39,90

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Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die Werbung ist ein lächelndes Aas

Die Werbung ist ein lächelndes Aas — so lautet der Titel eines Buchs, in dem der Benetton-Fotograf Oliviero Toscani im Jahre 1996 radikal mit der Werbebranche abrechnete. Seitdem gilt der Fotograf, der mit seinen Bildern von AIDS-Kranken, von blutverschmierten Uniformen getöteter Soldaten und anderen Provokationen für Abscheu, Empörung und Begeisterung gesorgt hatte, als Querdenker (manchen auch als ausgemachter Heuchler), der Missstände wie Rassismus, Verlogenheit und Heuchelei innerhalb der Werbewirtschaft angeprangert hat. Auch wenn die Kritik an den Verheißungen von Werbebotschaften mindestens so alt ist wie die Werbung selbst: Erst seit Ende der Achtziger kommt es auch außerhalb akademischer Diskurse zu einer öffentlich geführten Auseinandersetzung mit den Strategien und Erscheinungsformen der Werbung – zumal deren Auftreten zunehmend aggressiver wird. So gibt es kaum ein Fußballstadion, das nicht den Namen eines finanzkräftigen Sponsoren trägt. Und in den USA sorgen Firmen an High Scholls und anderen öffentlichen Einrichtungen dafür, dass ihre Slogans und Claims wirklich jeden Winkel des Lebens durchdringen.
Doch auch die Formen des Widerstandes nehmen zu: So hat sich beispielsweise eine Gruppierung namens „Adbusters“ gegründet, deren erklärtes Ziel es ist, Werbung im öffentlichen Raum zu verfremden und diese so lächerlich zu machen und zu entlarven: „Wir sind ein weltweites Netzwerk von Künstlern, Aktivisten, Schriftstellern, Schelmen, Studenten, Pädagogen, Erziehern und Unternehmern, die die neue soziale Bewegung des Informationszeitalters voranbringen wollen. Unser Ziel ist der Sturz der bestehenden Machtstrukturen und einen deutlichen Richtungswechsel in unserer Lebensweise im 21. Jahrhundert zu bewirken“, so steht es im Manifest der Adbusters zu lesen. Wie sehr diese Gegenbewegung mittlerweile auf offene Ohren stößt, bewies auch der Roman 99 Francs (auf Deutsch lautet der Titel des Buchs 39,90) des ehemaligen Werbetexters Frédéric Beigbeder, der binnen kürzester Zeit zu einem Bestseller in Frankreich wurde und der auch in Deutschland Kultstatus erreichte. Kein Wunder also, dass die seit langem geplante Verfilmung des Romans bereits im Vorfeld für gespannte Erwartung sorgte. Eines vorweg – das Warten hat sich gelohnt, denn der Regisseur Jan Kounen hat sich weitgehend an den Tonfall des Buchs gehalten und zaubert kongeniale Bilder auf die Leinwand, die Beigbeders Zynismus in nichts nachstehen.

Octave Parango (Jean Dujardin) ist der Antiheld und das Alter Ego Beigbeders in Kounens Film, der gleich zu Beginn in heldenhafter Pose auf dem Dach eines Hochhauses steht und kurz davor ist, sich in die Tiefe zu stürzen – er hat’s versaut. Und dabei fing alles so verheißungsvoll an. Obwohl als jugendlicher Onanist mit Akne, vorstehenden Zähnen und einer dicken Brille der Marke Flaschenboden ausgestattet, schafft Octave den rasanten Aufstieg zu einem der Top-Texter der bekannten Werbeagentur „Ross & Witchcraft“. Doch der Erfolg hat seinen Preis: Octave ist ein zynisches, unsympathisches und stets bis zum Kragenrand des Designerhemdes vollgekokstes Arschloch, das kaum zu einer menschlichen Regung, geschweige denn einer ernsthaften Beziehung fähig ist. Einzig mit dem Art Director Charlie (Jocelyn Quivrin) verbindet ihn so etwas wie eine Freundschaft, ansonsten gleicht sein Leben demjenigen des Agenturhamsters, der schließlich von Octave mit Koks ins Jenseits befördert wird. Drogenexzesse, rauschende Partys und jähe Abstürze sowie die alltägliche Frustration durch dumme Kunden, die stets die gleiche langweilige Werbung bevorzugen, statt sich auf die innovativen Konzepte der Agentur zu verlassen. Als seine schwangere Freundin Sophie (Vahina Giocante) ihn schließlich verlässt, dämmert es Octave, dass sein rasanter Lebensstil geradewegs in den Abgrund führt. Doch ein sanfter Ausstieg aus dem Hamsterrad der Werbung funktioniert nicht, weswegen er alles daran setzt, gefeuert zu werden. Zu diesem Zweck greift er zu allen denkbaren Mitteln…

39,90 / 99 Francs ist kein Film, der auf einhellige Begeisterung stoßen wird – so viel ist sicher. Mit seinen grellen Bildern in rasanter Clip-Ästhetik, dem ätzenden Spott, mit dem Beigbeder und Kounen die Werbebranche bombardieren, der Negierung jeglicher Moral und einer Hauptfigur, die überhaupt nichts Sympathisches an sich hat, provoziert der Film geradezu Widerspruch, fordert dazu heraus, ihn laut, gemein, abstoßend und verkommen zu nennen. Auch die Wahl der virtuos eingesetzten filmischen Mittel, die die Werbung mit ihren eigenen ästhetischen Waffen zu schlagen versucht, dürfte nicht jedermann gefallen.

Und doch, trotz aller Neigung zur hemmungslosen Übertreibung und zu manchem Bruch und der am Ende des Films doch etwas aufgesetzt wirkenden Moral: Wer die Branche kennt, weiß, dass hier lediglich auf die Spitze getrieben wurde, was in der Realität vorgefunden werden kann. Die Lügen, der Opportunismus, die Heuchelei und der alltägliche Rassismus der Werbung – sie sind da und haben längst ein unerträgliches Maß angenommen. Werbung, so drückt es Kalle Lasn, der Begründer der Adbusters in seinem Buch Culture Jamming aus, ist „das am weitesten verbreitete und stärkste aller mentalen Umweltgifte. Vom ersten Ton des Radioweckers am Morgen bis zu den frühen Morgenstunden des Nachtprogramms im Fernsehen strömt kommerzielle Verschmutzung in unser Gehirn, und das mit einer Geschwindigkeit von etwa dreitausend Marketingbotschaften pro Tag. Täglich werden etwa zwölf Milliarden Displayanzeigen, drei Millionen Radiowerbungen und mehr als zweihunderttausend TV-Werbespots im kollektiven Unbewusstsein Nordamerikas abgeladen.“

Auch wenn es schwierig bis unmöglich sein dürfte, gegen den Moloch Werbung anzugehen und das richtige Maß zu finden, um die verlorene Balance wieder herzustellen: Es ist wichtig, dass es Filme und Bücher wie diese gibt, die auf meinetwegen übertriebene, vor allem aber deutliche Weise klar machen, wie sehr wir alle uns längst im Hamsterrad der Werbung bewegen und zu Tode hetzen. Es ist an der Zeit, dass wir uns dies bewusst machen. Was dagegen zu tun ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Die Auswege, die Octave am Ende bleiben, sind jedenfalls – das zeigt Kounen ebenfalls deutlich – nur Stilisierungen, die mit der Realität nichts zu tun haben und die sich aus den gleichen Sehnsüchten speisen wie die Traumbilder der Werbung. Der Kreis hat sich geschlossen, wir sind nichts anderes als Gefangene der Trugbilder, die wir selbst erschaffen haben.

Wie gesagt: Man muss den Film nicht mögen. Trotzdem — dies ist nicht nur ein guter Film, sondern vor allem ein enorm wichtiger.

39,90

Die Werbung ist ein lächelndes Aas — so lautet der Titel eines Buchs, in dem der Benetton-Fotograf Oliviero Toscani im Jahre 1996 radikal mit der Werbebranche abrechnete.
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Meinungen
Chris · 03.01.2013

Was für ein Film! Absolut der Wahnsinn und einer meiner Lieblingsfilme. Warum? Weil er einen aufklärenden Charakter besitzt? Weil er aufzeigt wie Marketing und Werbung unseren Alltag beherrscht? Nein! Weil er schlicht und einfach genial umgesetzt ist.

Julie 29 · 17.02.2009

Genial, entlarvend, zynisch, unterhaltsam, intelligent, bunt, schnell, außergewöhnlich- ansehn!

· 29.01.2009

der Film ist so GEIL !!! sowas hab ich lange nicht mehr gesehen! rasant, witzig, absurd, sexy, emotional - HAMMER

· 04.10.2008

das war der beste film den ich jemals gesehen habe, und die zwei Enden machen ihn noch genialer

JIAO · 23.08.2008

der film gefaellt einem nicht so aber er zeigt so vieles so gut auf dass er ein wichtiger film ist. ich finde da sollten schulklssen reingehen weil er auch viel anregung für diskussionen gibt und dann werden die kinder stolz sein nicht auf sowas reinzufallen!!

Sergej Frank · 23.08.2008

Absolut sehenswert der Film. Unbedingt ins Kino gehen solange er dort noch läuft. Ein einmaliges Erlebnis. Die Franzosen haben es filmmäßig einfach drauf, kann man nix gegen sagen!!!

Dominik · 22.08.2008

Hauptsache Björn versteht immer alles ;)
Danke dir aber ich habe sehr wohl alles verstanden ;)

? · 17.08.2008

einer dieser filme die einen alles drum herum vergessen lassen, aber beim sehen zum denken anregen

björn die 2. · 14.08.2008

Übrigens. Nicht auf Dominik bewertung achten bezüglich des Endes. Hat es wohl scheinbar nicht sowirklich verstanden ^^

björn · 14.08.2008

Genialer Film. Ich arbeite in der Werbebranche. Natuerlich nich in einer der großen Agenturen, aber wo octave recht hat, hat er recht!

Das was der Film zu sagen hat ist absolute korrekt.

Thematik super umgesetzt!

Margret · 09.08.2008

Ich habe soeben den Film gesehen und muss sagen, dass dieser mit Bildgewalt und Übertreibung der Realität die Wirklichkeit kongenial einfängt und wiedergibt.
Selbst wenn wir versuchten, das Hamsterrad zu verlassen, wir können nicht entkommen.

Margret · 09.08.2008

@ cockl vom 21.07.2008:
ich bin übrigens 55 Jahre "alt" und habe ihn recht gut verstanden. :-)

Estelle · 07.08.2008

Endlich mal wieder ein origineller Film!

· 04.08.2008

Ein klasse Film! Schön, dass es noch Verleiher gibt, die den Mut haben so was ins Kino zu bringen.

Steffie · 02.08.2008

Hab ihn in der Sneak gesehen und muss sagen es war einer der besten Filme die ich in letzter Zeit gesehen habe, wenn nicht sogar der Beste.

Ich empfehle ihn aufjedenfall mit gutem Gewissen weiter! ;D

cockl · 21.07.2008

super. hab ihn heut in der sneak gesehn. der film is echt klasse. viele werden ihn aber auch hassen. und ich denke vor allem fürs ältere publikum ist er nichts. das ende fand ich persönlich ganz gut. nur könnte es zu verwirrungen führen. ich denke einige werden es nicht verstanden haben. eigentlich sind es ja keine zwei enden.

Maho · 19.07.2008

Ein herausragender Film!!
Spektakuläre Kameraführung, hervorragende Schauspieler, krasse Drogentripps und die Werbeindustrie, die abstößt und gleichzeitig fasziniert!!

Julia · 18.07.2008

Habe den Film letzten Dienstag in der Sneak-Preview gesehen. Es stimmt,der Film ist nicht jedermanns Geschmack. Ich aber fand ihn einfach nur genial und kann ihn weiterempfehlen

· 17.07.2008

Grossartig. was für ein trip und so viel wahrheit. wow!

t · 15.07.2008

überragender film in "fear and loathing las vegas" manier

Dominik · 15.07.2008

Hallo,
Herr Joachim Kurz schreibt hier einfach nur einen verdammt zutreffenden Artikel mit perfekter Beschreibung des Films. Habe ihn gestern Abend gesehen (den Film ;) ) und war einfach nur begeistert!!!! Noch NIE habe ich mir so viele Gedanken darum gemacht, was die Werbung mit uns anstellt, uns in ihren täglichen Bann zieht und in den Konsum täglich neu erscheinender Güter ZWINGT. Einen großen Respekt an die Macher meinerseits - auch wenn man sich das Ende hätte schenken können, welches meiner Meinung nach (bei "Option 2", an die Insider) schnulzig wirkte. Ich werde die nächste Zeit mit offenen Augen durch die Gegend ziehen und mal darauf achten, nicht alles zu kaufen was in Werbung einfach nur "schön geredet" wird! Lieben Gruß - ein wahrer Fan dieses Films :)

· 10.07.2008

Ein Film der verwirrt und einem in eine nochnie dagewesene trance versetzt! Es kommt nicht auf den Inhalt dieses Films an, sondern die art und weise wie er einen in trip versetzt. Selten so einen guten Fil gesehen!

Kommentare

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