Chapiteau-Show

Chapiteau-Show

Eine Filmkritik von Martin Gobbin

Als der Zirkus in Flammen stand

Auf die Russen ist auch kein Verlass mehr. Bisher schien es die originäre Aufgabe des post-sowjetischen Kinos zu sein, den internationalen Festivalbetrieb mit Dramen voll schwermütigem Miserabilismus und metaphysischer Sinnsuche zu versorgen. Wenn dann ein Film mit der furchteinflößenden Spielzeit von 207 Minuten dräut, wappnet man sich innerlich für einen weiteren Geduldstest ganz im Zeichen des asketischen bis hermetischen Kunstkinos, das in Osteuropa seit dem Ende des Kalten Krieges gewachsen ist.
Doch Sergej Lobans Wundertüte Chapiteau-Show scheint auf den ersten Blick das genaue Gegenteil des typisch russischen Films zu sein: Kein materielles Elend, keine verzweifelte Spiritualität, ja, noch nicht einmal politische Willkür oder Korruption im Verwaltungsapparat. Stattdessen serviert Loban – mit seinem Ensemble, das einem Fleisch gewordenen Kuriositätenkabinett gleicht – ein groteskes Spektakel.

Entlang der vier Themenblöcke „Liebe“, „Freundschaft“, „Respekt“ und „Partnerschaft“ entzündet sich ein Feuerwerk aus opulenten Bildern, exzentrischen Figuren und schrägem Humor. Eine Internet-abhängige Jugendliche lernt beim Online-Dating einen sozial inkompatiblen Computernerd kennen und trampt mit ihm umgehend zur Krim. Dort treffen sich auch vier taubstumme Freunde wieder, die sich voneinander entfernt hatten. Ein Vater nimmt seinen urban geprägten Sohn mit auf einen Abenteuertrip in die Natur. Und ein selbstherrlicher Möchtegern-Musikproduzent tourt mit seinem künstlich herangezüchteten Star und einem Kameramann durch die Gegend.

Die Protagonisten einer jeden Episode treten als Nebenfiguren auch in den drei anderen Abschnitten auf und sind untereinander mehr oder minder lose verknüpft. Indem Loban die Aufmerksamkeit auf andere Charaktere lenkt, ansonsten aber zentrale Ereignisse in jedem Teil des Films wiederholt, sehen wir einige Szenen mehrfach und aus verschiedenen Perspektiven, was innerhalb einer einzigen Situation zuvor unbemerkte Erzählstränge offenlegt. Besonders schön gelingt das, wenn wir einen Musiker zunächst stumm spielen sehen, weil der Film den Moment aus Sicht der Taubstummen zeigt. Später aber betrachten wir denselben Augenblick aus der Position des Musikers und erleben ein zwischenmenschliches Drama, das bis dahin verborgen geblieben war.

Chapiteau-Show hat in Russland bereits den Status eines Kultfilms erreicht. Kein Wunder, kombiniert er doch soziale „Freaks“ mit irrwitzigen Situationen und einer schrillen Optik. Immer wieder treten die Figuren dabei auf eine Bühne in einem an der Steilküste gelegenen Zirkuszelt. Dort zersägt der Direktor eine Dame, während er Goethes Erlkönig rezitiert. Elvis Presley fliegt durch die Luft, stiehlt Sekt und zieht einem Gast seine Gitarre über den Kopf. Und schließlich setzt sich das Jahr der musikalischen Zwischenpausen fort, wenn – wie in Holy Motors oder Mondomanila – urplötzlich eine Musical-Nummer die Handlung unterbricht.

Doch schaut man einmal unter die quietschbunte Oberfläche dieses zügellos überkandidelten Films, so fällt auf, dass sich inmitten aller Albernheit und Exzentrik das Grau des russischen Pessimismus verbirgt. Die Liebe scheitert ebenso wie die Freundschaft, der Respekt bleibt genauso uneingelöst wie die gleichberechtigte Partnerschaft. Die poppig-surreale Optik mag diesen pessimistischen Blick anders verpacken als es ein Großteil aktueller russischer Filme tut – doch letztlich lässt sich die bittere Pille damit nur leichter schlucken, die Substanz aber bleibt die gleiche.

Doch natürlich ist das russische Autorenkino ohnehin nicht so homogen – das heißt, so bedrückend – wie man glauben mag. Regisseure wie Igor Voloshin (Nirvana, I am), Victor Ginzburg (Generation P) oder Ilya Khrzhanovskiy (4) brechen aus den Klischees des russischen Films aus und geben sich visuellen Exzessen hin, statt die Leiden der nationalen Seele zu untersuchen. Selbst innerhalb dieser Phalanx der jungen Wilden des russischen Kinos ist Chapiteau-Show jedoch ein einzigartiges, weil konsequent radikales Werk. Wo sonst tanzt schon Marilyn Monroe mit einem Astronauten, der sich letztlich als Bär entpuppt?

Chapiteau-Show

Auf die Russen ist auch kein Verlass mehr. Bisher schien es die originäre Aufgabe des post-sowjetischen Kinos zu sein, den internationalen Festivalbetrieb mit Dramen voll schwermütigem Miserabilismus und metaphysischer Sinnsuche zu versorgen. Wenn dann ein Film mit der furchteinflößenden Spielzeit von 207 Minuten dräut, wappnet man sich innerlich für einen weiteren Geduldstest ganz im Zeichen des asketischen bis hermetischen Kunstkinos, das in Osteuropa seit dem Ende des Kalten Krieges gewachsen ist.
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