The Maestro (2021)

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Ein verkanntes Musikgenie will endlich sein Magnum Opus umsetzen – und geht dabei über Leichen. Klingt bekannt? Ist es leider auch.

The Maestro (2021)

Eine Filmkritik von Bianka-Isabell Scharmann

Zu viele schiefe Töne

Die Grundidee hinter „The Maestro“ ist allzu bekannt: Ein Außenseiter, besser gesagt ein verkanntes Genie, abgelehnt von der Welt, wird in eine für ihn (!) niedere Position verbannt. Aufgrund der Ablehnung und der Missachtung gleitet er in den Wahnsinn ab und fordert alles von seinen Schützlingen für seine Kunst. Damit befinden wir uns mittendrin im Problem von „The Maestro“, der sich nicht entscheiden kann, ob er diesen Mythos entlarven oder doch lieber hochhalten will. Hinter dem Untertitel könnte im Kleingedruckten die Frage aufblitzen, ob zum Genie nicht doch Wahnsinn gehört und Kunst nicht doch etwas mit Leiden und Leichen zu tun hat. Vorausgesetzt, man glaubt an sowas wie Genie.

Ästhetisch gekleidet als Homage an B-Horror-Movies kommt The Maestro daher: hohe Kontraste, elektrisches Blau und sattes, kaltes Gelb, Rottöne hochgedreht, Charaktere sind Figuren oder teils sogar Archetypen. Das macht Spaß und könnte mehr Spaß machen, wäre da nicht die Handlung – und die Hauptfigur. Der anfangs wie ein vertrottelter, abgehalfterter und gutmütiger daherkommende Dirigent und Komponist Dr. Arjun (Somtow Sucharitkul) trägt ein Kindsheitstrauma mit sich herum, das sich aufgrund der Ablehnung nach und nach Bahnen bricht. Seiner Mutter, eine begnadete Sängerin, wurde von seinem Vater die Zunge herausgeschnitten. Mit dem Titel seiner Oper – „Die Zunge des Engels“ – will er ihr Vermächtnis erklingen lassen. Dr. Arjun, der auch in seiner jetzigen Stelle nicht für voll genommen wird, entscheidet sich mit zwei Schützlingen an einen Ort zu ziehen, an dem sie endlich die Musik spielen können, die sie wollen. Die beiden Jungen – ein Pianist, der von seinem Vater emotional mishandelt wird und ein Violinist, der seine Mutter durch den Verkauf seines Körpers unterstützt – beginnen dann auch bald, das heruntergekommene Gemäuer samt angegliedertem Paradiesgarten mit weiteren Talenten zu befüllen. Obwohl Dr. Arjun erst als Retter in der Not auftritt, fürchtet man bald um das Wohlergehen der Kinder – zu Recht.  

Selbst die fantastischen Elemente und die Horror-Ästhetik schaffen es nicht, den Film als eine Abrechnung mit dem Geniekult wirken zu lassen. Im Gegenteil: Es scheint eher, als ob Dr. Arjun letztlich für seinen wahnsinnigen Erfolg gefeiert wird. Die Kinder wollten zwischendurch das dunkle Wonderland verlassen und wurden von einem Dr. Arjun Hörigen hinterrücks gejagt und erschossen. Das hat dann doch mehr von Kinderfänger als Erlöser. Und das wird dann mit Wahnsinn und Genie liegen eben nahe beieinander erklärt? Nein, das ist nicht gut genug und auch nicht mehr zeitgemäß. Wenn schon die Hauptfigur psychologisiert wird, dann müsste man konsistenter mit den anderen umgehen – und da mangelt es gewaltig, denn die meisten von ihnen wirken wie Karikaturen. Und die Frauenfiguren…! Nein, lassen wir das.

Was den Film letztlich ein wenig rettet, ist der Hintergrund: Denn The Maestro hat vielen jungedlichen Musiker*innen im harten Lockdown geholfen, nicht die Wände hochzugehen. Und der Score des Films, vor allem die finale Symphonie, sind wirklich herausragend. Doch zu einer filmischen Symphonie des Horrors gehört mehr als ein Score, muss mehr sein als eine Hommage an eine Ästhetik. Und da bilden sich leider keine Harmonien.

The Maestro (2021)

Thailand in den Zeiten des ersten Lockdowns: Der Dirigent Arun muss verwöhnte High-Society-Kinder unterrichten, während er doch seit Jahren sein Opus Magnum »The Tongues of Angels« komponiert und davon träumt, es unter eigener Regie uraufzuführen. Die Pandemie zerstört seine Luftschlösser und zwingt ihn sein Schicksal mit anderen Mitteln in die Hand zu nehmen. Mitten im Nirgendwo bezieht er ein altes, verwunschenes Haus und schafft eine Utopie für begabte junge Musiker. Doch die Dinge laufen aus dem Ruder.  (Quelle: Filmfest Oldenburg 2021)

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