Das weiße Rentier

Das weiße Rentier

Eine Filmkritik von Peter Osteried

Ein Weihnachtsfilm ohne Kitsch und Tand

Obwohl als eine pechschwarze Komödie angepriesen, ist Das weiße Rentier tatsächlich eher ein Drama. Es gibt zwar ein paar amüsante Momente, die sich aus ganz normalen (aber auch ungewöhnlichen Situationen ergeben), mehr als ein gelegentliches Schmunzeln ist aber nicht drin.
Weihnachten naht und das Leben sieht für Suzanne hervorragend aus. Sie ist glücklich verheiratet, ihr Mann, ein Wettermoderator, hat einen neuen Job in Hawaii bekommen und der Umzug steht unmittelbar bevor. Doch dann wird ihr Mann von Einbrechern umgebracht. Just vor Weihnachten stürzt Suzanne in ein depressives Loch. Sie lernt Autumn kennen, die Stripperin, mit der ihr Mann eine Affäre hatte. Und sie versucht, Weihnachten hinter sich zu bringen, so schwer es auch sein mag.

Zach Clark musste offenbar mit einem Mikro-Budget arbeiten. Das merkt man dem Film durchaus auch an, aber es verleiht ihm auch ein authentisches Flair. Weil die Farben recht trist sind, weil die Ausleuchtung natürlich ist, weil das Schauspiel von Anna Margaret Hollyman so wundervoll ist. Sie liefert eine differenzierte, nuancierte Darstellung ab, die den Zuschauer den Schmerz spüren lässt, die diese Figur erleidet. Und das nicht nur, weil ihr Mann gestorben ist, sondern auch, weil sie über ihn Dinge herausfindet, die ihn in ihrem Herzen ein zweites Mal sterben lassen.

Die Kamera ist immer nahe an Hollyman dran. Clark vertraut auf das Talent seiner Hauptdarstellerin. Recht hat er, trägt sie doch die Geschichte, die bisweilen ein wenig holprig ist, weil Szenen nicht gänzlich aufgelöst werden und manchmal etwas willkürlich von der einen zur anderen gesprungen wird. Die Ausstattung ist spärlich, die Handlung findet fast nur in normalen Wohnungen statt. Das ist nicht unbedingt charmant, kommt aber mit angenehm ehrlichem Realismus daher.

Mitunter gibt es etwas zu lachen, weniger, weil eine Situation wirklich lustig ist, sondern weil sie absurd erscheint. Etwa dann, wenn Suzannes Vater ihr verkündet, dass ihre Mutter ihn verlassen wird. Oder wenn Suzanne eingesperrt wird. Was Clark hier zelebriert, ist die Albernheit des Lebens, Situationen, die normaler nicht sein könnten, die aber auch nicht surrealer erscheinen könnten. Steckt man selbst darin, kann man sich nicht unbedingt davon lösen, um den Blick von außen zu erlangen, mit Suzanne als Hauptfigur ist das dem Zuschauer aber möglich.

Faszinierend ist auch Clarks Mut, die Figur in Situationen zu bringen, die gerade im konservativen Mittelwesten ungewöhnlich erscheinen. Es wäre ein Leichtes gewesen, Suzanne als verstockte Frau zu zeichnen, was ihre Reaktion auf die Orgie bei den Nachbarn sicher noch stärker hätte ausfallen lassen. Aber Clark entschied sich für einen anderen Weg. Er zeigt Suzanne als eine Frau, die sich der Situation hingibt, die diesen körperlichen Kontakt auch als eine Art der Trauerbewältigung eingeht, nur um dann unter der Situation zusammenzubrechen. Es sind alles Momentaufnahmen eines Lebens, das in Trümmern liegt, aber auch die Reise einer Frau, die versucht, aller hässlichen Wahrheiten zum Trotz weiterzumachen.

Das weiße Rentier ist ein etwas anderer Weihnachtsfilm, nicht himmelhochjauchzend, ganz und gar nicht feierlich, sondern ziemlich bodenständig. Eine Tragödie vor weihnachtlicher Kulisse, ein bisschen witzig, vor allem aber melancholisch. Dieses Independent-Kleinod sollte unterm Weihnachtsbaum keines Cineasten fehlen.

Das weiße Rentier

Obwohl als eine pechschwarze Komödie angepriesen, ist „Das weiße Rentier“ tatsächlich eher ein Drama. Es gibt zwar ein paar amüsante Momente, die sich aus ganz normalen (aber auch ungewöhnlichen Situationen ergeben), mehr als ein gelegentliches Schmunzeln ist aber nicht drin.
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