Spell (2020)

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Eine Reise in die Provinz von Kentucky entwickelt sich in Mark Tonderais „Spell“ zu einem Albtraum zwischen Psychothriller und gefährlichem Zauber.

Spell (2020)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Hoodoo-Horror in der Einöde

Die Rückkehr nach Hause nach langer Zeit der Abwesenheit – dieses Motiv diente in Romanen, Theaterstücken und Filmen schon oft als Ausgangspunkt für Konflikte. Auch Marquis T. Woods (Omari Hardwick), der Protagonist aus „Spell“, macht sich mit seiner Ehefrau Veora (Lorraine Burroughs) und seinen beiden Kids im Teenageralter, Tydon (Kalifa Burton) und Samsara (Hannah Gonera), auf den Weg in seine Heimat, die er vor mehr als zwei Dekaden zurückgelassen hat. Der heutige Anwalt, der mit seiner Familie in einem schicken Haus lebt und ein kleines Privatflugzeug besitzt, stammt aus dem ländlichen Kentucky, hat den Kontakt zu seinen religiösen Verwandten allerdings gänzlich abgebrochen. Als Marquis erfährt, dass sein Vater gestorben ist, will er dennoch an der Beerdigung teilnehmen. Und so besteigt die Woods-Familie den eigenen Flieger.

Rasch wird klar, dass Drehbuchautor Kurt Wimmer (Equilibrium) und Regisseur Mark Tonderai (House at the End of the Street) hier mit diversen Genreklischees arbeiten. Als die Familie einen Zwischenstopp macht, um das Flugzeug aufzutanken, werden sie von Einheimischen finster angeblickt und davor gewarnt, sich an ihr Reiseziel in den Bergen zu begeben. Aber wie schon unzählige Jugendliche auf fatalen Camping-Ausflügen oder etliche Bilderbuchfamilien vor dem Einzug in ein Gruselhaus ignorieren auch die Woods derlei Worte und setzen ihren Flug fort. Bald kommt es jedoch in einem Unwetter zum Absturz. Als Marquis erwacht, liegt er schwer verletzt in einem fremden Bett. Die resolute Eloise (Loretta Devine), in deren Nähzimmer auf einer abgelegenen Farm er sich befindet, behauptet, dass sie und ihr Ehemann Earl (John Beasley) nur Marquis in den Trümmern des Flugzeugs gefunden hätten. Vor dem Haus werden indes drei Gräber ausgehoben. Und auch sonst muss Marquis feststellen, dass hier einiges im Argen liegt.

Es ist ziemlich schade, dass Marquis’ Frau und Kinder nach dem Unfall vorerst aus der Geschichte verschwinden. Die Dynamik innerhalb der vierköpfigen Familie, in der auf sehr realistisch anmutende Weise Themen wie Rassismus und Klassismus diskutiert werden, ist spannungsreicher, als wir das von üblichen (Horror-)Filmfamilien kennen. Stattdessen werden wir in eine Situation geworfen, die unweigerlich an Rob Reiners Stephen-King-Adaption Misery (1990) denken lässt. Marquis ist durch seine Verletzung ans Bett gefesselt und der dominanten, bedrohlich wirkenden Eloise völlig ausgeliefert. Angereichert wird dieses bekannte Szenario durch okkulte Elemente – denn Eloise ist eine sogenannte Hoodoo-Meisterin, die mit ominösen Gemischen, Knochen und selbstgebastelten Puppen hantiert. Den Horror des Ausgeliefertseins vermittelt die Inszenierung zuweilen durchaus eindringlich – was nicht zuletzt dem hochtourigen Spiel von Loretta Devine zu verdanken ist. Eloise ist gewiss keine komplex gezeichnete Figur, sondern durch und durch stereotyp. Dem Skript ist in dieser Hinsicht aber ein Bewusstsein anzumerken: Eloise und ihr Umfeld verkörpern all das, wovon Marquis sich seit Jahrzehnten zu distanzieren versucht – all das, was er hinter sich lassen wollte.

Mit seinem Kameramann Jacques Jouffret setzt Tonderai auf Bilder, die fast immer in Schieflage sind. Visuell kann Spell damit Eindruck hinterlassen. Die Dramaturgie wird hingegen zunehmend holpriger. Die Fluchtversuche von Marquis über Hausdächer oder durch den Wald, stets bei strömendem Regen, sind souverän gemacht. In der Zuspitzung im letzten Drittel, wenn plötzlich von einem Lebensübertragungszauber die Rede ist und alles minütlich abstruser wird, rutscht der Film indes in die unfreiwillige Komik ab. Beim Einsatz von Effekten im Finale stößt das Ganze zudem schmerzhaft an seine Budgetgrenzen.

Was bei aller Konventionalität des Plots, des Personals und der Umsetzung wiederum nicht unerwähnt bleiben sollte, ist die Tatsache, dass es sich bei nahezu allen Haupt- und Nebenfiguren um People of Color handelt. Dies ist leider selbst im Jahre 2021 noch keine Selbstverständlichkeit. In den beiden ersten Teilen der Teen-Slasher-Reihe Düstere Legenden (1998 und 2000) verkörperte Devine die Security-Frau Reese Wilson – und war dabei nahezu ausschließlich von Weißen umgeben, was zwar in einem launigen One-Liner kommentiert wurde, sonst jedoch schlichtweg als gegeben hingenommen wurde. Spell wird diesbezüglich hoffentlich bald nicht mehr als eine filmhistorische Fußnote sein – als eines der ersten Mainstream-Horrorwerke, in denen eine solche Besetzungspolitik endlich auf den Kopf gestellt wurde.

Spell (2020)

Ein Vater überlebt einen Flugzeugabsturz im ländlichen Appalachia, wird jedoch misstrauisch gegenüber dem älteren Ehepaar, das ihn aufnimmt und gesund pflegt.

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