Die drei Welten des Gulliver

Die drei Welten des Gulliver

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Kleiner Film ganz groß

„King Kong war an allem Schuld“, erklärt der alte – inzwischen weltberühmte – Stop-Motion-Pionier Ray Harryhausen im sehenswerten Bonusmaterial der neuen Blu-ray zu Die drei Welten des Gulliver. Nachdem der damals noch kleine Junge in den späten 1930er Jahren zum ersten Mal so ein seltsames, gleichsam ziemlich imposantes Riesenviech auf der Leinwand gesehen hatte, war es prompt um ihn geschehen – und der spätere Karriereweg gleichzeitig rasch vorgezeichnet. So etwas will ich eines Tages auch mal auf die Menschheit loslassen!
Und das tat der junge Ray Harryhausen in den 1940er und 1950er Jahren dann auch ebenso enthusiastisch wie erfinderisch: Völlig zu Recht verneigen sich heute noch große Trickfilmproduktionsfirmen (wie z.B. die Macher des Pixar-Studios) in regelmäßigen Abständen in Form einer kleinen Hommage vor dem Altmeister, der – ähnlich wie beispielsweise Lotte Reiniger (Die Abenteuer des Prinzen Achmed) – zeit seines langen Lebens vorwiegend alleine arbeitete, sozusagen als tüftelnder Alchimist in der stillen Dunkelkammer der kinematografischen Monstermaschinerie. Zahlreiche kreative Fantasy-Heroen Hollywoods (u.a. Tim Burton, Terry Gilliam, James Cameron oder Peter Jackson) zollten ihm ebenso gleich mehrfach Tribut in ihren Filmen.

Schade nur, dass einige seiner Lieblingsprojekte (wie z.B. eine Adaption des Baron-von-Münchhausen-Schelmenromans) über wenige Arbeitsaufnahmen nie hinauskamen. Insgesamt deutlich zu oft widmete sich nämlich der Vater aller Filmmonstren zu sehr der eigenen Passion – und deutlich zu wenig den eigentlich so dringlichen Finanzmitteln… Doch das scherte den stets im Gentleman-Look auftretenden Harryhausen prinzipiell recht wenig: Auch wenn viele seiner berühmten Filme meistens keine Kassenschlager waren, prägte er doch im selben Zug ganze Generationen von Kinderaugen mit seinen Kinozaubertricks. Als passionierter Freund des Haptischen und Selbstgebastelten verweigerte er sich frühzeitig allen neuartigen digitalen Spielereien des Films. Auch spätere Computeranimationen waren ihm, der ein Leben lang weder einen PC noch eine Emailadresse besaß, ein Fremdwort. Umso schöner ist es nun, dass Koch Media seit kurzem viele seiner frühen Werke sowohl in prächtiger Aufmachung wie brillanter Bildqualität liebevoll für das Heimkino aufbereitet hat.

Speziell im Falle von Die drei Welten des Gulliver hat sich dieser Aufwand gelohnt: Hier wird von der ersten Einstellung an besonders klar, warum gerade diese Produktion die allerliebste ihres Schöpfers war. Denn Harryhausen liebte immense Größenkontraste, setzte schon hier auf den für ihn so typischen Erzählmix aus kindlichen Märchenelementen für die kleinen und manchmal sogar arg grotesken Einsprengseln für die großen Zuschauer. Um klassische plot points, typische Malen-nach-Zahlen-Charaktere oder einen überaus konventionellen Kamerastil, der das US-Kino in den 1950er und 1960er Jahren noch weitgehend dominierte, scherte er sich wunderbarerweise nie groß.

Vielmehr zog er bei dieser damals großangelegten Produktion gerade in den Bereichen Kostüm, Szenenbild und – natürlich – Spezialeffekte im Sinne des selbst entwickelten „This-is-Dynamation!“-Verfahrens extra viele Register, um so der allseits bekannten Irrfahrtsgeschichte des Dr. Gulliver (Kerwin Matthews) noch neue Nuancen hinzufügen zu
können. Hierfür setzte Ray Harryhausen (1920–2013) in erster Linie auf ausgefeilte Perspektivfotografie, aufwendigen Kulissenbau und sogar frühe Splitscreen-Techniken, die allerdings allesamt noch nicht so gut funktionierten, wie er sich das eigentlich vorgestellt hatte, und auf sein Markenzeichen: Eine Reihe exzellenter Stop-Motion-Tricks, die gerade im Volk der Kleinwüchsigen in der Lilliput-Episode ihre einzigartige Magie entfalten.

Ein anderer Clou Harryhausens für Die drei Welten des Gulliver war das Engagement von Bernard Herrmann für den Score dieses amüsant-quirligen Leinwandabenteuers: So verspielt-barock, farbenreich-melodisch – mitunter sogar richtig pompös – hat man die Filmmusiklegende selten gehört. Welche „Wunderdrogen aus Westindien“ – O-Ton von Dr. Gulliver – da wohl im Spiel waren? Sei’s drum: Diese absolut fantasiereiche Musik funktioniert auch völlig losgelöst von den Bildern wirklich hervorragend. Ergänzt durch einen regelrechten Eastmancolor-Farbrausch und manch herrlich absurde Drehbuchzeilen („Ein Hundeleben, den Hühnern nachzuholen.“), lohnt es sich sehr, diesen heutzutage nicht mehr so populären Harryhausen-Klassiker ein weiteres mal anzuschauen. Und außerdem taucht da ja noch dieses animierte Krokodil auf … gefolgt von zwei Frettchen … und einem wild gewordenen Killererdhörnchen! Aber darüber kann man im Grunde gar nicht schreiben: Das muss man sehen!

Die drei Welten des Gulliver

„King Kong war an allem Schuld“, erklärt der alte – inzwischen weltberühmte – Stop-Motion-Pionier Ray Harryhausen im sehenswerten Bonusmaterial der neuen Blu-ray zu „Die drei Welten des Gulliver“. Nachdem der damals noch kleine Junge in den späten 1930er Jahren zum ersten Mal so ein seltsames, gleichsam ziemlich imposantes Riesenviech auf der Leinwand gesehen hatte, war es prompt um ihn geschehen – und der spätere Karriereweg gleichzeitig rasch vorgezeichnet.
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