Toys of Terror (2020)

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„Toys of Terror“ von Nicholas Verso handelt von fiesem Spielzeug. Das war zu erwarten. Aber dieser Film macht noch viel mehr mit uns.

Toys of Terror (2020)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Verfluchtes Weihnachten!

„Toys of Terror“ – hier ist der Titel Programm. Ähnlich wie bei „Chucky – Die Mörderpuppe“ (1988), „Puppet Master“ (1989) oder „Demonic Toys“ (1992) geht es um Spielzeug, das ein garstiges Eigenleben entwickelt. Und doch ist dieser Film überraschend anders. Während das stetig wachsende „Chucky“-Franchise mit schwarzem Humor, boshaften One-Linern und zunehmend mit Selbstreferenzialität arbeitet, waren die „Puppet Master“-Reihe sowie „Demonic Toys“ (samt Folgewerken wie „Dollman“) als betont billige Video Nasties darauf ausgerichtet, zum Nischenkult unter Genre-Fans zu werden.

Das filmhistorische Schicksal von Toys of Terror lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer vorhersagen. Bis dato wurde dem Film nur sehr wenig Aufmerksamkeit zuteil. Das ist schade, könnte diesem seltsamen Werk auf lange Sicht aber durchaus zum Vorteil gereichen. Denn wahre Kultfilme werden nie sofort als solche erkannt beziehungsweise direkt mit entsprechendem Label vermarktet, sondern müssen erst einmal entdeckt werden. Und genau das hätte Toys of Terror verdient. Er drängt sich nicht mit ironischem Augenzwinkern und pseudoschlauen Meta-Sprüchen auf. Er scheint sich wirklich ernsthaft Mühe zu geben, seine völlig absurde Prämisse souverän umzusetzen. Und er bereitet in knappen 90 Minuten einen höllischen Spaß, gerade weil er kein aufmerksamkeitsheischender Wannabe-Camp und dennoch absolut wild ist.

Also, worum geht’s in Toys of Terror? Im Zentrum steht eine Patchworkfamilie. Die 15-jährige Alicia (Verity Marks) muss die Weihnachtstage mit ihrem Vater David (Dayo Ade) in den verschneiten Bergen irgendwo im Norden Washingtons verbringen. Davids neue Frau Hannah (Kyana Teresa) hat dort ein altes Haus gekauft, das früher einmal ein Kinderheim war. Aus erster Ehe bringt Hannah wiederum zwei kleine Kinder, Zoe (Zoe Fish) und Franklin (Saul Elias), mit; außerdem ist das Kindermädchen Rose (Georgia Waters) mit dabei.

Die erste Überraschung: Alle Figuren sind erstaunlich okay. Die Kids nerven ein bisschen, Hannah scheint den anderen etwas zu verheimlichen. Aber niemand ist hier unsympathisch – und das ist insbesondere in Horrorfilmen wahrlich eine Seltenheit. Noch überraschender: Das Schauspiel ist ziemlich solide – und die Besetzung angenehm divers. Hey, ist Toys of Terror womöglich ein richtig guter Film?

Hm, nein. Aber das Wichtige ist: Er versucht es. Während etwa die am Fließband produzierten Beiträge der berüchtigten Asylum-Schmiede mit ihren Ultra-Low-Budget-Mockbustern (von Transmorphers über Titanic 2 – Die Rückkehr bis hin zu Sharknado) in ihrer ausgestellten Schlechtigkeit eine unschöne Publikumsverachtung ausstrahlen, will Toys of Terror offenbar wirklich, dass wir diese Figuren ins Herz schließen. Um glaubhafte Charaktere zu sein, erklären sie uns zwar viel zu oft den Plot, doch das können wir ihnen leicht verzeihen. Im Gruselhaus erleben sie alsbald erste Irritationen (War da ein Geist? Wo kommt denn dieses Spielzeug her?), ehe die titelgebenden Terror-Toys loslegen.

Hier kommt nun die größte Überraschung: Der Regisseur Nicholas Verso, der für seine bisherigen Kurz- und Langfilme (etwa die Coming-of-Age-Fantasy Boys in the Trees) schon diverse Auszeichnungen erhalten hat, setzt bei der Inszenierung des diabolischen Spielzeugs nicht (nur) auf den typischen CGI-Look, sondern auf Stop-Motion-Tricks. Viel Budget stand vermutlich nicht zur Verfügung – aber das Ergebnis wirkt so herrlich aus der Zeit gefallen, dass es eine Freude ist. Eine recht kühne Entscheidung ist es überdies, die Spielzeug-Truppe bei ihrem ersten großen Auftritt auf dem hellen Dachboden eine Musicalnummer für die beiden Kinder des Haushalts darbieten zu lassen. Zu eigenwilliger Zirkusmusik hüpfen unter anderem ein Affe, eine überdimensionale Biene, ein grüner Weihnachtself, ein Muskelmann, ein Drache, ein Elefant, ein Teddy und ein Quietsche-Auto herum, um kurz danach für Schrecken zu sorgen.

In Erinnerung kommt hier ein Film aus dem Jahre 1972: In Rabbits (auch bekannt unter seinem Originaltitel Night of the Lepus) versuchte der Regisseur William F. Claxton, mutierte Hasen, die in Miniaturmodellen wüteten, als Bedrohung zu verkaufen. Das Werk kulminiert in der aberwitzigen Polizei-Durchsage: „Ladies and gentlemen, attention! There is a herd of killer rabbits headed this way and we desperately need your help!“ Auch Claxton gab sein Personal nicht auf einfachstem Wege der Lächerlichkeit preis, allerdings fiel es schwer, die Figuren zu mögen. Bei Alicia, Hannah, Rose und den übrigen Figuren aus Toys of Terror fällt das leichter. Und so können wir zwar oft gar nicht glauben, was da auf der Leinwand passiert – aber wir sind voll dabei. Zum Beispiel wenn es dank eines besonders gemeinen, schrill schreienden Weihnachtsengels zu einem Angriff der geschmückten Riesentanne kommt. Oder wenn sich die fiese Grinse-Biene ins Auto schleicht, mit dem die Flucht ins Krankenhaus gelingen soll.

Das alles wird von Verso mit atmosphärischer Ausleuchtung und etlichen hübschen Ausstattungsdetails in Szene gesetzt, sodass wir diesen Film bei aller Albernheit nie wirklich auslachen können. Ganz am Ende wird der zauberschöne Song O Helga Natt von Nils Bech gespielt, die Stimmung ist super-melancholisch und erneut fragen wir uns leise: Ist Toys of Terror womöglich doch einfach nur gut? Es ist wunderbar, wenn ein Film es schafft, unsere Kategorien von „gut“ und „schlecht“, Kunst und Trash zu hinterfragen.

Toys of Terror (2020)

Kurz vor Weihnachten ziehen die junge Zoe, ihr Bruder Franklin und ihre Familie in ein abgelegenes Herrenhaus mit einer dunklen Vergangenheit. Per Zufall stoßen die Kinder auf eine versteckte Holzkiste, dessen Inhalt altes Spielzeug ist. Als die Spielsachen auf magische Weise zum Leben erweckt werden, entwickelt sich die besinnliche Zeit in ein brutales Fest des Grauens.

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