Das Milan-Protokoll (2018)

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Wissen Sie, wer in der türkisch-syrisch-irakischen Krisenregion alles mitmischt? Regisseur Peter Ott gibt im "Milan-Protokoll" mit Carin Striebeck in der Hauptrolle eine Antwort. Eine doppelbödige Mischung aus Kammerspiel, Geiseldrama und Politthriller.

Das Milan-Protokoll (2018)

Eine Filmkritik von Falk Straub

In Kriegswirren verheddert

Die Lage im Grenzgebiet zwischen der Türkei, Syrien und dem Irak ist, gelinde gesagt, verworren. Sozialistisch-kommunitaristische Kurden auf der einen, neoliberal-feudalistische auf der anderen Seite bekämpfen den salafistisch-dschihadistischen Islamischen Staat. Doch Kurden sind nicht gleich Kurden. Jede Partei verfolgt mit jeweils anderen Verbündeten unterschiedliche Ziele. Geheimnisse werden getauscht, Seiten gewechselt, Gebiete verschoben. Und mittendrin sitzen die Hilfsorganisationen. Die deutsche Ärztin Martina (Catrin Striebeck) ist eine der vielen helfenden Hände vor Ort. Die polyglotte Medizinerin, die mühelos zwischen Arabisch, Kurdisch, Englisch und Deutsch wechselt, arbeitet aber nicht nur aus Nächstenliebe. Mit ihrem kurdischen Lebensgefährten Cemal (Hussein Hassan) verfolgt sie ihre ganz eigene politische Agenda.

In Peter Otts Milan-Protokoll ist nichts, wie es zunächst scheint. Schon durch die Credits des Vorspanns schimmern kommende Ereignisse. Martina träumt von einer Autofahrt. Es ist der Weg zur Übergabe, der Moment ihrer Rettung, wie sich später herausstellen wird. Denn als die Ärztin aus ihrem Traum im nordirakischen Dohuk hochschreckt, ist sie noch auf freiem Fuß. Dann geht es schnell. Ted Gaiers Synthesizer treiben Martina und ihren Fahrer voran, über die Grenze nach Syrien, um eine verwundete deutsche Kämpferin zu verarzten. Darauf folgt eine Rückschau. Im deutschen Konsulat in Erbil steht Martina einem Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (Christoph Bach) Rede und Antwort. Er heißt Thomas, doch Martina nennt ihn Moses, wie sie auch einem ihrer Kidnapper einen anderen, von ihr gewählten Namen gegeben hatte. Das Gespräch entbirgt nach und nach, wann, wie, warum und von wem die Frau als Geisel genommen wurde. Im wohlgeordneten Design des hellen Konsulats lässt Martina die ungeordneten Tage im dunklen Zimmer ihrer Entführer vor ihrem inneren Auge auferstehen. Nicht immer ist das, was sie Moses sagt, auch das, was das Publikum sieht. Erinnerung, Traum und Wirklichkeit, Lüge und Wahrheit verschwimmen.

Diese ausgeklügelte Form ist denn auch das Spannendste an Peter Otts Film. Wie er die Erzählebenen miteinander verflicht, gemeinsam mit Cutter Timo Schierhorn und Tonmeister Uwe Dresch Szenen durch akustische Überlappungen ineinanderfließen lässt, ist selten im deutschen Film und überaus gelungen. Seine Handlung, in der von Omar (Adil Abdulrahman), dem Kopf der Entführer, über dessen Handlanger Adnan (Bengin Ali), Jibril (Erol Afsin) und Ismael (Samy Abdel Fattah) bis zu Murat (Aziz Çapkurt), einem Mitarbeiter des türkischen Geheimdiensts, jeder jeden täuscht, ist hingegen überkonstruiert. Bis zum Schluss wirkt das Geschehen nie recht im Fluss, sondern stets wie am Reißbrett konzipiert.

Dadurch gerät die Mischung aus doppeltem und sich doppelndem Kammerspiel, Geiseldrama und Politthriller zu unausgewogen. Nervenkitzel will nie richtig aufkommen, da wir von vornherein wissen, wie die Entführung ausgeht. Spannend bleibt einzig die Frage, wer wie und weshalb mit wem zusammenarbeitet. Hier zeichnet Ott, der auch das Drehbuch verfasste, zwar ein wendungsreiches, durchaus realistisches Bild der verworrenen Ausgangslage aus Idealisten und Opportunisten. Letztlich bleiben viele der beteiligten Figuren aber ziemlich flach und deren Darsteller in ihrem Spiel zu eindimensional, um wirklich mitzureißen. Catrin Striebeck macht ihre Sache gut, ist allerdings in manch hochdramatischer Szene seltsam teilnahmslos. Ted Gaiers Musik könnte ein Indiz dafür sein, dass auch Ott das bemerkt hat. Sein Elektro-Score erzeugt mit der in Innenaufnahmen oft unruhigen Kamera eine künstliche Dynamik, die dem Rest des Films abgeht.
 

Das Milan-Protokoll (2018)

Die deutsche Ärztin Martina (Catrin Striebeck) wird im Irak von einer Gruppe entführt, die dem Islamischen Staat nahesteht. Während der Geheimdienst versucht, Kontakt zu Martina zu bekommen, wird die Gruppe von internen Rivalitäten belastet - und schon bald weiß sie nicht mehr, wem sie überhaupt noch trauen kann. 

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