Crazy Horse

Crazy Horse

Eine Filmkritik von Patrick Wellinski

Alles nur Spezial-Effekt

Wer nicht weiß, was der künstlerische Ansatz des – mittlerweile fast schon legendär zu nennenden – Dokumentarfilmers Frederick Wiseman ist, der sollte auf die ersten zehn Minuten seines neusten Film Crazy Horse achten. Zunächst tanzen da die wundervollsten Frauenkörper zu hypnotischer Musik, angestrahlt von wahnsinnig intensiven bunten Scheinwerfern. Die Kamera fängt die Bewegungen der Körper ein, als würde es dort nichts anderes mehr geben, zwischen uns und der Leinwand. Und dann, ganz plötzlich, gibt es einen Schnitt. Die Kamera zeigt zwar immer noch die tanzenden Frauen, doch nun sind wir schon mitten in einem anderen Zuschauerraum, der Ton ist rauher, die Illusion dahin. Es folgt eine Schnittfolge mit folgendem Bildinhalt: Tonregler, Monitore, Tastaturen, die Straßen von Paris – und ganz plötzlich ist das weltbekannte Pariser Burlesque-Theater „Crazy Horse“ kein Ort der absoluten Körperkunst, sondern ein Geschäft unter vielen.
Das ist Frederick Wiseman, darum ging es ihm schon immer. Nie richtete er seinen Blick auf die Inszenierung, sondern schaute immer hinter die Kulissen, wollte sehen, wie der Alltag eines Krankenhauses aussieht (Hospital), wollte wissen, welche Prozesse junge auszubildende Kadetten in der amerikanischen Armee durchlaufen (Basic Training) oder durchleuchtete nichts weniger als die Funktionsweise der Demokratie (State Legislature). Mittlerweile wuselt Wiseman durch Europa und blickte nicht nur in die Welt rund um einen Boxring (Boxing Gym), sondern auch hinter die Kulissen eines Pariser Balletts (La Danse – Das Ballett der Pariser Oper).

Sein neuster Film Crazy Horse darf daher getrost als Companion-Piece zu La Danse gelesen werden. Nach den Qualen der Ballerinas sind nun die Proben und die Welt der Burlesque-Tänzerinnen des „Crazy Horse“ an der Reihe, durchleuchtet zu werden. Mit einer unnachahmlichen Neugier blickt Wiseman auf die Proben zur neuen Show „Désirs“. Er schaut hin, wie der Choreograph die Show entwirft, wie man um möglichst lange Probezeiten feilscht, wie neue Tänzerinnen gecastet werden, wie das Licht gesetzt wird und auch, wie die Kostümdesignerin einen distinguierten Wutausbruch erleidet.

Das Wunderbare an Crazy Horse ist die erneute Bestätigung, dass der mittlerweile 81-jährige(!) Wiseman sich auf seine alten Jahre nicht mehr lumpen lässt und seinem Stil, dem direct cinema, treu bleibt. Hinzu kommt eine gewisse vergnügliche Komponente, denn der Spaß, den der Regisseur bei den Dreharbeiten zwischen all den reizenden Damen und ihren „nude chick“-Tänzen hatte, spricht aus fast jeder Einstellung. Und sei es jener Moment, in dem die – zugegebenermaßen – äußerst ansehnlichen Hinterteile von acht Tänzerinnen durch eine Art Schattenspiel zu einem tosenden Meer mit Wellengang transformiert werden.

Wiseman zeigt immer wieder ganze Auftritte der Tänzerinnen als nahezu perfekte Inszenierung, als fast schon avantgardistische Collage aus Ton, Bewegung und Farben – doch niemals opfert er dafür seinen künstlerischen Ansatz. Denn auch die wundervollste Choreographie nackter Frauenkörper ist nichts weiter als Resultat einer anstrengenden und mitunter auch höchst stressigen Probenzeit. Darin besteht die Essenz dieses Films und damit auch aller Wiseman-Filme: Alles nur Spezial-Effekt.

Crazy Horse

Wer nicht weiß, was der künstlerische Ansatz des – mittlerweile fast schon legendär zu nennenden – Dokumentarfilmers Frederick Wiseman ist, der sollte auf die ersten zehn Minuten seines neusten Film „Crazy Horse“ achten. Zunächst tanzen da die wundervollsten Frauenkörper zu hypnotischer Musik, angestrahlt von wahnsinnig intensiven bunten Scheinwerfern.
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