Lost in Toronto

Lost in Toronto

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Claire rennt

Gäbe es einen „Club der coolen Leute“, hätten Juliette Lewis, Gina Gershon und Mickey Rourke gewiss einen Ehrenmitgliedsausweis. Denn alle drei traten bereits in einigen modernen Filmklassikern auf – und kämpften sich furchtlos durch so manches Trash-Werk. In Bruce McDonalds Lost in Toronto (aus dem Jahre 2001) kann man das illustre Trio gemeinsam vor der Kamera erleben. Das DVD-Cover lässt vermuten, dass Juliette Lewis hier als eifrig-frivole Action-Heroine mit riesigen Knarren hantiert, um sich mit dem schurkischen Mickey Rourke anzulegen – doch dem ist ganz und gar nicht so. Vielmehr handelt es sich bei dieser kanadischen Produktion um eine stylish gemachte und einfühlsam gespielte, urbane Odyssee, die zum Teil an Lola rennt und zum Teil an die herrlichen Hitchcock-Variationen von Brian De Palma (aus den guten, alten 1980er Jahren) erinnert. Während Rourke nur einen kleinen (aber feinen) Badass-Part innehat, dürfen sich die beiden Frauen ausgiebig in Hochform zeigen: Lewis verkörpert gewissermaßen ein Update der verlorenen, suchenden Dorothy aus Der Zauberer von Oz, indessen Gershon mit Verve das durchtriebene Biest gibt.
Die einsiedlerische Claire (Lewis) lebt in Montreal – und wird schlagartig zur Obdachlosen, als ihre bescheidene Wohnung in Brand gesetzt wird. Als ihr in den Sinn kommt, dass ihr einstiger One-Night-Stand Billy (Kelly Harms) sie überreden wollte, mit ihm nach Toronto zu gehen, reist sie kurzerhand in die Großstadt, um den jungen Fotografen dort aufzusuchen. Da Claire allerdings kaum Englisch (sondern ausschließlich Französisch) sprechen kann, hat sie Schwierigkeiten, sich in Toronto zurechtzufinden – und gerät deshalb alsbald in üble Machenschaften hinein: Sie wird mit der Schmugglerin Lily (Gershon) verwechselt, die den Kriminellen Eddie (Rourke) in einem Donutladen getötet hat. Fortan ist Claire sowohl vor fiesen Gangstern als auch vor der Polizei auf der Flucht.

Ohne Zweifel schreckt das von Semi Chellas verfasste Drehbuch nicht vor höchst abenteuerlichen Plotkonstruktionen zurück; Unwahrscheinlichkeiten und pure Zufälle treiben die Story immer wieder voran. Es ist daher recht klug, dass Claires Reise durch diverse Strategien die Anmutung eines Märchens zuteil wird: Nachdem die Protagonistin ihre Schuhe eingebüßt hat, findet sie adäquaten Ersatz in hübsch anachronistischer, roter Fußbekleidung, die unweigerlich an das oben genannte Fantasy-Musical aus Hollywoods Glanzzeit denken lässt. Hinzu kommt, dass Claire nach dem Anziehen der roten Schuhe von einem Toto-ähnlichen Hund verfolgt wird. Neben diesen märchenhaften Elementen ist der Einsatz von Split- beziehungsweise Multi-Screen bemerkenswert. Die Zersplitterung des Bildes vermittelt Claires Desorientiertheit – und zeigt, insbesondere in Kombination mit der gewählten Musik, eine lässige Style-over-Substance-Haltung.

Lewis, die mit „Feeling Alright“ auch einen Song zum Soundtrack beigesteuert hat, weckt als Außenseiterin rasch Sympathien – wenn sie dem Zuschauer etwa zu Beginn erläutert, dass sie das Gefühl hat, nicht von der Erde, sondern vom Mond zu stammen. Als Person, die zur falschen Zeit am falschen Ort ist, ist Claire eine klassische Crime-Movie-Heldin, mit der man von Anfang bis Ende mitfiebert. Gershon ist als Lily wiederum angemessen „sleazy“ – ebenso wie Rourke in seinem Gastauftritt als Eddie und Callum Keith Rennie, der als skrupelloser Übeltäter die Verfolgung der zwei Frauen aufnimmt. Alles in allem ist Lost in Toronto kein Exploitation-Reißer, sondern eine kleine Neo-Noir-Perle mit zahlreichen inszenatorischen Ideen und einer überaus famosen Besetzung.

Lost in Toronto

Gäbe es einen „Club der coolen Leute“, hätten Juliette Lewis, Gina Gershon und Mickey Rourke gewiss einen Ehrenmitgliedsausweis. Denn alle drei traten bereits in einigen modernen Filmklassikern auf – und kämpften sich furchtlos durch so manches Trash-Werk. In Bruce McDonalds „Lost in Toronto“ (aus dem Jahre 2001) kann man das illustre Trio gemeinsam vor der Kamera erleben.
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