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Raue Authentizität statt Instagram-Optik: Fotograf Andreas Reiner lichtet keine (Pseudo-)Prominenten ab, sondern dezidiert Menschen, die im gesellschaftlichen Abseits stehen. Jo Müller hat den eigensinnigen schwäbischen Bildermacher porträtiert. 

Schattenkind (2022)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Die im Dunkeln sieht man doch

„Einfach nix macha: Nur de` Kopf hängad lassa`“. Auch in seinen grimmig-charmanten Zurufen extrem schwäbischer Ausprägung ist Andreas Reiner ein ganz besonderer Fotograf. Vor ihm stehen zu Beginn von Jo Müllers dokumentarischer Annäherung an den freigeistigen  Bildermacher ungefähr 50 nackte Menschen – in freier Natur, in Schwarzweiß-Optik und frontal seiner mächtigen Nikon-Kamera gewandt. Im Fokus von Reiners ungewöhnlicher Kadrage steht obendrein mittig positioniert ein Mann am Flügel, der gedankenversunken in die Tasten greift. Zusammen ergibt sich daraus ein aufregend waberndes und zugleich doch weltentrücktes Tableau vivant. 

Dabei wurde dem nahe Warthausen (5000 Einwohner) im baden-württembergischen Biberach an der Riß lebenden Bildgestalter das Kamera-Gen keineswegs in die Wege gelegt. Geboren als Fabrikantensohn im Umbruchsjahr 1968 hatte er alles andere als eine einfache Kindheit: Sein viel reisender Vater, der vor allem im arabischen Raum tätig war, starb viel zu früh. Und seine Mutter, die im Nachkriegsdeutschland verlernt hatte zu trauern, wurde selbst immer mehr von Depressionen gepeinigt, weshalb sie sich mehrmals das Leben nehmen wollte. Beim fünften Versuch, einen Tag vor Andys 21. Geburtstag, glückte ihr dieser „Seelenwunsch“ schließlich, der ihren oft aggressiv-unruhigen Sohnemann umso mehr in die gesellschaftliche Randzone stieß. Bis dahin hatte sich der kantige Mann mit Bart, Glatze und schwarzer Ray-Ban-Brille vorwiegend als Zimmermann verdient. Nun stand er nicht nur vor dem emotionalen, sondern auch vor dem beruflichen Nichts. Für zwei Jahre wies er sich selbst – suizidgefährdet – in eine psychiatrische Tagesklinik ein. Dann schließlich bekam er endlich von der Bundesagentur für Arbeit die zweijährige Umschulung zum Fotografieren bewilligt, die er mit großem Engagement meisterte. 

Seit 2007 hat er sich in der eitlen Welt der Fotografen aufgrund seines ehrlichen Interesses für gesellschaftliche Outsider oder deren durchaus seltsam erscheinende Hobbys einen Namen gemacht. Das beginnt schon bei der Projektauswahl: Reiner fotografierte etwa den „Ersten katholischen Brustwarzenkalender“ oder „Göttlich“, in dem himmlisch strahlende Klosterschwestern zu sehen sind. Ob Dominas, Mütter von „Sternenkindern“, Tote und deren außergewöhnliche „letzte Gaben“ oder Mofa-Fans in Superhelden-Kostümen: Scheinbar kein fotografisches Gegenüber oder Setting ist Andreas Reiner zuwider. Im Gegenteil: Oft besucht er genau die Menschen und deren Orte, die sonst nie in den Medien abgebildet werden. Dass er sich mit diesem kompromisslosen Stil nicht nur Freunde macht, schert ihn keine Sekunde. Er ist heute ein deutlich ausgeglichenerer Mann. Längst hat er durch seine konzeptionelle Art des Fotografierens eine eigene Nische gefunden. Im Scheinwerferlicht stehen möchte Andreas Reiner nicht – nur seinen Objekten Würde zurückgeben, oder eben ihre raue, aber herzliche Authentizität bewahren.

Aus formalästhetischer Sicht ist dasselbe auch Regisseur Jo Müller gelungen. Das Dokumentarfilm-Porträt ist sein Spezialgebiet: in der Vergangenheit hat er unter anderem das „Schwäb`sche Spielbergle“ – Roland Emmerich – sowie den Hollywood-Gründungsvater Carl Laemmle (Universal Pictures) aus Laupheim filmisch porträtiert. „Ich werde keinen Moment dieser intensiven Dreharbeiten vergessen, die manchmal auch ins Herz der Finsternis führten“, sagt er über Schattenkind. Tränen vor der (Film- wie auch Foto-)Kamera sind stets erlaubt, aber nie Mittel zum Zweck. Schattenkind ist eine keinesfalls rührselige, sondern groß anrührende Nahaufnahme eines bewundernswerten Stehaufmännchens, das eigentlich immer nur zeigen wollte, dass es etwas kann – ein Film, der nicht nur Festivalpreise verdient (z.B. den „Granit“ in Hof), sondern auch ein Publikum.

Schattenkind (2022)

Im Mittelpunkt des filmischen Portraits steht der Fotograf Andreas Reiner. Mit seiner Kamera reist er zu Menschen, die am Rande der Gesellschaft und selten im Licht der Öffentlichkeit stehen.

Der Film begleitet Andreas Reiner bei dieser Arbeit und versucht zu verstehen, was sein Ansporn, was seine Motivation ist. Dabei spielt seine eigene Geschichte eine zentrale Rolle und wird dadurch auch zum Thema des Films und bringt den Zuschauer den Menschen Andreas Reiner näher. (Quelle: Arsenal Filmverleih)

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