich der „fliegende Schotte“ nicht allein den Angriffen verkniffener Funktionäre, sondern auch den Traumata seiner Seele ausgesetzt sieht…

Den „fliegenden Schotten“ Graeme Obree gibt es wirklich, ebenso sein Wunderfahrrad, mit dem er – aus dem Nichts kommend – von 1993 – 1995 für Furore im Radrennsport sorgte. Der kometenhafte Aufstieg des Mannes aus einfachsten Verhältnissen zu einem der Heroen ist ebenso Legende wie sein ständiger Kampf mit missgünstigen Funktionären, die an alles glauben mögen, aber bestimmt nicht an Wunder. Überhaupt hält sich der Film mit Ausnahme kleiner dramaturgischer Tricks eng an die Fakten und dies ist zweifellos – neben der engagierten schauspielerischen Leistung von Johnny Lee Miller – ein wichtiger Faktor, der die Faszination für diesen kleinen Film erklärt.

Für Radsportbegeisterte mit Sicherheit eine gute Wahl, müssen sie doch derzeit ob der diversen Dopingskandale sowieso sehr leiden und bedürfen dringend positiver Impulse, um die Lust an ihrem Sport nicht völlig zu verlieren. Der mit geringem Budget, aber viel Engagement gedrehte Film Flying Scotsman – Allein zum Ziel / The Flying Scotsman ist mit Sicherheit dazu angetan, die Freude am Radsport und die offene Bewunderung für Helden der Rennbahn, die mitten aus dem harten Leben stammen, wieder ein wenig zurückzubringen. Zumal er die Botschaft enthält, dass man durch die Kraft des Willens vieles erreichen kann – erst recht dann, wenn man keine Angst davor hat, sich den eigenen Dämonen zu stellen.

Flying Scotsman – Allein zum Ziel

Manchmal haben Begabungen und Talente ganz schlichte und durchaus lebenspraktische Ursachen, wie etwa im Fall von Graeme Obree.
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Meinungen
Tim · 19.07.2007

Spannend und gefühlvoll, ein wunderbarer Film! @Jogi: Die Krankheit heißt Depression.

Merckx · 06.07.2007

Stellt sich nur die Frage bei den Leistungen, mit was er gedopt hat. Oder gibts im Radsport irgend einen Spitzenfahrer, der nicht leistungsförderndes genommen hat. Ich habe da so meine Zweifel. Trotzdem ein sehenswerter, wenn auch idealisierender Film.

Jogi · 29.06.2007

Habe den Film in der Sneak gesehen. Er ist wunderbar erzählt und gespielt. Brain Cox in seiner kleinen Nebenrolle hat mir am besten gefallen.

Der Film erzählt die Leidensgeschichte von Graeme Obree sehr realistich und mit viel Gefühl.

Er ist sehr harmonisch und hinterlässt ein gutes gefühl. Nur ein Punkt hat mich gestört und wird im Film nicht aufgeklärt. An welcher Krankheit soll Obree den leiden?

Ansonsten sehr gute Unterhaltung (man braucht nicht das Gehirn abzuschalten). Ein klein bisschen Interesse am Radsport sollte man jedoch haben. Der Film hat seinen eigenen Stil und hebt sich dadurch vom momentanen Mainstream Kino ab. 6 von 6 Sternen. Weiter so.

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